Universe

„Der große Heiler ist gekommen!“

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Der folgende Text ist der Versuch einer Annäherung an die Heilsbotschaft, die in einem solchen universellen Christentum enthalten ist.

Seht, der große Heiler ist gekommen!

Er weiß alle Menschen zu heilen.

Er hat seinen Arzneischatz ausgebreitet und ruft: „Wer es wünscht, werde geheilt.“

Seht all die Heilungen an!

Es gibt keine wahre Heilung, es sei denn, durch ihn.

Er stößt keinen Kranken zurück, er macht sich über keinen Verwundeten lustig.

Geschickt ist er in seiner Arbeit.

Die Worte aus seinem Mund sind sanft.

Er weiß Wunden zu schneiden und ein kühlendes Mittel aufzulegen. Er beschneidet und reinigt.

Er brennt aus und lindert am gleichen Tag.

Seht, seine Sanftmut ließ jeden von uns die eigene Krankheit erkennen.

Lasst uns vor ihm unsere Krankheit nicht verbergen! Lasst den Krebs nicht in den Gliedern stecken, damit er nicht das schöne Bildnis vom neuen Menschen in uns zerstöre.

Möge er uns Heilung gewähren, die alle Verwundungen heilt.

Möge er hinwegnehmen unsere Vergehen, die Narben, die unserer Seele eingebrannt sind.

„Seht, der große Heiler ist gekommen!“

Was für ein freudiger Ausruf, der auch in mir jedes Mal ein hoffnungsvolles Vibrieren auslöst. Ein vertrauensvoller, fast kindlicher Anteil in mir möchte sofort loslaufen und den Heiler aufsuchen und ihn bitten, auch mich zu heilen. Aber dann melden sich andere Stimmen, „vernünftige“, durch viele Enttäuschungen entstandene Anteile, die Zweifel anmelden. Die einen haben alle Hoffnung verloren und klagen resigniert: „Ja, den anderen Menschen kann er vielleicht helfen, aber mir…?“ Die anderen wiegeln eher ab und wollen mir weis machen, dass es doch gar nicht so schlimm um mich stehe. Und es gibt sogar ein wohlerzogenes Stimmchen, das mich davon abbringen will, den vielbeschäftigten großen Heiler mit meinen Lappalien zu belästigen. Ein unangenehmer Wirbel widersprüchlicher Impulse entsteht in mir. Ich hoffe, ihn klären zu können, indem ich mich der Botschaft des Textes Stück für Stück öffne.

„Er weiß alle Menschen zu heilen“,

so versichert mir der Psalmdichter und ich spüre den inneren Widerstand gegen diese frohe Botschaft. Ist dieser Widerstand nicht eine Art verkappter Hochmut, sich für besonders und damit auch für besonders unheilbar zu halten? Aber Hochmut ist vielleicht nur Schutz vor erneuter Verwundung durch Scheitern und Zurückweisung. Da höre ich, dass der große Heiler keinen Kranken zurückstoße und sich über keinen Verwundeten lustig mache. Die abwiegelnden Stimmen und die Stimmen der Scham, die verhindern wollen, dass ich mich mit meinen Verletzungen zeige, werden leiser. „Die Worte aus seinem Mund sind sanft“, höre ich und ich spüre, wie ich etwas zutraulicher werde, ich brauche also keine Angst zu haben vor harschen Vorwürfen, sondern darf auf eine Milde und Barmherzigkeit hoffen, wie ich sie mir selbst nicht zu geben vermag. Seine Sanftheit wird noch ein weiteres Mal gepriesen: „Seht, seine Sanftmut ließ jeden von uns die eigene Krankheit erkennen.“ Etwas sehr Tröstliches liegt darin: vor ihm brauche ich mich nicht zu schämen, im Schutz seiner Barmherzigkeit kann ich ohne Scheu meine Versehrtheit eingestehen. Und ich bin nicht allein. Allen, die sich ihm zugewandt haben, wurde diese Selbsterkenntnis zuteil. Ich fühle mich eingeladen, mich diesen Menschen anzuschließen und meine Isolation zu durchbrechen; wir alle werden ein weiteres Mal ermutigt:

