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Das Verhältnis von Bewusstsein, Energie und Stoff in der pythagoreischen Philosophie Teil 2

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(Teil 1)

Pythagoras und die Monade

Was sagt das pythagoreische Weltbild darüber hinaus zu dieser Pyramide des Grob- und Feinstofflichen? Es sagt zuerst: Es gibt außerdem immer noch die Monade selbst. Sie ist der ursprüngliche und unsterbliche Kern in uns. Und der befindet sich auf irgendeiner Ebene, vielleicht hier, vielleicht da, er kann sich in dieser Pyramide unserer Wesensglieder sozusagen hinauf und hinunter bewegen. Je nachdem, womit sich die Monade identifiziert, entsteht ein anderes Gefühl von Ich. Wenn die Monade sich mit dem Körper identifiziert, bildet sie ein körperliches Ich, wenn sie sich mit den Emotionen identifiziert, bildet sie ein emotionales Ich, wenn sie sich mit den Gedanken identifiziert, erschafft sie zusammen mit diesen Gedanken ein mentales Ich.

Doch die Monade selbst ist nichts davon. Sie ist ein spirituelles Uratom, sie ist im Kern viel höher als all diese verschiedenen Körper und Hüllen. Die Pythagoreer sagten: es gibt insgesamt nicht nur drei oder vier solcher Welten, wie wir sie gerade andeuten, sondern es gibt sieben mal sieben, also 49 Welten. Die Monaden – und das heißt: jeder von uns in seinem Kern – sind eigentlich die Atome oder die Urbausteine des obersten Feldes, der obersten, ursprünglichen Welt. Sie sind die spirituellen primordialen Atome.

Diese Monaden versuchen, ihr Bewusstsein dadurch zu entwickeln, dass sie gemeinsam mit anderen Monaden Erfahrungen machen. Dazu müssen sie sich verdichten, müssen sich mit den anderen vermischen. Das bedeutet, dass sie – bildlich gesprochen – einen abwärts, in die Materie gerichteten Involutionsweg gehen. Irgendwann kommen sie in der 49. Welt an, also in der materiell so verdichteten 49. Welt, die wir als unsere körperliche Ebene kennen.

So sagten die Pythagoreer. Auf dieser, der untersten körperlichen Ebene haben die Monaden ein Mineralbewusstsein. Dann beginnen sie sich nach oben hin zu entfalten und werden zu einem pflanzlichen Bewusstsein – das ist der höhere Teil der 49. Ebene, nämlich der energetische Teil, in Verbindung mit etwas Gefühl; Pflanzen richten sich nach der Energie aus, nach der Sonne.

Dann kommt das Tierreich. Tiere bilden die 48. Welt, sie haben sehr viel zu tun mit Sympathie und Antipathie. Sie fühlen in die Welt: Was sagt mir mein Instinkt, wo fühlt es sich gut an? Die Katze sucht sich immer den Ort, wo es sich am besten anfühlt. Und wir Menschen entwickeln hauptsächlich das Mentale. Das heißt, dass wir von diesen 49 Welten in den drei untersten zu Hause sind.

Das ist möglicherweise ein Schock für viele, die gehofft hatten, noch im Laufe dieses Lebens ins Nirwana zu kommen. Was bedeutet Nirwana? Es kann verschiedene Dinge bedeuten; es kann zum Ausdruck bringen, dass wir diese drei Welten, in denen wir uns bewegen, tatsächlich verlassen können. Wir können auf der Ebene 46 ein sogenannter Buddha werden. Das ist aber keine Auflösung; die Monade bleibt immer bestehen. Sie hat allerdings ein anderes Bewusstsein. Die eigentliche Idee von Nirwana ist, den großen Kreislauf zu absolviert zu haben und kosmisches Bewusstsein erreicht zu haben. Die Monade hat am Ende ihres Evolutionskreislaufes alle Erfahrungen gemacht, die man in diesem Kosmos machen kann und ist dann in der Lage, selbst wiederum einen Kosmos aufzubauen, damit andere Monaden ihre Entwicklung durchlaufen können. So dachten die Pythagoreer, und so sagte es im Grunde genommen auch Gottfried Wilhelm Leibniz.

