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Begegnung mit dem Göttlichen - Teil 1

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G.F. Gern möchte ich Dich zu dem Thema „Die Gesichter Gottes“ interviewen, dem Thema dieser Ausgabe von LOGON. Wenn man von Gesichtern Gottes spricht, dann ist damit auch eine Begegnung gemeint. Man tritt einem Gesicht gegenüber, man sieht es und man wird von ihm gesehen.

Ich werde angeblickt

H.C.Z. Im Zusammenhang mit diesem Interview verstehe ich unter „Gesicht“ ein Erlebnis. Das Erlebnis des Angeblicktseins. Insofern ist vielleicht der Begriff „Antlitz“ treffender, der ursprünglich genau dies meint: „das Entgegenblickende“, ja sogar noch mehr: „das über die Gestalt Hinausgehende“ – so seine Bedeutungsherkunft.

Wird man von einem Menschen angeblickt, dann gerät man in den Bann des Blickes, in den Bann dessen, was vom Anderen über sich hinauszugehen vermag. Ein anderes Wesen dringt regelrecht in mich ein. Ich bin dabei ganz eingenommen von dessen Anwesenheit, sodass ich anschließend noch nicht einmal mehr weiß, welche Farbe die Augen des Anderen hatten. Es kann sogar sein, dass ich dem „Blick“ des anderen nicht standzuhalten vermag … Kurzum: Das Erlebnis des Antlitzes, des Angeblicktwerdens, ist seelisch-geistig betrachtet ein solches, in dem eine andere Wesenheit in mich einwohnt, sodass ich aus meiner isoliert-individuellen Ich-Realität in eine Du-Realität hinüberschreite. Ich schreite über mich hinaus, transzendiere also. Genauso, wie das andere Wesen in diesem Moment auch über sich hinausschreitet: Es blickt ja mich an. – Zwei Blicke treffen sich also. Die Trennung von Subjekt und Objekt ist aufgehoben. Beide Wesen sind in solchen „Gesichts“-Erfahrungen in eins, geistig-seelisch vereint. Diesen Moment nicht zu verschlafen, ihn auszuhalten, dabei wach zu bleiben – dazu braucht es Mut, Kraft, es ist daher auch Übung und ist wörtlich: Geistes-Gegenwart.

G.F. Dieses Eintreten in mich hinein, das kann ja von innen oder von außen geschehen.

H.C.Z. Es gibt innere, meditative Momente, in denen etwas in mich eintritt: Das kann ein Bild (etwa eine Madonna), das kann ein Wort („Weißdorn“), das kann aber auch ein unmittelbarer Willensimpuls sein (z.B. etwas niederzuschreiben). Aber auch jede äußere, sinnliche Begegnung ist letztlich eine Möglichkeit einer solchen meditativen Begegnung.

Man kann dabei grundsätzlich drei unterschiedliche Arten des Einwohnens bemerken: Es gibt Momente, da merkt man, dass es einen umtreibt. Etwas will in einem werden, man kann es noch nicht fassen. Etwas entwickelt sich, wächst heran. – Eine andere Situation ist, dass man seelisch berührt sein kann. Man ist ganz erfüllt von einem Gedanken, vom Zauber einer Melodie, der Stimmung einer Landschaft oder von einem Kunstwerk. – Und schließlich gibt es Situationen, in denen mich etwas so unmittelbar anspricht, mich so „erwischt“, berührt, anschaut, dass sich ab jetzt mein Leben verändert. Drei Arten des Einwohnens, wenn man will auch Anblickens, die man in ähnlicher Form aus Begegnungen mit dem Pflanzlichen, mit der Welt des Tieres oder mit Menschenbegegnungen kennt.

G.F. Machst Du Erfahrungen, bei denen Du von Begegnungen mit Gesichtern Gottes sprechen kannst?

H.C.Z. Den Begriff „Gott“ verstehe ich hier als Synonym zu „Göttliches“ oder „Geistiges“, „Übersinnliches“. – Habe ich das so richtig verstanden?

G.F. Ja.

Wie ich Gesichter Gottes erlebe

H.C.Z. Hierauf zu antworten ist für mich immer ein wenig heikel. Zum einen kann es einem mit einem gewissen Recht als unbescheiden ausgelegt werden, wenn man einfach so sagen würde: „Ja sicher habe ich solche Erfahrungen.“ Zum anderen gibt es da auch sehr verschiedene Niveaus der Begegnungen. Und schließlich: Ich merke bei dieser Frage auch, dass ich gegenüber der geistigen Welt in einer Verpflichtung bin: Stelle ich mir vor, ich würde – aus Bescheidenheit – „nein“ sagen, so höre ich innerlich sofort einen Widerspruch: „Wir haben uns schon so oft mit dir in Verbindung gesetzt – und jetzt sagst du so etwas“. Stelle ich mir vor, „ja“ zu sagen, dann kommt ein anderes Votum in mir auf: „Sei vorsichtig vor ‚Hochstapelei’, bemühe dich um Authentizität und Exaktheit in der Beschreibung, damit Du nicht etwas sagst, was nicht zutreffend ist, was diese innere Begegnung nicht wirklich trifft und sie dadurch auch gefährdet.“ Und schließlich: Diese Fragerichtung kann auch leicht von der Tatsache ablenken, dass wir ja in jedem Moment in der Sinneswirklichkeit geistige Begegnungen haben. Nicht nur jeder Mensch ist ein geistiges Wesen, alles um uns herum ist geistiger Natur!

