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Das vibrierende Wesen

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Vor kurzem entstand die Frage in mir: Wie könnte ich das beschreiben, was Seele genannt wird?

Ich sagte mir, eigentlich weiß ich das doch. Habe doch gelernt, dass sie die Mittlerin, das verbindende Element ist zwischen Geist und Körper oder Persönlichkeit. Dass sie aus verschiedenen Fluiden besteht. Und dass das Besondere meines spirituellen Weges die Neue Seele ist.

Seltsam, schon so lange weiß ich das.

Nun aber weht diese Frage wie eine frühlingsgrüne sanfte Windbö durch mein System.

Und ich stoße auf einen Textabschnitt in einem Buch von Jan van Rijckenborgh:

Außerdem gibt es ein Lebensfluidum, ein mächtiges Lebensprinzip, das die siebenfache Körpergestalt zusammenbindet, das Denken kontrolliert, das aurische Wesen innerhalb bestimmter Grenzen hält, die Lebenskräfte der Natur, die durch Äther zum Menschen gelangen, innerhalb einer bestimmten Vibrationsskala für den Körper geeignet macht und der stofflichen Erscheinung ein gewisses Maß an Gesundheit zuteil werden lässt. Dieses Lebensprinzip ist daher die kontrollierende und alles im Gleichgewicht haltende Substanz der menschlichen Manifestation; es beseelt und beschränkt, völlig den Qualitäten und Möglichkeiten des betreffenden Menschen entsprechend.

Dieses Lebensprinzip, das sich in all seinen Aspekten als „Licht“ erweist, ist nicht nur vibrierende Kraftwolke, sondern beweist sich auch als ein eigenes leuchtendes „Leben“, als eine intelligente, bewusste Seele oder Seelengestalt.[1]

Eine Tür öffnet sich in mir. Ja, da ist das meine Persönlichkeit durchdringende, vibrierende Wesen, das mein Leben beseelt.

Ich kann nicht danach greifen, aber etwas verstehend empfinden. Spüre einen weiten Raum hinter der kleinen geöffneten Türe meines Bewusstseins.

***

Mehr als alles andere unserer Wesenheit ist die Seele das „Dazwischen“, das verbindet. Empfangend einerseits – sich verströmend andererseits. Ausdruck für das Geistige im Durchwirken des Körperlich-Materiellen.

Die Seele schaut in das Himmlische, sie schaut in das Höllische. Sie empfängt aus dem, was weit über unsere materielle Welt hinausgeht – sie beseelt das, was in der materiellen Welt lebt. Die Seele kann Lichtseele sein, leuchtend hell-lebendig, rein, zart und strahlend – Ausdruck von „Kraftströmen verstehender Liebe und geistigen Willens“.[2]

Und sie kann ihr blühendes Leuchten zusammenziehen auf einen einzigen wartenden Energiepunkt, den die dunkler schwingenden Anteile – manche geist- und lieb-los und dem Prozess des Absterbens unterworfen – überlagern und beinahe unspürbar machen.

Wenn das tägliche sehnsuchtsvolle Ringen um das Reine, Lichtvolle, wenn das „tägliche Sterben“ zunimmt, bin ich auf dem Weg.

Keine Aufgabe im Jetzt kann dabei einfach umschifft werden, weil sie zu schwer sei, oder lästig oder unwichtig. Jeder Moment des Lebens dient diesem Werden. Alles ist ein Gleichnis, ein Abdruck der Ideen, die im „Unveränderlichen“ ihre Heimat haben.

Manchmal türmt sich ein Schlachtfeld auf – die Seelenanteile der erdenschweren Energien der sterblichen Materie und Ego-Zentrik wehren sich gegen die sterbende Verwandlung durch die geistige Liebe.

Manchmal öffnet sich gnadenvoll und sanft eine Frucht der Erkenntnis.

In diesem Ringen erwacht der „Sonnenengel“ [3], blüht die Lichtseele neu auf. Sie beginnt zu atmen, ihr inneres Licht richtet sich sehnend empor, wird empfangen und aufgenommen vom „Himmlischen“. Die Erdenschwere verliert ihre Kraft, immer ein wenig mehr.

***

Ich nehme wahr, dass das Tun meiner Persönlichkeit diesem Ringen folgen sollte. Zu groß wird der Schmerz, wenn das Licht in mir erneut verblasst, weil unbewusstes Wollen, ängstliches Starren auf komplizierte Lebensumstände und eine Unfreiheit der Sinne wieder laut geworden sind in meinem Wesen. Eine große Leere entsteht dann – düstere Stille ... die innerlich perlende Melodie der Freude verweht.

