Matrix

Aufbruch in „The Matrix“

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Der aktuelle Status der Menschheit spiegelt sich auf allen Ebenen in seinen erstarrten Begrenztheiten wider. Wir machen gewaltige technische Fortschritte, doch scheint die Psyche dabei zu verarmen. Spirituelle Traditionen enthalten die Aussage, dass der Mensch in einer für unsere Augen unsichtbaren Gestalt einstmals auf einer göttlich-geistigen Ebene lebte und dass seine ursprüngliche Form wie ein kristallener Spiegel zerbrach. Nun geht es darum, sich auf die Suche zu begeben und die Scherben wieder zusammenzusetzen. Hierzu bedarf es eines Mutes zum Aufbruch, wie ihn nur der Held aufweist, der aus Verzweiflung loszieht und bereit ist, sich für das Erringen „der Wirklichkeit“ vollständig zu opfern. Vor dieser Aufgabe steht der erwachende Mensch – möge er noch so unscheinbar in seiner Gestalt sein. In dem Science-Fiction-Epos Matrix verkörpert der unscheinbare Thomas Anderson alias Neo diesen erwachenden Menschen.

Neo ist ein einfacher Angestellter eines Software-Unternehmens und verdient sich nachts als Hacker etwas dazu. Der Name des Protagonisten kündigt bereits eine bevorstehende Erneuerung, etwas Neues, also eine grundlegende Veränderung an. Subtil spürt Neo deutlich, dass die Welt nicht dem entspricht, was sie vorzugeben scheint. Er sucht nach Antworten, deren dazugehörige Fragen er noch nicht kennt. Viele von uns kennen eine derartige oder ähnliche Situation aus dem eigenen Leben. Die Neugier ist Neos Antrieb und so begibt er sich im Netz auf Spurensuche nach der Wahrheit und begegnet dort einer rätselhaften Figur namens Morpheus. Dieser wird von der Regierung als gefährlicher Terrorist gesucht und als Gefahr für das System eingestuft. Morpheus ist in der griechischen Mythologie der Gott des Traumes und Schlafes. Die Tiefsinnigkeit seines Namens lässt erahnen, dass er eine wichtige Rolle im Erwachensprozess Neos spielen wird.

Eine andere wichtige Person in dem Abenteuer, zu dem Neo aufbricht, ist die attraktive Trinity. Durch gezielte Fragen lässt sie Neo spüren, dass sie mehr über ihn und die wahre Welt weiß. Sie kann Neo schließlich davon überzeugen, sich in ihre Hände zu begeben, und so initiiert sie ein Treffen zwischen ihm und Morpheus. Der Name Trinity deutet auf eine Dreiheit im Menschen hin, die sich wieder zu einer Einheit zusammenfügen muss: Geist, Seele und Körper.

„Willst du wirklich die ganze Wahrheit erkennen?“

Bei ihrem ersten Zusammentreffen stellt Morpheus Neo vor die legendäre Frage, ob er wirklich die gesamte Wahrheit hinter der menschlichen Existenz kennenlernen möchte. Neo bejaht dies und macht damit den ersten Schritt in eine ihm noch unbekannte Wirklichkeit. Noch scheint ihm das Ausmaß seiner Grundsatzentscheidung nicht bewusst zu sein. Sie reicht bis in die Tiefe des Existierens, und es bedurfte einstmals langer Vorbereitung, um der Aufforderung wirklich folgen zu können, die am Eingang des Apollontempels von Delphi stand:

Gnothi seautonMensch, erkenne Dich selbst.

Der aus dem Libanon stammende Schriftsteller und Philosoph Mikhail Naimy verkündete die Botschaft:

Verlange nicht von den Dingen, dass sie ihre Schleier ablegen. Entschleiere dich selbst, und die Dinge werden entschleiert sein. (in: Das Buch Mirdad)

