consciousness

Das Ewige bricht in das Zeitliche ein

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Viele Jahre ist es her, da hatte ich ein tiefgreifendes Erlebnis. Mit einem Freund besuchte ich eine Burgruine auf einer Anhöhe. Unter einem Apfelbaum lagen reife Äpfel. Ich sammelte welche auf. Der Freund stand vielleicht in acht Meter Entfernung und lächelte mir zu.

Auf einmal entschwand jegliches Zeitempfinden. Ich erlebte intensiv die Gegenwart. Ich fühlte mich frei von Gedanken, Gefühlen und Wünschen, ja, sogar frei von mir selbst. Die Alltagssorgen, der Druck dieser Welt, die Last auf meinen Schultern waren verschwunden ... Was übrig blieb, war ein Gefühl unendlicher Freiheit und tiefen Friedens. Ich fühlte mich wie ein Kind, die Welt war noch neu. Ich stand da, im absoluten Jetzt, dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Dieses Erleben bei der Burgruine, diese erlebte Kostprobe Ewigkeit, dauerte vielleicht nur Sekunden, enthielt aber eine Fülle unaussprechlicher Momente. Ich konnte mir das Erlebnis nicht erklären – aber es war wunderbar. War der Freund, mit dem ich mich verbunden fühlte, der Auslöser? Kam es aus meinem Innersten? Oder ist das Ewige in das Zeitliche eingebrochen – ein Gottes-Strahl?

Die Zeit des Menschen

Die alten Griechen kannten den Gott Chronos. Er war Sinnbild für die Lebenszeit, den Ablauf der Zeit, das persönliche Zeiterleben. Die Personifizierung machte deutlich, dass Zeit einen persönlichen, subjektiven Bezug zum Menschen hat. Jeder hat „seine Zeit“. Erst später entwickelte sich die „objektive“ mechanische Zeitmessung in Minuten, Stunden, Tagen, Wochen und Jahren.

In unserer Sprache kommt der Begriff Zeit aus dem altdeutschen „Zit“ und bedeutet Teilen, Zerschneiden, das heißt, die Zeit wird eingeteilt in Abschnitte.

Die Griechen kannten, was die Zeit betrifft, noch einen weiteren Gott: Kairos. Er ermöglicht den besonderen Moment, den erfüllten Moment, der uns aus dem Zeitgeschehen hinaushebt – und damit auch über uns selbst.

Die Zeit vergeht langsam oder schnell, sie wird subjektiv wahrgenommen, variabel empfunden.

Wenn ein Mensch zu wenig geschlafen hat, geht die Zeit viel langsamer vorbei. Oder wenn er sich langweilt, die lange Weile erlebt, bleibt sie quasi stehen. Hat er dann die Zeit zu wenig genutzt – nicht das Carpe Diem befolgt?

Kann man die Zeit beschleunigen, indem man sie „vertreibt“? Hierfür gibt es viele Möglichkeiten: Spiele, Fernsehen usw.. Vielleicht wollen wir uns dann über den Zeitablauf hinwegtäuschen. Wir lassen die Zeit vorüberziehen, verschwenden sie, als hätten wir zu viel davon. Oder laufen wir dabei vor einer sinngebenden Möglichkeit weg?

Eine Fülle von bewusst erlebten Ereignissen, intensiven menschlichen Begegnungen lässt die Zeit vorbei flitzen, ebenso schöne Urlaubstage, die mit jedem Tag schneller vorübergehen, oder die hohe Konzentration bei einem Hobby, oder auch Arbeitstage im Stress oder Eustress.

In einem Traum kann es geschehen, dass wir Geschichten erleben, die Stunden oder Tage dauern, während wir doch nur zehn Minuten lang geträumt haben.

Die Geburt eines Kindes kann als zeitlos empfunden werden ... und auf der „umgekehrten“ Ebene auch der Sterbeprozess. Er gleitet in das Zeitlose hinüber. Auch der Übergang vom Wachzustand in den Schlafzustand entzieht sich dem Zeiterleben.

Wenn wir unsere ganze Aufmerksamkeit einer Tätigkeit oder einem uns gegenüber stehenden  Menschen widmen, kann es sein, dass wir uns von unserem Ich-Bewusstsein entfernen. In gewissem Ausmaß werden wir eins mit dem Anderen oder mit dem, was wir tun. Und steigen dabei zugleich aus der Zeit aus.  