Denn der „Sonnenengel“ trägt einen besonderen Glanz in mein Leben – Liebe.

Alles wird einfach, wenn ich preisgebe.

Meine Bilder, Vorstellungen, mein „Ich-will“.

Und einfach still zuhöre. Hingebend.

„Herr, was willst du, das ich tue?“

Dann ruft der „Sonnenengel“. Zart und leise. Zunächst in einfachen Bildern.

Manchmal frühmorgens. Ich stehe auf und öffne in der Morgendämmerung das Fenster. Wie einen Lobgesang auf das immer werdende Leben höre ich die Vögel singen. Der rhythmische Klang der Stimmen im Äther verbindet sich schwebend wie eine Wolke des Dankes.

Zuhören.

Ich schließe wieder das Fenster und setze mich – Morgenstille umfängt mich. Etwas in mir wird groß – hört, lauscht, empfindet. Manchmal tauche ich ein in die innerste Atmosphäre der spirituellen Gemeinschaft, zu der ich gehöre, in das, was in ihrer Mitte brennt. Etwas in mir nimmt dankbar Reinheit und Kraft wahr, die vibrierende Klarheit darüber, wohin unser Weg des Mensch-Seins führt, wie er gegangen werden kann.

Manchmal spürt in mir etwas in das hinein, was hinter dem Tod liegt. Die trennende Mauer wird durchlässiger, ja, hinter dem Tod befindet sich Raum.

Ein andermal ist der Schmerz, der Schock darüber, dass „ich“ einmal nicht mehr sein werde, verschwunden. Ja, das ist gut so, es darf so kommen. Denn etwas anderes ist doch da.

Worte, die ich lese, entfalten auf einmal Räume in mir, etwas in mir betritt sie, alles in meinem Leben fügt sich zu einem großen Bild, das angeschaut werden kann – und es ist gut.

Manchmal bin ich Menschen ganz nah.

***

An ganz unterschiedlichen Energiefeldern kann die Seele anknüpfen, kann in sie eintauchen, aus ihnen schöpfen. Entsprechend hell oder dunkel wird es in ihr.

Das spüren viele Menschen in dieser Zeit. Sie erfahren den inneren Auftrag aus tiefer Sehnsucht, dem Seelischen in sich und in der Welt Raum zu geben – dem Seelischen, das sich weit öffnet, das verbindend ist, wärmend das Ganze umfangend.

Es geht nicht einfach nur um ein „gutes Gefühl“, sondern um die Ahnung, dass im lichtvollen Seelischen die „Senkrechte“ aufgerichtet, die Verbindung mit dem Höchsten, mit dem Wahren, mit Geistig-Ewigem möglich wird. Dass in dieser Verbindung sich Wahrheit und Lebenssinn manifestieren. Für mich, für dich,

für euch, Tiere, Bäume und Berge, für dich, Wind und dich, Meer.

Darum ist es gut, die Energiefelder, in die ich eintauche, gut abzuspüren – bieten sie Geistkraft zu dieser Bewusstseinsentfaltung?

Bieten sie Licht und Raum – aus dem Ewigen kommend, in das Ewige einfließend?

Denn erst in diesem feurigen Lichtraum entfaltet der „Sonnenengel“ seine Flügel mit ganzer Kraft.

***

Nicht wir Menschen suchen das Göttlich-Geistige – nein, die Gesuchten, Ersehnten sind wir Menschenwesen. Die Sehnsucht unserer Seele ist die Sehnsucht des Geistigen in ihr.

Denn wenn der „Sonnenengel“, die Lichtseele, erwacht, küsst sie der Geist.

Schöpferisch-liebend entsteht das pulsierende Leben.

 

 


[1] Jan van Rijckenborgh, Mitbegründer der spirituellen Gemeinschaft des Goldenen Rosenkreuzes, stellte in seinen Büchern und Vorträgen immer wieder die Seele in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Der hier zitierte Abschnitt entstammt dem Kapitel X Das Mysterium der Seele seines Buches Das Christliche Einweihungsmysterium – Dei Gloria Intacta.

[2] Alice A. Bailey, amerikanische Theosophin, benennt im ersten Kapitel ihres Buches Eine Abhandlung über die sieben Strahlen – Band II das Einströmen dieser beiden Energien als charakteristisch für die Seele.

[3] Diesen Ausdruck verwendet Alice A. Bailey in demselben Kapitel, um das reine Seelenwesen zu beschreiben, das zwischen dem Persönlichkeitsbewusstsein und dem Geistaspekt, der Monade, steht und dessen Einfluss im Menschen auf dem spirituellen Weg immer mehr wächst.

 

 

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