Denken und Fühlen, Wissen und Sein

Wir wollen kurz darauf eingehen, wie die Emotionen und der mentale Bereich miteinander arbeiten. Wir laufen sozusagen wie auf zwei Beinen. Wenn wir nur einen Bereich hätten, würden wir nicht vorwärts kommen. Wenn wir nur den emotionalen Bereich fördern, nicht aber den mentalen, dann kann es sein, dass wir in Mystizismus abgleiten. Wir hören dann auf zu denken und meinen: „Was für ein wunderbarer schwereloser Zustand, wahrscheinlich habe ich kosmisches Bewusstsein erreicht.“ Nein, leider nicht, wir sind nur im höheren emotionalen Bereich – denn auch der hat bereits seine relativ spirituellen Welten, in denen man sehr schön versinken kann. Das ist der Grund, weshalb viele eher mystisch geneigte Meditierende nicht so gern über diese Vorgänge nachdenken wollen. Ihnen ist das alles zu intellektuell, da könnte dieses schöne Gefühl vielleicht weggehen. Das ist aber gar nicht der Fall. Sondern:
Im Mentalen gibt es ebenfalls verschiedene Stufen. Die unterste ist die Logik. Was danach kommt, ist das Prinzipiendenken, und dann kommt das perspektivische Prinzipiendenken. Wir haben etwas davon eben im Vortrag gehört: Wir können verschiedene Prinzipien mit einander in Einklang bringen. Danach kommt das Systemdenken. Wir können zum Beispiel verschiedene Traditionen miteinander vergleichen, können verschiedene Systeme in einander übersetzen usw. Und dann, wenn wir diese vier ersten Stufen erreicht haben, kommt das kausale Denken, das ursächliche Denken, und wenn wir da sind, dann geht dieser Weg erst so richtig los.

Es ist aber für viele zunächst wichtig, Prinzipiendenken zu lernen. Ich unterrichte an Hochschulen Prinzipiendenken, und es ist erstaunlich, wie wenig Studierende in der Lage sind, aus irgendeiner Sache ein Prinzip herauszudestillieren oder aus einem Prinzip wieder etwas Konkretes zu machen, geschweige denn zu einem Perspektivendenken zu kommen. Und da beginnt eigentlich erst der esoterische Weg, weil er damit verbunden ist, dass man auch die höheren Emotionen entwickelt hat und die niedere, emotionale Aggressivität in gewisser Weise überwunden hat. Eine solche Überwindung ist immer verbunden mit einem inneren Weg. Das heißt: nicht nur Wissen ist wichtig, sondern auch Sein.

Die Monaden existieren. Versuchen wir, den Kontakt zu ihnen aufrechtzuerhalten oder wiederzufinden. Dazu gehört absolute Ehrlichkeit. Ohne Ehrlichkeit, auch in Bezug auf den ehrwürdigen Namen Rosenkreuzer, wird man nicht weiterkommen. Absolute Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sind eine von zwölf Tugenden, die wir entwickeln müssen auf dem Übergang vom Systemdenken zum Kausaldenken. Die zwölf Tugenden werden angedeutet als die zwölf Heldentaten des Herakles. Wir sind alle in derselben Situation. Ich kenne die Situation sehr gut. Das ist auch mit ein Grund, weshalb ich mich auf die Reise gemacht habe. Man braucht Mut und man muss Strukturen überwinden und steht manchmal ganz alleine da.

Seien Sie Krieger auf diesem Weg. Zertrümmern wir das, was von den Formen nicht mehr zweckdienlich ist. Und lassen wir das Echte hervorscheinen.


Dieser Vortrag wurde auf einem Symposium der Stiftung Rosenkreuz mit dem Titel „Was will werden?“ gehalten. Es fand am 28. und 29. September 2019 im Van-Rijckenborgh-Konferenzzentrum Bad Münder statt. Für die Veröffentlichung wurde der Vortrag gekürzt und bearbeitet.

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