robin-redbreast

Begegnung mit dem Göttlichen – Teil 2

zurück zur Startseite pdf share

(zurück zu Teil 1)

 

Alles Sinnliche ist auch übersinnlich

G.F. Alles, was wir mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen – ist es zugleich auch übersinnlich?

H.C.Z. Ja, wie gesagt: Letztlich ist alles geistiger Natur, auch das Sinnliche. Das Sinnliche ist der göttlich-geistige Erscheinungsgrund für ein darin sich offenbarendes, ebenso göttlich-geistiges Nicht- oder Übersinnliches. – Daher begegnet uns mit jedem Naturwesen, mit jeder sinnlichen Wirklichkeit auch schon ein Göttlich-Geistiges!

Auch in der irdischen Sinneswirklichkeit haben wir reale Wesensbegegnungen. Allerdings verschlafen wir diese Wesensbegegnungen dort im Alltag, weil wir die Sinneswirklichkeit naiv gegenständlich, unhinterfragt, außerhalb von uns gegeben, vorstellen und handhaben. Sobald ich die Sinneswirklichkeit – wahrheitsgemäßer – aber als Erscheinung entgegenzunehmen lerne, als eine sinnliche Erscheinung von Geistig-Wesenhaftem, das sich darin kundtut, dann beginne ich, das, was wir unbewusst oder vorbewusst in die Gegenstandsauffassung gebannt und dort gefangen haben, wieder zu befreien, indem ich diesen Wesensanteil in meinem Inneren sich aussprechen lasse.
Dann wird bereits die sinnliche Erscheinung Erfahrungsfeld für Imaginationen, Inspirationen und Intuitionen.

G.F. Könntest Du hierfür ein Beispiel anführen?

H.C.Z. Ein Rotkehlchen betrachten wir in der naiv-gegenständlichen Auffassungsweise als einen dreidimensionalen Vogelkörper da draußen, außerhalb von mir, der da draußen einen Gesang hervorbringt. Wenn ich indes das Rotkehlchen als Erscheinung entgegennehme, dann wird es mir von Beginn an zu einem Rätsel einer mir gerade erscheinenden Wesenswelt. Rotkehlchen ist jetzt nicht mehr der Gegenstand da draußen, sondern die ganze Welt, die ich in mir anhand der sinnlichen Darbietungen von Rotkehlchen erlebe  – und die eine ganz andere innere Erlebniswelt ist als das Schwarz-Weiß-Gelbe und Hüpfende dessen, was wir gewohnt sind, mit Kohlmeise zu bezeichnen.

Alle sinnliche Erscheinung kann so zu einer Beschreibung einer inneren Erlebniswelt werden. Diese Erlebniswelt selbst ist ein vorstellungsfreier seelisch-geistiger Raum, in dem ich mich befinde. Ein „Weltinnenraum“, um mit Rainer Maria Rilke zu sprechen. Dieser spezifische Weltinnenraum, den wir Rotkehlchen nennen, der spricht sich durch seine sinnlichen Erscheinungsweisen aus, macht so auf sich aufmerksam. Ich kann auf diese Weise dafür erwachen, in welcher spezifischen Region des Weltinnenraumes ich mich gerade befinde.

G.F. Was könnte man in diesem Zusammenhang als „göttlich“ bezeichnen?

H.C.Z. Das Prinzip der weisheitsvollen Schöpfung, der Hervorbringung aus einem inneren Ganzen, das darf wohl als göttlich betrachtet werden. Und die erkennende Teilhabe an dieser inneren Weisheit der Schöpfung, das kann wohl als eine Art Aufstieg zum Göttlichen betrachtet werden.

Für diesen Aufschwung gibt es Wegbereiter.

