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Angst, Corona und ich

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Alles reibt sich aneinander, spiegelt sich ineinander und gehört zusammen. Vom Menschen sagt man, er sei die Synthese von allem. Praktisch alles kann sich in ihm spiegeln, kann Resonanzen in ihm hervorrufen.

Corona trifft einen Nerv. Das kleinste aller Lebewesen zeigt dem Menschen, wer er ist. Da ist vor allem die Angst. Was ist das – Angst? Sie ist unsere Reaktion auf Bedrohliches. Der Angreifer ist diesmal unsichtbar. Corona wirkt aus dem Hintergrund heraus. Das sind wir ebenfalls, der Hintergrund.

Immer reagieren wir als der, der wir sind. Jetzt setzen wir Masken auf. Auch das passt zu uns, denn wir sind Personen. Das Wort Person leitet sich ab von personare (lat.) = hindurchtönen. Durch Masken tönt etwas hindurch, etwas aus dem Hintergrund, unser Lebenszustand. Wir spielen uns vor, führen uns vor Augen, was wir eigentlich immer tun. Die kunstvollste aller Masken ist unser Körper samt seiner Psyche. Unendlich viel kann er zum Ausdruck bringen, eine Riesenskala von Kräften, aus der Welt des Sichtbaren und Unsichtbaren, kollektiv und individuell.  

Corona zeigt uns unser Schattenhaftes, Schemenhaftes.

In einer Zeitung las ich den Satz: „Die Vergangenheit hat gezeigt: In jeder Epidemie haben kriminelle Organisationen triumphiert.“ Auch das sind wir. Nur wenige verhalten sich kriminell, in jedem jedoch lebt das Dunkle. Unser Bewusstsein kann von ihm verschluckt werden, von dem, was uns nicht bewusst war. Die Angst kommt aus uns selbst, und sie kann uns die Kehle zuschnüren. Wir sind die Bedrohung und wir sind auch die Angst davor. Nicht umsonst gibt es die vielen Gesetze, die uns voreinander in Schranken halten. Die allergrößte Bedrohung aber ist jeder für sich selbst.

Der Abgrund, der in uns ist, wirft sich ab und zu nach außen.

Dann stehen wir einander gegenüber. Abstand ist geboten. In jedem von uns gibt es allerdings auch eine Ebene, in der wir mit allen Menschen, ja allem Lebendigen überhaupt eins sind. Sie ist eine Art seelisches „Grundwasser“ – sie ist die Tragkraft des Lebens, des einen Lebens. Wenn sie wirkt, sind wir Liebe, Zusammengehörigkeit, dann sprudeln die Quellen des Vertrauens, der Loyalität, der Opferbereitschaft. Wir können dieses Grundwasser anbohren, doch wir können den Zugang zu ihm auch verschütten. Das tun wir mit der Angst und unserer Dunkelheit. Dann kommen nur Rinnsale aus der Quelle, es tröpfelt Wasser, das durch Angst und Dunkelheit hindurch geht und bitter wird und sich zu Feindseligkeit, Misstrauen und anderem wandelt, vergiftetes Wasser der Liebe. Wie das stattfindet, das spielen wir uns ebenfalls gerade vor. Die Angst hat bei dem Schauspiel die Hauptrolle übernommen. Wir sind Opfer und zugleich Zuschauer.

Doch es wird etwas erkennbar, Dunkles tritt ins Licht, wir können es wahrnehmen. Es will zwar unser Bewusstsein überwältigen, aber wir haben die Möglichkeit, es gleichwohl anzuschauen. Was machen wir mit dem, was uns ergreifen will oder uns vielleicht schon ergriffen hat? Wie nutzen wir unsere Handlungsspielräume?

Die Chance der Transformation

Ein befreiendes Licht leuchtet auf, eine Erkenntnis. In all dem, was gerade stattfindet, liegt ja eine Chance, die Chance unserer Transformation!

Die Angst, das Abgründige, das Unheimliche – ich nehme sie mit, nehme sie in meine Hände, erkenne sie an als meine Substanz, als mich selbst.

Ich bin ja nicht nur sie, ich bin Bewusstsein, das weiter und tiefer reicht. Bewusstsein ist ebenfalls eine Spiegelung, wie alles an mir. Es ist eine Facette, eine Ableitung aus dem Allbewusstsein. Es ist abgezweigt aus dem großen Meer, den Wassern des Ursprungs. Allzu leicht wird es zum Tümpel, doch es kann sich reinigen, kann etwas von dem erleben, was sich in ihm spiegelt, kann sich seinem Ursprung öffnen. Ich tue einen Schritt in diese Richtung, nutze die Chance und nehme das mit, was ich von mir erkannt habe.

Der Durchlass öffnet sich, er war fast verschüttet. Lebendiges Wasser strömt in mich ein. Es schwemmt vieles hinweg, was sich aufgetürmt hatte. Der Damm wird niedriger. Das ist schmerzhaft, sehr sogar. Mehr und mehr muss ich loslassen von dem, was ich bin, auch die Angst, die doch so sehr zu mir gehört. Ich muss mitgestalten, einverstanden sein mit dem, der ich werden soll.

Corona gab einen Anstoß dazu. Danke. Ich erlebe neuen Wellenschlag. Wellenkronen, coronas[1], Freude. Das kleine Virus kann den Anstoß geben für ein neues Miteinander. Dann hat es einen Sinn gehabt, all das Leid, das es über viele gebracht hat, genauer gesagt: das wir über uns gebracht haben.

 


[1] Corona bedeutet im Lateinischen, Spanischen und Italienischen "Krone".

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