Arm im Geiste

Arm im Geist

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Denn dieser Mensch besitzt immer noch einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes entsprechen will, und das ist nicht die wahre Armut. Denn der Mensch, der die wirkliche Armut hat, der ist völlig abgelöst von seinem geschaffenen Willen, so wie damals, als er noch nicht war. Denn ich sage euch bei der ewigen Wahrheit: Solange ihr den Willen besitzt, den Willen Gottes zu erfüllen und solange ihr Verlangen habt nach der Ewigkeit und nach Gott, so lange seid ihr nicht arm. Denn nur das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts verlangt.
Deshalb behaupte ich: Soll der Mensch arm sein an Willen, dann darf er so wenig wollen und verlangen, als er wollte und verlangte, als er nicht war. Und in diesem Sinne ist der Mensch arm, der nichts will.

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Wieder reißt mich die Radikalität Meister Eckharts in einen Strudel widerstreitender Gefühle.
In seiner Predigt „Über die Armut im Geiste“ macht er drei zentrale Aussagen:
-    Ein armer Mensch ist, der nichts will
-    Ein armer Mensch ist, der nichts weiß
-    Ein armer Mensch ist, der nichts hat.

Der moderne Mensch denkt sofort: Ja klar, ein solcher Mensch ist wirklich arm und zu bedauern: In der heutigen Zeit nichts zu wollen, nichts zu wissen und nichts zu haben bedeutet doch, ein „Looser“ zu sein, keine ausgeprägte Persönlichkeit zu haben, die weiß, was sie will und von welchen Zielen ihr Leben bestimmt ist.

Aber was ist  der wahre Reichtum dieser Armut, die Meister Eckhart meint?
Wir müssen tiefer denken, um zu verstehen, was er meint.

Wenn ich mich umblicke in der Welt, wenn ich auch die Motive meines Lebens anschaue – was stelle ich dann fest?

Der Mensch ist derart von seinem Willen geprägt, dass er die Erde und die Menschheit an den Rand der Existenz gebracht hat. Der bloße Wille – geprägt von Eigenmächtigkeit und Egoismus – hat uns in die Lage versetzt, die Menschheit mehrfach zu vernichten: durch atomare Bomben und Verseuchung, durch Klimakatastrophen ungeheuren Ausmaßes, die uns in naher Zukunft bevorstehen.
Und auch ich kenne diesen bloßen Willen – losgelöst von seelischer Erkenntnis und Klarheit – in mir. Wie zerstörerisch und blind er sein kann.

Eckhart sagt:

„Denn der Mensch, der wirklich Armut hat, der ist völlig abgelöst von seinem geschaffenen Willen, so wie damals, als er noch nicht war.“

Ich frage mich: Wer und wie war ich denn damals? Was ist meine damalige Existenz?
In einem meditativen Moment kann es geschehen, dass ich dieses Urbild von mir erkenne.
Es ist bloßes Sein, ohne die Bilder meiner Eigenschöpfungen.
Es ist Ein- und Ausatmen, ohne meinen geschaffenen Willen.
Es ist Schwimmen im kosmischen Lichtmeer.

Und wie mit dem Lassen des eigenen Willen scheint es mir jetzt auch mit dem Nicht-Wissen und dem Nicht-Haben zu sein. Das sind keine Plädoyers für schlichtes Denken und ein Leben in Besitzlosigkeit.  
Doch Meister Eckhard war hier ein kritischer Spiegel für die herrschenden  Reichen und Mächtigen seiner Zeit.
Die sophistische Intellektualität der Kirche hatte sich völlig von einem wahrhaftigen Christentum abgelöst und das Volk in Abhängigkeit und Unterwerfung gebracht. Die reichen Adeligen, Bürger und Kleriker hatten ein System geschaffen, in dem die Schere zwischen Reichen und Besitzlosen immer größer wurde.
Und ist dieser Spiegel nicht auch heute einer, der man einer Gesellschaft vorhalten muss, in der 1 Prozent der Menschen 50 Prozent des gesamten Weltreichtums besitzen?

Eckhard sagt:

„Wer nur arm sein soll an Geist, der muss arm sein an all seinem Wissen, so dass er überhaupt nichts weiß – weder Gott, noch Geschöpfe, noch sich selbst.“

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