bokeh

Das Verhältnis von Bewusstsein, Energie und Stoff in der pythagoreischen Philosophie Teil 1

zurück zur Startseite pdf share

Aus meiner Sicht gehört die pythagoreische Philosophie nicht der Vergangenheit an, sondern ist die Philosophie der Zukunft. Sie ist ein westlicher Weg, ein westlicher Erkenntnisweg, der geplant worden ist, der eingerichtet worden ist, der immer noch existiert und der immer mehr zum Vorschein kommt. Ein Teil eines Baumes, dessen Wurzeln sehr viel mit Pythagoras und seiner Schule zu tun haben.

Die Kernfrage, die von einer spirituellen Philosophie beantwortet werden muss, ist die Frage nach dem Bewusstsein: Wie entsteht mein individuelles Bewusstsein und welchen Sinn hat es? Mit dem materialistischen, dem mechanistischen Weltbild kommen wir dem nicht bei. Denn wie sollte aus meinem „Supercomputer“, der alles simuliert, ein wirkliches Bewusstsein entstehen? Und dieses Problem ist auch bei dem dualistischen Weltbild, das abstrakten Geist und vielfältige Materie einander gegenüber stellt, nicht gelöst. Was wäre hierbei das Bewusstsein? Und auch in einem dritten Weltbild, das postuliert, es gebe nur Geist, stellt sich die Frage: Wieso zerspringt der Geist in Tröpfchen, in individuelle Tröpfchen?

Was ist dieses individuelle Bewusstsein, wie können wir es spüren? Wir alle haben fünf Sinne und der Sinn, der uns am meisten ablenkt, ist der Sehsinn. Um diesen auszuschalten, können wir jedoch die Augen schließen und werden bemerken, dass die vier anderen Sinne dadurch aufmerksamer werden.
Darüber hinaus gibt es noch mehr als diese Sinneseindrücke, es gibt ja noch das Gedankenkarussell. René Descartes beobachtete dies und schloss daraus: „Ich denke, also bin ich“. Wir sind jedoch in der Lage, noch einen Schritt weiterzugehen, indem wir auch dieses Gedankenkarussell anhalten. Dabei stellen wir fest: Es existiert auch jenseits unserer Gedanken etwas Wichtiges in uns: einen Punkt, der beobachtet, einen inneren Beobachter. Etwas, das die Gedanken und die Sinnesempfindungen beobachten kann. Nehmen wir uns immer wieder einen kleinen Moment Zeit dafür, diesen Punkt des inneren Beobachtens zu finden und zu fühlen.

Die meisten von uns werden den inneren Beobachter kennen, und das bedeutet: Das eigene Bewusstsein ist ein empirischer Fakt, das individuelle Bewusstsein existiert. Doch wie kommt es zustande?

Gottfried Wilhelm Leibniz stand genau vor dieser Frage. Er lebte in einem dualistischen Weltbild, und die Frage aller Fragen der damaligen Philosophie war war schon zu jener Zeit: Wie entsteht Bewusstsein? Er sagte sinngemäß: Wenn wir immer wieder die Frage stellen und sie nicht beantworten können – „Wie entsteht aus Geist und Materie individuelles Bewusstsein?“, dann könnte es sein, dass wir die falsche Frage stellen. Wie wäre es, wenn wir ein neues System aufstellen, und erst einmal die Begriffe „Geist“ und „Materie“ hintanstellen? Stattdessen setzen wir als oberstes Axiom: Es gibt individuelles Bewusstsein. Leibniz nannte dieses individuelle Bewusstsein, dieses „Bewusstseinsatom“, die Monade. Er sagte, sie existiert, und alles, was wir beobachten können in Bezug auf „Geist“ oder „Materie“, sind lediglich verschiedene Zustände von Monaden.

Monaden

In dem Weltbild von Leibniz gibt es nur Monaden. Es gibt sogar gar nichts anderes als Monaden: Bewusstseinspunkte, Bewusstseinszentren. Das ist der Kern seiner Philosophie; er hat darüber am Ende seines Lebens zwei Bücher geschrieben. Das erste ist die Monadologie, das zweite die Theodizee. Dabei ist Leibniz auf Pythagoras zurückgegangen. Der Begriff Monade stammt von Pythagoras, er kommt von monas = Einheit (wir kennen in der Tontechnik auch die Bezeichnung mono). Die Monade ist eine Bewusstseinseinheit im Kosmos. Oder, noch anders gesagt: Die Monaden sind die spirituellen Uratome des Kosmos. Das ist die fundamentale Idee, die Pythagoras uns gebracht hat.

Die Pythagoreer sagten: Die Monaden besitzen drei Grundaspekte, die immer gleichzeitig vorhanden und nicht aus einander erklärbar sind, drei fundamentale Eigenschaften. Die erste Eigenschaft ist die Materie; jede Monade hat einen Materieaspekt. Es gibt keine nicht-materielle Monade. Mit Materie meinten die Pythagoreer jedoch nicht unbedingt unsere physische Materie, sondern auch andere Sorten von Materie. In der heutigen Physik existieren Andeutungen davon. Man spricht zum Beispiel von sogenannter Dunkler Materie, was bedeutet, dass wir sie nicht sehen können. Oder von Neutrinos, die durch unsere normale Materie hindurchfliegen. Diese Beispiele illustrieren: Auf irgendeiner Ebene hat jede Monade einen materiellen Aspekt, auch wenn wir ihn in vielen Fällen (noch) nicht nachvollziehen können.

