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Chinesische Zeitzyklen - Im Zyklus des Schweigens

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Meinungsverschiedenheiten sind normal. Normal ist auch, sie auszudiskutieren, ob in Parlamenten, Zeitungen, anderen Medien, im Café, im Büro oder am Küchentisch. Neuerdings aber scheint der Diskurs aus der Mode gekommen zu sein. Man redet immer weniger mit- und immer mehr übereinander. Man verkündet die eigene Position den Gleichgesinnten, bildet sogenannte Blasen und gefällt sich allzu oft im Überspitzen und Polarisieren. Natürlich gibt es auch Kräfte, die zu Mäßigung und Dialog aufrufen, doch sie scheinen immer weniger Gehör zu finden. Woran liegt das?

Jede Zeit hat ihre eigenen Qualitäten, ihre Probleme, Chancen und Aufgaben. Westliche Astrologen betrachten die Stellungen der Sonne und der Planeten zueinander und ziehen ihre Schlüsse daraus. Es gibt aber auch eine Betrachtungsweise, die ihren Ursprung im alten China hat; sie zieht die acht Trigramme des chinesischen Kompasses (Ba Gua) dazu heran und leitet daraus neun aufeinander folgende Zeitzyklen ab, die sich immer wiederholen. Jeder Zyklus dauert zwanzig Jahre. Diese neun Zyklen beruhen auf den acht Himmelsrichtungen und der Mitte. Dabei spiegeln sich die Himmelsrichtungen unter anderem im Lauf der Sonne (Tageszeiten) und im Lauf des Jahres (Jahreszeiten, Säen und Ernten) wider. Sie werden außerdem noch als Familienmitglieder, Elemente, Körperteile und Gemütszustände gesehen. Auch die einzelnen Yin- und Yang-Striche der Trigramme werden interpretiert. Betrachten wir in diesem Licht die jüngere Geschichte.

 

Qian

  Der Zyklus Qian 

Von 1964 bis 1984 dauerte beispielsweise ein Zyklus Qian, also des Himmels, des Nordwestens, des Vaters, des Elements Metall. Das Trigramm besteht aus drei „starken“ Yang-Strichen und bedeutet daher den Vater, Macht, Unterstützung, aber auch Autorität. Diese Zeit war die Hochphase des Kalten Krieges, in dem sich die Welt in die Interessens- und Allianzsphären von zwei Supermächten (!) aufteilte. Das ist das dominierende Thema von Qian. Es geht um Macht und Autorität, aber auch um Autoritätsverlust. Nicht umsonst fallen die Achtundsechziger in diese Zeit: Alte Autoritäten wurden hinterfragt und angegriffen – Freiheit (von Bevormundung), Gleichheit (Frauenbewegung – als Befreiung vom Patriarchat) und freie Liebe (Befreiung von einer als einengend empfundenen althergebrachten „väterlichen“ Moral) wurden zu beherrschenden Themen. Die Angst vor einem dritten Weltkrieg und die Ablehnung der Rüstungsspirale brachten eine starke Friedensbewegung hervor. Auch dies ist eine Auseinandersetzung mit dem Element Qian / Metall, das sowohl eine beherrschende Macht als auch eine Waffe repräsentieren kann.

 

