Brahman

BRAHMAN und die indischen Gottheiten. Gesichter des Göttlichen – Teil 2

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Die Bilder, Tempel und Statuen rufen uns dazu auf, unser Innerstes zu suchen und dabei zu erfahren, zu erkennen, dass wir Teil BRAHMANs sind, ja dass wir in BRAHMAN aufgehen können. Das Feuerrad des Tanzes Shivas, welches die Überwindung der Welt und ihrer Dämonen darstellt und eine überirdische Freude, Kraft und Hoffnung ausstrahlt, der schlafende Vishnu, auf der Weltenschlange im Ozean der Unendlichkeiten liegend und über alles Geschehen im Universum wachend – sie alle berühren den Betrachter auf ihre Weise, sie versuchen, ihm einen Kontakt mit dem ihm innewohnenden Atman zu ermöglichen. Sie sind Mittler, werden aber oft falsch verstanden und auf Äußerlichkeiten reduziert. Sie können uns berühren, ihre Kräfte wollen in uns Ohren entstehen lassen, die hören und Augen, die sehen können.

Die Ähnlichkeit mit dem Buddha

In diesem Anliegen sind sie dem Buddha, dem Erleuchteten ähnlich, dessen Darstellungen überall anzutreffen sind:

Brahma

 

 

 

 

 

 

 

Die vollkommene Ruhe und Serenität ausstrahlende Buddha-Statue zeigt in stehender Form den „kommenden“ Buddha Maitreya. Die Figur will uns die Lehre Buddhas und seiner Überwindung dieser Welt offenbaren. Nicht die Form (das äußere Gesicht des Göttlichen) ist das Wesentliche, sondern die Gegenwart einer anderen Welt, die durch die Form hindurch wirkt, das Nirvana das Buddha. Entspricht es nicht dem, was die Hindus BRAHMAN nennen? Im Diamantsutra 1antwortet Buddha auf die Frage, wie ein Vollkommener, ein Erleuchteter, erkannt werden kann, mit folgendem Vers:

Wer mich in der Form sucht,

Wer mich in Tönen sucht,

Verirrt hat er sich auf dem Wege,

Denn er kann nicht den Tathagata (den Erhabenen) erkennen.

Shivas Tanz

Shivas Tanz im Feuerrad ist wohl eine der bekanntesten und am weitesten verbreiteten Darstellungen der Gottheit der Zerstörung und Erneuerung. Durch seine Dynamik erscheint das Bild vom Standpunkt unserer physischen Wahrnehmung aus als das Gegenteil der Ruhe und Erhabenheit des Buddha. Doch drückt der Tanz der Überwindung des Dämonen, auf dem Shiva steht, nicht auch die Verbindung zu einer anderen Welt und das Erringen eines anderen Bewusstseins aus? Vergänglich und klein ist unsere Welt – die des Dämonen, der diese Welt beherrscht, verglichen mit der Freude, Freiheit und Kraft des Anderen, der in uns existiert, des Atman, der in harmonischer Verbindung mit BRAHMAN steht. Dies kann uns der Tanz Shivas zeigen. Sein mystischer, heiliger Tanz will uns ergreifen und mitnehmen auf den Weg, der von der Welt der Trennung und der Gegensätze in die Welt der himmlischen Freiheit führt. Shiva möchte uns helfen, unsere Bindungen an diese Welt aufzulösen und ein neues Leben zu erreichen.

 

 

 

 

 

Ramakrishna, ein Yogi aus Kalkutta, der im 19. Jahrhundert lebte – ein Weiser und Anbeter Kalis, der zerstörenden weiblichen Manifestation Shivas, der göttlichen Mutter – sagte über die Gottesanbetung:

Wenn ich das höchste Wesen anrufe in seinem Ruhezustand, dann nenne ich es BRAHMAN. Wenn ich es mir als tätig, schaffend, erhaltend und zerstörend vorstelle, nenne ich es Shakti, Maya oder Prakriti (auch Kali), den persönlichen Gott. […] Der persönliche Gott und der unpersönliche Gott sind ein und dasselbe, wie Milch und ihre weiße Farbe. […] Es ist unmöglich, sich das eine ohne das andere zu denken. Die Göttliche Mutter und BRAHMAN sind eins. 2

Vishnus Schlaf in Budhanikanta im Kathmandutal

Eine mythische Darstellung Vishnus zeigt ihn als auf der Schlange Ananta-Shesha schlafend im Ozean des Unendlichen. Diese Darstellung (z.B. in Budhanilkhanta im Kathmandutal) versucht, die Unendlichkeit BRAHMANs (als Wasser, Ozean) und die die Weisheit und Schöpfungskraft symbolisierende göttliche Schlange Shesha darzustellen. Ihre 11 Häupter umringen und schützen Vishnus Kopf. Shesha ist der vielköpfige König der Schlangen und ein treuer Diener Vishnus.

Obwohl die Darstellungen und Symbole, die die Statue in den Händen hält, deutlich auf eine Darstellung Vishnus hinweisen, deutet der Name Budhanilkanta (blaue Kehle) auf eine in Nepal weit verbreitet Legende hin, die Shiva betrifft. Nach dieser Legende wurde Shiva gebeten, die Welt vor dem Untergang und dem Griff eines Dämons zu retten. Er schluckte das Böse, den Dämonen, das weltliche Gift, und es brannte in seiner Kehle wie Feuer. Um diesen Brand zu löschen, schlug Shiva auf dem nördlich von Kathmandu liegenden Gebirgszug Gosainkunda mit seinen Dreizack in den Boden und kreierte damit die auch heute noch als heilig verehrten Gosainkunda-Seen. Mit ihnen konnte er das Feuer in seiner Kehle löschen. Die Überläufe der Seen sollen den Teich, in dem Vishnu in Budhanilkanta liegt, speisen. Diese Legende bringt die drei Gottheiten Brahma, Vishnu und Shiva zusammen: Brahma: der unendliche Ozean, Shiva: der Zerstörer und Retter der Welt und Vishnu: der Erhalter in der Vereinigung mit der heiligen Schlange Shesha.

Das Trimurti erleben

Die Kräfte des Trimurti bilden eine Dreieinheit. Können wir ihr Wirken auch in uns selbst erleben? In jedem Menschen manifestiert sich das formlose Schöpferische. In jedem wirken ferner die Kräfte der Bewahrung und schließlich die der Zerstörung, damit Neues möglich wird. Die bildhaften Darstellungen wollen Impulse sein, die in uns die inneren Ohren und Augen erwecken, mit denen wir Impressionen des göttlichen Wirkens empfangen. Dazu müssen wir in ein stilles Gewahrsein eintreten, in ein Lauschen und Schauen.

Krishna erklärt in der Bhagavad Gita, dass die letztendlichen Wahrheiten über Gott und die Welt nicht von Mund zu Ohr übermittelt werden können. Er versucht, seinem Schüler Arjuna die inneren Augen zu öffnen:

Wer in allen vergänglichen Dingen das höchste Wesen unvergänglich existieren sieht, der sieht wirklich. [...] Wer erkennt, dass alle seine Handlungen nur durch die Natur ausgeführt werden, und dass das innerste Selbst nicht der Handelnde ist, der sieht wirklich. Und wenn er erkennt, dass alle Dinge von dem Einen umfasst sind, dann erlangt er den höchsten Geist.3

 

  • 1. Meditations Sutras des Mahayana Buddhismus, Diamant Sutra
  • 2. Solange Lematre, Ramakrischna – In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt Taschenbuch, S. 67
  • 3. Bhagavada Gita: XIII, 28-30
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