Michael

Man kann den Weg zu dieser Teilhabe an der göttlichen „Intelligenz“ (im Sinne von Geistes-Tat) – in diese hinein – zum Beispiel mit dem Namen Michael bezeichnen. Michael ist eine hebräische Erzengelbezeichnung und bedeutet so viel wie „Wer ist wie Gott?“. Michael wird auch als das Antlitz des Christus charakterisiert. Dass man sich gewissermaßen für Momente an diesem Ausgangspunkt der Schöpfung erlebt, dass man wie mit dabei ist, wenn Gott, bildhaft gesprochen, mit einem Schöpfungs-Motiv spielt, dass man das Erlebnis hat, dass Weltenweisheit in einem denkt, fühlt oder sogar will –, das ist dann eine Erfahrung, in der man sich als von Michael getragen fühlen kann. Ein Weg dahin ist für mich die goetheanistische Naturbetrachtung.

G.F. Ist alles Übersinnliche auch göttlich-geistig?

H.C.Z. Unbedingt. Göttlich-geistig heißt nicht „Paradies“ und „Friede, Freude, Eierkuchen“, wenn ich das so salopp sagen darf. Vielmehr lebt hier das ganze Spektrum von Gut bis Böse. Wir sind in jeder Begegnung gefragt, für das Geistige zu erwachen, das sich durch und mit mir gerade realisiert. Ich bin jedes Mal gefordert, mich zu fragen, ob ich das will oder nicht oder wie ich mich so dazu stelle, sodass es im Rahmen des Menschlichen bleibt.

G.F. Muss etwas im eigenen Innern stattfinden, damit eine Impression des Göttlichen als solche erkannt wird?

Das Du kann in mir anwesend sein

H.C.Z. Das eigene Innere muss empfänglich werden für das Andere. Es muss insofern „selbstlos“ werden. Alle Aufmerksamkeitsschulung dient ja dazu, dass sich das Andere, das „Du“ in mir aussprechen kann, dass es in mir anwesend sein kann. Dafür muss ich meine allzu alltägliche Subjektivität aus dem Spiel lassen. Wenn ich zum Beispiel sage „Das gefällt mir“, oder „lecker“, dann sage ich damit etwas über mich aus und nicht über das andere Wesen. Ich muss also meine Erlebnisfähigkeit möglichst frei von allzu persönlichen Urteilen der Erscheinung zur Verfügung stellen. Das heißt aber im Beschreiben dessen, wessen ich angesichtig bin, Begriffe zu wählen, die möglichst nah bei dem „Du“ sind.

Dabei gilt es auch, immer abzugleichen, ob mein Erleben noch bei der Sache ist. Auf welchen Eindruck im Erlebnis bezieht sich meine Aussage gerade? Wenn ich zum Beispiel sage, dass das Rotkehlchen mit großen Kinderaugen in die Welt blickt, dann kann es mir passieren, dass ich mich aus bloßer, unbemerkter Sympathie von dem Bild des Kinderauges davon tragen lasse und nicht mehr beim Rotkehlchen bin. Hier rettet die erneute Hinwendung zur sinnlichen Erscheinung. Was macht denn den Eindruck des Kinderauges aus? Das runde, vergleichsweise große, weit geöffnete Auge. Und damit kann sich dann wieder das Innenerlebnis eines einerseits staunenden, andererseits halb zögernden, halb vertrauenssuchenden Blickes verbinden.

So korrigieren, vertiefen und verstärken sich sinnliche (äußerliche) Beobachtung und übersinnliches (inneres) Erlebnis gegenseitig. Ich gewinne dadurch neue Sinnesbeobachtungen und neue innere Erlebnisse. Ich wachse über mich hinaus. Ich gewinne den Rotkehlchenblick mehr und mehr als einen Teil meines eigenen Wesens.   

G.F. Mit welcher Art von Augen, mit welcher Art von Bewusstsein erkennen wir das Göttlich-Geistige?

Nicht mehr nur mit physischen Augen schauen

H.C.Z. Sobald wir beginnen, die seelisch-geistige Seite der Welt aufzusuchen, blicken wir nicht mehr (nur) mit physischen Augen, sondern wir schauen mit geistigen Augen. Unser Bewusstsein ist dann gesteigert gegenüber dem (im Verhältnis dazu schlafenden) Alltagsbewusstsein. Man kann das auch (mit Goethe und Steiner) „schauendes Bewusstsein“ nennen.

