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Der Eine

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Der unbekannte Gott

Wie der Name schon sagt, geht der unbekannte Gott über das Erkennbare hinaus – über unsere Logik, unsere Wahrnehmungen, Gefühle, unsere Intuition. Er wohnt jenseits der wahrnehmbaren und verständlichen Welt. Unsere begrifflichen Werkzeuge können ihn nicht definieren oder erreichen. Die rudimentären „Bögen" der Gedanken, des Willens, des Verlangens sind nicht stark genug, um ihre Pfeile zu den Sternen zu schießen, oder über sie hinaus.

Wie sollte man das Gesicht des unbekannten Gottes beschreiben? Hat er überhaupt ein Gesicht, einen Körper, eine Form? Der unbekannte Gott kann sich uns nur in der inneren Stille, der Leere, der Dunkelheit offenbaren. In dieser Dunkelheit können wir nichts erkennen; wir können nur unser Bewusstsein, das nach Empfindungen und Wissen giert, in ihr ablegen. Wenn wir leer und still sind, und sei es nur für einen Moment, gibt es niemanden mehr, der etwas über die Leere oder die Stille wahrnehmen, beschreiben oder ausdrücken könnte. Das Denken ist abgeklungen und mit ihm die parasitären Erinnerungen, die Klischees, der unaufhörliche innere Monolog. An ihre Stelle ist eine jungfräuliche Wachheit getreten. Der „abgeschaffte Gedanke" mag ein Ausdruck sein für den unbekannten Gott; er ist ohne Worte, ohne Bilder, ohne „Gesicht", einfach und lebendig, direkt, überwältigend in seinem Geheimnis.

Der unbekannte Gott entzieht sich uns definitiv; und doch kann er durch nichts verhüllt werden als durch unsere strukturelle Unfähigkeit, das Unfassbare zu erfassen.

Der sich offenbarende Gott

Die Gesichter des sich offenbarenden Gottes sind zahllos. In der Tat gibt es nichts Wahrnehmbares, das nicht eines seiner Gesichter ist. Das ganze Universum ist sein Körper, sein Gesicht. Jedes Atom ist ein Spiegel, in dem dieses Gesicht reflektiert wird. Jede Begegnung, jede Situation, jedes Wesen oder jeder Gegenstand sind Ausdrucksformen, Nachahmungen seines universellen, vielgestaltigen Gesichts, manchmal lächelnd, manchmal heiter, manchmal ernst oder streng.

Erkennen wir diese Gesichter des sich offenbarenden Gottes in jeder Situation, in die wir gelangen, bei jeder Begegnung? Oder sehen wir nur die Fratzen, mit denen wir alles bekleiden: unsere Eindrücke, Reaktionen, unsere Anziehung und Abstoßung? Sind wir offen, achtsam? Oder bleiben wir in der Blindheit, fixiert auf unsere Meinungen, Vorstellungen und Affekte?

Die Gesichter des sich offenbarenden Gottes mit ihren unzähligen Ausdrucksformen und Facetten sind ein immer neuer Ruf, der in unsere Isolation eindringen will, ein immer neues Augenzwinkern, das uns zum Dialog, zum Tanz, zur offenbarenden Entdeckung einlädt.

Der eine Gott

Es gibt keinen Widerspruch zwischen dem unbekannten und dem sich offenbarenden Gott. Sie sind nur für die Sprache, für das Denken verschieden. Es gibt nur einen Gott, und er ist weder „unbekannt" noch „offenbart", noch beides zugleich. Metaphysische Konzepte besetzen unser Inneres; die Wahrheit empfangen wir nur, wenn wir leer und empfänglich für sie sind: Wahrheit über das, was wir sind, Wahrheit darüber, was die Substanz des Lebens eigentlich ist. Wahrheit über Gott? Unterscheiden sich Wahrheit und Gott voneinander?

Unsere Vorstellungen und Kategorien sind nur Krücken, die es uns ermöglichen, auf dem Weg der Erkenntnis weiterzuhinken. Wenn wir Erkenntnis errungen und in uns verankert haben, wenn wir dank der Handlungen, die wir täglich auf der Grundlage unserer Erkenntnis ausführen, einigermaßen auf den „Beinen" stehen, dann kommt der Blitz der Offenbarung. Er fegt all unsere Bemühungen und Errungenschaften weg und erleuchtet das Bewusstsein mit einem Licht, das uns bis dahin völlig unbekannt war. Die Krücken werden uns genommen, unsere kunstvoll errichtete Begriffsarchitektur zerbricht. Ihre Asche verstreut sich im Atem des Geistes, der seinen Platz im Zentrum unseres Bewusstseins einnimmt, im nunmehr freien Bewusstsein.

 

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