Daher will ich so versuchen zu antworten: Das Übersinnliche sucht verschiedene Kleider, um in Erscheinung treten zu können. Wie gesagt ist jede sinnliche Erscheinung bereits eine solche Einkleidung. Manchmal sind es aber auch innere Bild- oder Gebärden-Einkleidungen. Man kann an den Bergen in Norwegen das Trollhafte unmittelbar miterleben, an den Bergen im Schwarzwald kann man so etwas wie „Riese“ erleben und an den alpinen Bergen des Berner Oberlandes eher so etwas wie „Gottessitze“. Oft sind die Erlebnisse beispielsweise stimmungsmäßiger oder atmosphärischer Natur (um mit Gernot Böhme zu sprechen[1]), die sich bei weiterer Besinnung zu einer klaren Ansprache verdichten: „Dieses Leichte, Durchlichtete, von aufmerksamer Stille Durchwobene unter den Kronen, aber über dem Boden Befindliche eines frisch grünenden Lärchenwaldes hat Feenstimmung.“ Manchmal sind es auch nur flüchtige, aber doch eindeutige Momente, von denen man weiß, dass man sie festhalten, nachbesinnen muss; auch gibt es immer wieder musikalische oder wortartige Anmutungen oder Einkleidungen durch andere Sinnesfeld-Erfahrungen: geruchsartig zum Beispiel (man denke an Goethes Gretchen, die riecht, dass Mephisto in ihre Kammer eingedrungen war), oder man merkt, dass es einem kalt wird, man beginnt vielleicht auch zu schwächeln. Oder man fühlt sich mit einem mal viel sicherer, größer als sonst … und und und.

G.F. Man kann doch sagen, dass die Erfahrungen des Übersinnlichen auf verschiedenen Ebenen stattfinden können.  

Es gibt Stufen der Begegnung

H.C.Z. Man kann (mit Rudolf Steiner) verschiedene Stufen solcher Begegnungen unterscheiden: Die Imagination, die Inspiration und die Intuition. Die Imagination ist eine bildhafte Erfahrung, streng für sich genommen noch ohne eine inhaltliche Bedeutung. Die Inspiration ist eine (dem Hören nahestehende) Erfahrung – man spricht ja auch davon, dass man eine Art Eingebung hatte. Hierbei gesellt sich zur bildhaften Erfahrung eine Bedeutung, ein Sinn. Und in der dritten Stufe ist die Identifikation mit dem anderen Wesen so weit vorgeschritten, dass man sich wesenseins empfinden kann.

G.F. Gibt es ein Selbst des Menschen, das göttlich ist?

Ja, unbedingt. Wir erleben es, wenn wir unser „Selbst“ oder „Ich“ realisieren. Dann erleben wir etwas, was uns immer die Identifikation schenkt, die uns „Ich“ zu uns sagen lässt. Ich kann nur selbst zu mir Ich sagen. Interessanter Weise, sagt der andere Mensch auch zu sich „Ich“. Ich fühle mich also wesenseins mit dem Wesen, das auch im anderen Menschen zu sich „Ich“ sagt. Unser Ich ist eine uns durch und durch durchdringende Intuition desjenigen Wesens, das sich in der Bibel als „Ich bin der Ich-Bin“ beschreibt.

Eigentlich ist alles, was sich im Bereich der Imagination und Inspiration abspielt, eben noch Bild oder Wortgestaltung von etwas, das sich darin kundgibt. Es ist noch nicht „die Sache“ selbst. Imaginationen und Inspirationen verweisen noch auf etwas, das selbst eigentlich nicht mehr vorstellbar ist. Intuitionen sind reine Erfahrungen, die zugleich Erkenntnischarakter tragen: Ich bin und erkenne mich im Ich-bin-Vollzug als ein von einem Ich-Wesen begnadeter bzw. aufgenommener Mensch und bin es in diesem Moment auch selbst. – Ein höheres Moment in der Selbsterfahrung.

Letztlich ist es dieses geistige Wesen in uns, das es uns möglich macht, dass wir auch das Geistige in den anderen Naturwesen um uns herum erkennen können. Nur Geistiges kann auch Geistiges erkennen.

(wird fortgesetzt in Teil 2)

 

 

 


[1] Anm.: vgl. z. B. Gernot Böhme, Atmosphäre: Essays zur neuen Ästhetik, edition suhrkamp, 2013

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