In diesem Sinne möchte Morpheus Neo dazu bewegen, die Augen zu öffnen, die inneren Augen, die wirklich und unverschleiert erkennen. Um diese Wirklichkeit außerhalb der illusorischen Matrix wahrhaftig betreten zu können, wird Neo von Morpheus vor die Entscheidung gestellt, sich zwischen der roten und der blauen Pille zu entscheiden: Er entscheidet sich für die rote Pille. Sie symbolisiert die Erkenntnis und das Handeln. Durch das Schlucken der roten Pille und das Verbinden mit speziellen Schläuchen gelingt die Anbindung an die Wirklichkeit. Neo „sieht“, er erkennt sich selbst und die Welt, in der er lebt: Er erwacht in einer dunklen und trist wirkenden surrealen Landschaft, die mit gläsernen Behältern mit geleeartigem Inhalt übersät ist. In diesen Behältern befinden sich Menschenwesen, die über schlauchähnliche Kabel an Computer angeschlossen sind und es selber nicht bemerken. Diese Menschen leben in einem illusorischen Bewusstsein der Freiheit und Selbstbestimmung. Von der Realität abgeschottet, werden sie als Batterien, als gewaltige Energiekraftwerke für die Maschinen der künstlichen Intelligenz benutzt und energetisch permanent angezapft.

„Warum tun mir meine Augen so weh?“

Neo erkennt schmerzlich, in welchem sonst nicht wahrnehmbaren Gefängnis und Schein die Menschheit lebt. Als er aus diesem Albtraum der Realität erwacht, fragt er Morpheus:

„Warum tun mir meine Augen so weh?“ Morpheus entgegnet: „Weil du sie noch nie vorher benutzt hast!“

Nach diesem – im wahrsten Sinne des Wortes – „Trip“ klärt Morpheus Neo über die Wirklichkeit auf und macht ihm anschaulich, dass sie aus elektrischen Signalen aus Gedanken, Gefühlen, Gerüchen, Empfindungen und Wahrnehmungen besteht, die vom Verstand interpretiert werden. Die Maschinen „ernähren“ sich quasi von den Energien, welche aus den Illusionen der Menschen hervorgehen. Neo wird später im Kampf gegen einen Verräter sein physisches Augenlicht verlieren, dafür allerdings ein höheres und intuitiveres Bewusstsein empfangen. Auf diese Weise erlebt er eine Art „Auferstehung“. Zuerst wird ihm auf dem Pfad der Wahrheit die Illusion über die Matrix genommen. Daraufhin nimmt der Kampf für die Freiheit und Erlösung der Menschheit seinen Anfang.

Das Königreich Gottes, in das die Rechtschaffenen gelangen können, wird in der Bibel Zion genannt. In dem Matrix-Epos ist dies der Name für den Ort, an dem die Rebellen des Systems leben, also die Rechtschaffenen, die es zu befreien gilt und die nach einer Prophezeiung von „dem Einen“ erlöst werden. Der Name Neo ist ein Anagram von The One, dem Einen. Er scheint der Eine zu sein, der die Sklaverei der Matrix beendet und somit die Menschen errettet. Morpheus ist überzeugt davon, dass Neo jener Auserwählte ist, und er beginnt, ihn für seine heldenhafte Aufgabe epischen Ausmaßes auszubilden. Eine Initiation findet statt und mit ihr beginnt der Kampf um die Rückkehr zum Ursprung. Der Held Neo ist der „kleine Stein, der eine Lawine zum Rollen bringt!“. Diese Metapher kann auf alle Helden übertragen werden. Auch Frodo Beutlin in der Herr der Ringe-Trilogie oder Harry Potter stellen solche unscheinbare Helden dar, die mit Unterstützung von verbündeten Gleichgesinnten Großes verrichten, um das natürliche Gleichgewicht, einen ursprünglichen Zustand, wieder herzustellen. Sie bekommen wie Neo alle Möglichkeiten der Hilfe, die sie für den Weg der Rückkehr benötigen.

In jedem Menschen ruht die Anlage zum sagenumwobenen Helden aus Science-Fiction, Märchen und Mythos, und es liegt an jedem Einzelnen, dieser natürlich-göttlichen Veranlagung aufmerksam zu lauschen und sich auf einen Weg zu machen, den jeder nur individuell beschreiten kann – natürlich mit Hilfe übernatürlicher Kräfte. In den Heldenepen wird diese Hilfe zumeist durch Freunde, Lehrmeister und Gefährten symbolisiert. Und die übernatürliche Hilfe wird im Psalm 121 zum Ausdruck gebracht:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen; und der dich behütet, schläft nicht.

 

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