Thinking

Denken und Denken sind zweierlei

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 „Mach dir nicht so viele Gedanken“, hörte ich oft, als ich noch ein Kind war. Aber warum sagte man das? Konnte man denn überhaupt etwas anderes tun als nachzudenken? Eines der Dinge zum Beispiel, die mich nachdenklich machten, war:

Kinder mit Down-Syndrom wurden früher „unglückliche Kinder“ genannt. Als ich sechs Jahre alt war und einmal mit meiner Mutter die Straße entlangging, kam uns eine Frau mit einem solchen Kind entgegen. Ich sagte mitfühlend: „Oh…“, und meine Mutter erklärte: „Du musst kein Mitleid mit ihm haben. Diesen Kindern ist das nicht bewusst. Sie sind oft sehr glücklich.“

Darüber musste ich erst mal nachdenken. Und ich kam drauf, dass das heißt: wenn du eigentlich unglücklich sein müsstest (und andere das auch von dir denken), kannst du trotzdem glücklich sein.

Anscheinend kann man etwas sein, was man selbst gar nicht kennt. Komisch nur, dass andere es dann kennen sollen. Wäre ich selbst nach den äußeren Umständen ein „unglückliches Kind“, wäre es dann für mich besser, wenn ich es nicht wüsste, weil ich ja eigentlich glücklich bin?

Niemand verstand das, als ich es viel später erzählte. Niemand schien zu begreifen, dass dies für mich wirklich ein Problem darstellte und dass außerdem das ganze Leben ein Problem ist, ja, ein Mysterium. Es dauerte Jahrzehnte, bis man herausfand, dass Kinder mit Down-Syndrom tatsächlich etwas sein können, das andere kennen, nur nicht sie selbst. (Übrigens machen manche Leute einem etwas vor, etwas, das sie nicht sind, glauben aber, man würde es nicht merken, aber das stimmt nicht).

Es gibt auch Dinge, die von den meisten unbeachtet bleiben, obwohl sie doch eigentlich ein Wunder darstellen. Zum Beispiel in der Schule, als der Kunstlehrer eine Farbscheibe kreisen ließ und sie weiß wurde. Wie konnte das sein! Wenn man alle Farben miteinander verrührt, ergeben sie doch kein Weiß. Aber diese unglaubliche Darbietung gab der Lehrer tatsächlich zum Besten, und in seinem Gesicht stand zu lesen: Das habt ihr wohl nicht gedacht, was? Aber das Thema wurde überhaupt nicht weiter behandelt.

Fragt man sich da nicht, was wohl wäre, wenn man alle Menschen miteinander vermischen würde? Käme etwa ein Heiliger dabei raus? So etwas hat doch eine Bedeutung! Der Physiklehrer zeigte uns, wie ein Stückchen Plexiglas das Licht in sieben Farben brechen kann. Selbst wenn sie während der ganzen Schulzeit nichts anderes unterrichtet hätten, mir wäre das ein Leben lang Stoff zum Nachdenken gewesen.

Dann gab es all diese Dinge, die sich viele Kinder fragen; zum Beispiel, was in der Bibel steht, stimmt oft nicht mit den Auffassungen der Gläubigen überein und nicht einmal mit Texten an anderer Stelle in derselben Bibel.

Und da waren die Leute, die an andere Dinge glaubten und von dem, was sie sagten, genauso überzeugt waren wie die, die auf irgendeine Weise an die Bibel glaubten. Wie sollte man da wissen, was richtig ist? Rätsel über Rätsel, auf die man Antworten von erwachsenen, denkenden Menschen erwartete. Aber „denkende“ Menschen wollen überhaupt nicht, dass man über alles nachdenkt. Müsste man sie dann nicht eigentlich als „nicht-denkende“ Menschen bezeichnen? Sich über ehrliche Fragen ärgern – ist das nicht seltsam?

Wer Fragen stellt, wird oft als Unruhestifter angesehen, als jemand, dessen Glaube zu kurz greift. Natürlich gibt es auch Menschen, die ihr Möglichstes tun, die Rätsel zu lösen, was natürlich durch Nachdenken geschieht. Es wurden viele Erklärungen für äußerst rätselhafte Geschichten in der Bibel oder für vergangene Ereignisse erdacht, um die Rätsellücken zu schließen. Aber aus dem einen oder anderen Grund beseitigen sie die Unklarheiten nicht. Als läge ein Deckel über den weiterhin existierenden Lücken.

Der entscheidende Punkt ist: hilft es eigentlich, wenn man anderen Fragen stellt? Bestimmt dann nicht, wenn sie wütend werden, und vielleicht ist es nicht einmal notwendig, anderen solche Fragen zu stellen. Der Impuls, dass man sich mit etwas beschäftigt, kommt aus dem eigenen Innern, aus dem eigenen Herzen. Immer wieder klopft dieser Impuls an unsere Tür. Und eine große Entdeckung besteht darin: In der Frage ist die Antwort irgendwie enthalten, auch wenn sie dann später scheinbar von außen kommt. Da taucht plötzlich ein Buch auf, in dem dieser eine Satz steht, auf den man schon lange gewartet hat, oder jemand sagt etwas Besonderes, worauf es im Innern „Klick“ macht.

„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“, so sagt der Volksmund. Durch Fragen kommt man letztendlich in Kontakt mit Menschen, die dieselben oder ähnliche Gedanken hegen. Die Schlussfolgerung hieraus kann nur sein: es gibt zwei verschiedene Arten zu denken. Ein konkretes, praktisches Denken, das dazu bestimmt ist, zu regeln und zu organisieren. Dieses Denken dient unserem täglichen Leben und ist nicht geeignet, sich mit Fragen über das Wesentliche zu befassen. Und es gibt ein Denken, das über die irdische Logik hinaus reicht. Das empfängt seine Impulse aus dem Bronn in uns, der uns seine Strahlen aufdrängt, mächtig und verstörend, … solange wir nach der Quelle suchen.

 

 

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