G.F. Wenn man von Gesichtern Gottes spricht, dann muss etwas in den Bereich der Wahrnehmung treten. Warum geschieht das überhaupt?

H.C.Z. Es scheint im (Eigen-)Interesse der Schöpfung zu sein, durch die Wahrnehmung gewissermaßen ans Tageslicht zu kommen. Alles will offenbar werden, das heißt wahrgenommen werden. Das merken wir doch auch selbst, wie beglückend es für uns ist, wenn uns endlich jemand in unserem innersten Kern wahrnimmt. Wir begegnen uns dort, wo wir eigentlich zuhause sind: im Seelisch-Geistigen.

G.F. Muss man vorab etwas „wissen“, um tief wahrnehmen zu können?

Muss man sich vorab um eine bestimmte „Grundeinstellung“ bemühen?

H.C.Z. Es geht vielleicht weniger um ein Wissen, als um eine Art Grundhaltung. Zu dieser Gesinnung gehört sicher auch, dass man eine Art von innerem Reichtum ausbildet, in den hinein die Erfahrungen aufgenommen werden können – durch Kunst, durch Lektüre, durch seelische Übungen. Und vielleicht gehört davor noch dazu, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die vom Wahrnehmen abhalten. Was hindert mich eigentlich immer wieder daran, mich auf das „Wagnis des Wahrnehmens“ einzulassen? Und ganz grundlegend gehört dazu – wovon in unserem Gespräch ja auch schon immer wieder die Rede gewesen ist –, die sinnliche Wirklichkeit als eine „Erscheinung“ entgegenzunehmen. Damit ist nicht eine „nebulöse“ Erscheinung gemeint, die sich uns „gespenstergleich“ zusätzlich zum Sinnlichen zeigt, sondern es ist damit die ganz konkrete sinnliche Wirklichkeit gemeint.

Unsere Vorstellung von dieser sinnlichen Wirklichkeit ist heute in der Regel korrumpiert. Zum einen – wie auch schon vorhin erwähnt – stellen wir uns die Wirklichkeit gegenständlich, da draußen im dreidimensionalen Raum gegeben vor. Zum anderen unterlegen wir dieser „Gegenstandswelt an sich“ auch noch eine aus Minibausteinen bestehende Materie an sich. Es gibt sowohl in der Quantenphysik als auch in der Sinnesphysiologie, in der Phänomenologie und in der Philosophie derweil genügend Argumente, die diese Vorstellung einer an sich gegebenen Materie- oder Gegenstandswelt in Frage stellen.

Wirklichkeit erscheint im aktuellen Moment

Man kann sich übungsweise einmal fragen, wie sich für mich denn die sinnliche Wirklichkeit anfühlt, wie ich sie dann erlebe, wenn sie eine aktuelle Erscheinung – jetzt und im Moment – ist, die sich mir gerade ergibt, die für mich da ist, deren Realisierung durch mich auf dem Spiel steht? Realisierung im doppelten Wortsinn: Verwirklichung und Wahrnehmung zugleich. Wie fühlt sich das an, wie erlebt sich dann die Wirklichkeit um mich herum, wenn gerade sie diese aktuelle Erscheinung ist?

Dieses Entgegennehmen der Wirklichkeit als eine aktuelle Erscheinung ist das eine Grundsätzliche zu dieser Frage.
Das Zweite besteht darin, ernst zu nehmen, dass sich in den Erlebnissen des Menschen, in seinem Innern, auch das Wesen, die Natur der Sache ausspricht, mit der er es in der aktuellen sinnlichen Begegnung zu tun hat. Das Wesen, die Natur der Sache ist kein Ding da draußen, sondern ein Erlebnis in mir … womit wir wieder ganz nah bei der anfänglichen Fragestellung sind, was mit einer „Antlitzbegegnung“ gemeint sein kann.

zurück zur Startseite pdf share