Das Ich zählt Sekunden oder Arbeitsstunden. Das Herz aber und die Seele vermögen sich einem Geschehen hinzugeben. Wenn wir einer Sache mit Hingabe dienen, können wir drei Stunden arbeiten oder acht Stunden. Die Zeit spielt keine Rolle mehr. Das Seelen-Empfinden ist das Gleiche.

Könnte es sein, dass wir dabei auch Gott dienen?

Kairos

Im Dienen stehen bedeutet, im Augenblick zu leben, im Moment wahrzunehmen, sich selbst vergessend.

Im Neuen Testament bedeutet der Begriff Kairos die Zeit, in der Gott agiert.

Der Tempel ist ein uralter Begriff für das Gotteshaus, ein Ort, wo Gott sich in der Zeit offenbaren kann – was der Begriff Tempel auch wörtlich bedeutet: Tempo = die Zeit, El = das Göttliche.

Ein Tempel ist ein Ort der Stille. Wenn wir still werden, können wir „die Stimme der Stille“ hören. Wir können der Zeit entsteigen, hinauf in andere Seelen-Räume und Dimensionen. Und die Zeit dehnt sich aus fast bis in die Ewigkeit.

Im Tempel, der dem Christus geweiht ist, steht das Kreuz, ein wunderbares Symbol, welches darstellt, wie sich die Ewigkeit in die Zeit einsenkt.

Der horizontale Balken am Kreuz weist auf den Weltenlauf hin, auf die Zeitfolge, auf das Erfahrungsfeld der Menschen – die „Übungsschule der Ewigkeit“. Er symbolisiert unsere Welt mit Zeit und Raum, Endlichkeit und Begrenztheit; die Welt mit ihren Gegensatz-Paaren, die einander bedingen – eines kann nie ohne das andere sein: gut – böse, Tag – Nacht, Mann – Frau ...

Der vertikale Balken zeigt dem Menschen, dass es etwas außerhalb von Raum und Zeit gibt, etwas Überirdisches, einen Weg zum Göttlichen.

Wenn der Mensch sich im Tempel befindet oder sich in sein Herz-Inneres begibt, kann er in eine Fülle zeitloser Dimensionen eintreten (dimensio = Ausdehnung); Er kann Seelenräume durchschreiten, so dass er später sagen kann, er war lange Zeit in diesem Zustand.

Eine kurze Zeit „im Tempel“ kann das Zeitempfinden hervorrufen, man sei für ein bis zwei Wochen weit entfernt gewesen. In „seinem Tempel“ befindet sich der Mensch wie auf einem höher schwingenden Planeten. Nach dem „Eintauchen in göttliche Bereiche“ (dem Höher-Angehoben-Werden am vertikalen Balken) landet er nach dem „Wieder-Heraustreten“ erneut auf dem alten Planeten (dem horizontalen Balken).

An der Stelle, wo sich der horizontale und der vertikale Balken kreuzen, befindet sich der Schnittpunkt von Zeit und Ewigkeit. Die Ewigkeit durchkreuzt die Zeit.

Mit ausgestreckten Armen kann der Mensch das Kreuz symbolisieren. Und er kann sich zum Fünfeck öffnen, wie Leonardo da Vinci es in seinem vitruvianischen Menschen darstellt. Dann wird er umfangen vom Kreis der Ewigkeit, wird zum Symbol des universellen Menschen (homo universalis). In der Mitte, dem Herzen, schlummert und erwacht die Ewigkeit. Wenn der Mensch seinem göttlichen Kern dient, geht er allmählich auf ins Zeitlose. Er verwandelt sich in all seinen Strukturen bis in die Organe hinein in ein höher schwingendes Wesen, das Zeit und Raum überwindet.

Daher der Ausruf in Markus 1, 15: „Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes naht. Kehrt um, glaubt an das Evangelium.“

Es ist ein Erwachen aus dem Chronos-Zeitenlauf in das Kairos-Erleben.

Ein solcher Weg führt ins Zentrum unserer Existenz, ins Zentrum der Zeit, wo es keine Zeit mehr gibt.

Im Schnittpunkt des Kreuzes findet Leben in der Unmittelbarkeit des Jetzt statt, in der Kairos-Wachheit, der Augenblickserfahrung.

Hier sind wir offen für Gott, werden vom Ewigen umfangen.

Zeit und Ewigkeit fließen zusammen.

 

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