Als Zweites gibt es den Bewusstseinsaspekt der Monade, und schließlich gibt es den dritten Aspekt, der immer da ist, und den könnte man als Veränderung, Energie oder Kraft bezeichnen, die Bewegung die zu allem Leben dazugehört. Die Pythagoreer hatten dafür einen eigenen Begriff: Dynamis.
Bewusstsein, Materie, Bewegung

Stellen wir uns vor, wir hätten drei Dimensionen oder drei Raumrichtungen. Wir würden einen Punkt beschreiben und berücksichtigten dabei nur zwei der drei Basisvektoren oder Uraspekte. Wir kämen dann, wenn wir uns bewegten und auf dem Boden entlangliefen, zum Beispiel nie in die Höhe. So ungefähr kann man es sich vorstellen, wenn wir immer nur zwei dieser drei notwendigen Aspekte benutzen. Wir müssen also letztlich alle drei Aspekte des Seins betrachten, um das Leben besser zu verstehen. Das ist der große Unterschied zu dem üblichen Bild, in dem man auf dualistische Weise von der Materie einerseits und der Spiritualität andererseits spricht. Materie ist dabei das Niedere und Spiritualität das Höhere. Aber das Bild ist aus Sicht der pythagoreischen Philosophie nicht vollständig; sie lehrt, dass es drei Grundaspekte gibt.

Bewusstsein, Materie, Dynamik

Das bedeutet, dass wir all die Lehren, die wir aus der Theosophie und aus den verschiedensten Religionen und Traditionen kennen, von drei grundsätzlichen Winkeln aus betrachten können. Zunächst einmal können wir den materiellen Aspekt anschauen, dann den Bewusstseinsaspekt und schließlich den Bewegungs- oder Kraftaspekt. Der materielle Aspekt wird nicht nur grob-physisch, sondern außerdem oft auch als eine Reihe feinstofflicherer Körper beschrieben. Sie bilden eine höhere Realität des Materiellen. Das ist keine Einbildung, sondern es gibt wirklich feinere Materiearten.

Wir empfinden zwar unsere Gefühle oder Gedanken als subjektiv, aber für jemanden, der weiter entwickelt ist, der feinere Sinneswahrnehmungen hat, sind Gefühle und Gedanken ebenso etwas Objektives. Er kann sie wahrnehmen, kann sie sehen, er kann sie sogar verschieben, verändern, entwickeln, manipulieren. Das heißt, es gibt einen erweiterten objektiven Aspekt, und die verschiedenen Einteilungen, die wir hierzu in den Religionen und Philosophien und Traditionen haben, sollen so etwas sein wie eine Landkarte, damit wir uns in den feinstofflicheren Ebenen des Materiellen nicht verirren.
Und dann kommt der subjektive Aspekt dazu, nämlich: das zu erleben. Sich wirklich dort hineinversetzen zu können, sich dort zu bewegen. Das ist etwas ganz Anderes als das Materiell-Objektive.

Die östlichen Philosophien – das hat Pythagoras ganz klar erkannt - starten meistens hier, am Bewusstsein bzw. in der Subjektivität. Man versenkt sich in sich selbst und erforscht sich selbst, erforscht die eigenen Bewusstseinswelten. Aber Pythagoras erkannte, dass wir Europäer dennoch den Materieaspekt brauchen, sonst schwimmen wir weg; sonst versinken wir in den subjektiven Ozeanen von Glückseligkeit und von kosmischem Bewusstsein, obwohl wir noch überhaupt nicht wirklich dort sind, wo wir zu sein glauben. Wir sind dann zu wenig objektiv. Es kann leicht passieren, dass wir dann eine Weile denken, das Objektive, das Materielle existiere eigentlich gar nicht.

Europäer brauchen das Objektive. Über das Objektive, das Materielle in seinen verschiedenen Feinheiten, steigen wir ein in das subjektive Erleben. Und wenn wir das bewältigen, dann kommt als Drittes das Formen, der dynamische Aspekt hinzu. Er wird wenig gelehrt - und das aus gutem Grund.
In theosophischen Begriffen ausgedrückt: die materielle Seite ist für Anfänger, das Bewusstsein für Schüler, und die Dynamis ist für Meister. Also für Bewusstheiten, die sich auf dieser Ebene bewegen und dort auch helfen können, also selbstbewusst und objektiv etwas bewirken. Das bedeutet, wir müssen in Bezug auf diese Dinge im Laufe unserer Entwicklung drei große Schritte bewältigen. Und schon beim zweiten Schritt merken wir, wie wenig wir vorher vom Objektiv-Materiellen wussten.

Welche Skala hatten die Pythagoreer hierfür? Sie betrachteten den physischen Körper, zu dem auch der energetisch-instinktive Teil gehört, weiterhin unsere Emotionen, den mentalen Bereich, und darüber hinaus ggf. den kausalen und essenziellen Bereich. Es gibt hier alle möglichen energetischen Wirksamkeiten. Bei den Emotionen existieren Abstoßung und Anziehung, im mentalen Bereich die Analyse und die Synthese, und so könnten wir das immer feiner aufgliedern.

(wird fortgesetzt in Teil 2)

 

zurück zur Startseite pdf share