Dui

  Der Zyklus Dui

Die Jahre 1984 bis 2004 brachten bald eine einschneidende Veränderung. Sie standen unter dem Zeichen Dui, des Sees, des Westens, der jüngsten Tochter, der Heiterkeit, des Gesprächs, der Kommunikation, und ebenfalls des Elements Metall. Das Zeichen Dui besteht, von unten her gesehen, aus zwei „starken“ Yang-Linien und schließt oben mit einer „weichen“, unterbrochenen Yin-Linie ab. Der Kalte Krieg endete, die USA und die Sowjetunion begannen aufeinander zuzugehen; ein Ergebnis dieses Tauwetters war die deutsche Wiedervereinigung. Der Warschauer Pakt und die Sowjetunion selbst bröckelten, nachdem deutlich wurde, dass der Zusammenhalt nicht mehr mit Gewalt aufrechterhalten würde. Offenheit (Glasnost) und Kommunikation traten in den Vordergrund. Die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten wurden weltweit immer wichtiger – die kommerzielle Phase des Internets begann 1990; Handys und Smartphones eröffneten Möglichkeiten der Kommunikation, die unabhängig vom Ort des Senders und des Empfängers waren. Alle Neuerungen der Kommunikationstechnik gemeinsam brachten die Illusion eines schrankenlosen Wissenszugangs, gleichsam eines immer zugänglichen Gesamtbewusstseins – kein Wunder, dass wir heute Daten in einer cloud speichern. Dass der See dem Element Metall zugeordnet wird, mag zunächst verwundern. Doch der windstille See ist glatt wie ein Spiegel – in ihm spiegelt sich der Himmel, das Göttliche wider. Schließlich ist die Illusion der unbeschränkten Kommunikation und Verbindung mit allen Menschen und Wissensinhalten ein Abglanz eines erleuchteten Bewusstseins. Die Jahre 1984-2004 waren auch die Zeit eines ausufernden Hedonismus, der Partys, der Drogen.[1] All dies im Zeichen der Heiterkeit, vielleicht auch als Reaktion auf das Wegfallen der früheren Enge und Bedrohung.

 

Gen

 Der Zyklus Gen

Diese Phase wurde 2004 vom aktuellen Zyklus Gen / Berg abgelöst. Der Berg bedeutet den Nordosten, den jüngsten Sohn, Schultern und Nacken, Rückzug (→ auf den Berg), Stille, Meditation, Ernst, aber auch Sturheit und Starre und hat das Element Erde. Gen besteht, von unten her gesehen, aus zwei „weichen“ Yin-Linien und schließt oben mit einer „starken“ Yang-Linie ab. Somit kann die Energie dieses Trigramms auf zwei komplementäre Weisen gelebt werden. Man kann sich auf seinen Berg zurückziehen, sich abgrenzen und jede Veränderung, ja jede Kommunikation, verweigern. Das Bild des Nackens und der damit verbundenen Hartnäckigkeit sprechen die gleiche Sprache. Das Trigramm Gen mit seiner Yang-Linie oben, im Geistigen, kann auch so gesehen werden, dass im Geistigen eine Kraft und Klarheit entsteht, die von Seele und Körper umgesetzt werden muss. Die beiden unteren Yin-Linien sind hier mehrdeutig. Entweder sind sie schwach und können nicht auf den Impuls reagieren (das spricht für Unbeweglichkeit, für eine Haltung, in der man wider besseres Wissen nicht handelt) – oder sie werden zum biegsamen Werkzeug des Geistes und lassen geschehen, was sich „von oben her“ anbahnt. Der Aspekt des Loslassens alles Alten gehört auch zu Gen – eine Herausforderung, vor die sich die Menschheit gestellt sieht. Somit wäre die Hinwendung zum Geistigen, die durch Gen repräsentiert wird, der Beginn einer Transformation, in der Seele und Körper dem Geistigen, welches „in der Stille auf dem Berg“ erworben wurde, folgen. Beides ist möglich, es liegt an jedem / jeder Einzelnen, wie er oder sie auf die Zeitqualität reagiert.

 

Li

  Der Zyklus Li

Bis 2024 laborieren wir an Gen, dann beginnt der Zyklus Li. Li ist das Feuer, der Süden, die mittlere Tochter, Ruhm, Offenbarung und Anerkennung, das Auge. Es hat das Element Feuer und wird auch „das Haftende“ genannt. Das Trigramm Li besteht außen aus zwei „starken“ Yang-Linien, in ihrer Mitte befindet sich eine „weiche“ Yin-Linie. Daher auch das Bild des Auges. Wie sich diese Zeitqualität genau ausdrücken wird, kann man vorab nicht bestimmen. Ein Hauptthema wird das Offenlegen alles dessen sein, was sich „auf dem Berg“ vorbereitet hat. Ist es Erstarrung, oder ist es eine Umwendung zum Geistigen, dem wir erlauben, unseren Egoismus und materielle Gebundenheit zu überwinden?


[1] .Der österreichische Musiker Falco sagte: „Wer sich an die Achtziger erinnert, der hat sie nicht erlebt.“

 

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