„Lasst uns vor ihm unsere Krankheit nicht verbergen!“

Ein neues Gefühl entsteht in mir, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu den Menschen, die ihre Versehrtheit spüren und sich nach Heilung sehnen. Welcher Art ist unser aller Krankheit? Der Dichter spricht vom „Krebs“, der uns „in den Gliedern“ stecke. Eine Krebszelle gilt als entartet, sie weiß nicht mehr um das große Ganze, um den Organismus, dem sie angehört und in dem sie eine dem Allgemeinwohl dienende Aufgabe hat. Sie hat sich quasi abgeschnitten und wuchert in blinder Selbstbezogenheit vor sich hin. Zerstörerisch und damit letztlich auch selbstzerstörerisch. Hat nicht nahezu jeder Mensch etwas von einer solchen Krebszelle und auch die Menschheit als Ganzes? Was wissen wir noch von den kosmischen Gesetzen, von einer ursprünglichen Ordnung, der wir in Freude und Freiheit dienen durften? Stattdessen kreisen wir in Selbstsucht und Eigenwilligkeit um uns selbst, bis der Schmerz angesichts der Sinnlosigkeit dieses Kreisens uns irgendwann innehalten lässt. Und wie kommen wir aus diesem krankhaften Kreislauf heraus?

„Wer es wünscht, werde geheilt“,

verspricht uns der Text. Dieses „Wünschen“ muss doch wohl eine besondere Qualität haben, es muss sein wie das Dürsten des Wüstenwanderers nach Wasser, wie das Verlangen des Ertrinkenden nach Luft. Es muss größer sein als die Lust, die unsere Wünsche nach irdischen Vergnügen antreibt, es muss eine in dieser Welt unstillbare Sehnsucht sein, wieder Teil einer absolut sinnvollen, von Liebe getragenen Ordnung zu sein und in ihr freudig unsere ureigene Aufgabe zu übernehmen. Wer von dieser Sehnsucht erfüllt ist, wird vom großen Heiler willkommen geheißen.

Welcher Art werden nun die Heilmethoden sein, die er an uns vollzieht? Es klingt zunächst nach neuem Schmerz: Von „Beschneiden“ und „Ausbrennen“ ist die Rede, und jener um sich selbst kreisende Teil in mir schreckt zurück. Doch ich spüre, dass Selbstsucht keinen Platz hat in der Ursprungsordnung und sie aufzulösen, dürfte mit brennendem Schmerz und dem Gefühl verbunden sein, von etwas abgeschnitten zu werden, das mich gefangen gehalten hat. Die aufkommende Angst vor einem solchen Heilungsweg wird jedoch abgemildert durch die Zusicherung, dass der Heiler nicht nur Schmerzhaftes, sondern auch Linderndes an mir vollzieht:

„Er weiß Wunden zu schneiden und ein kühlendes Mittel aufzulegen.“

Und ich darf darauf vertrauen, dass die Linderung nicht lange auf sich warten lässt: „Er brennt aus und lindert am gleichen Tag.“ Entspricht das nicht auch meiner bescheidenen eigenen Erfahrung? Dass ich immer dann, wenn ich etwas loslasse, an das ich mich hartnäckig geklammert habe, so etwas wie Erleichterung, Kühlung, Befriedung spüren konnte?

Dieser Heilungsprozess dürfte einen langen Atem brauchen und eine stetige, demütige Hinwendung zum Heiler mit der Bitte, uns all das zu vergeben, das wir uns selbst und anderen zufügten, bewusst und unbewusst, und das bei uns allen seelische Narben hinterlassen hat. Immer wieder werden wir ausweichen wollen, unseren eigenen Weg ohne ihn gehen oder uns auf Schleichwegen Erleichterung verschaffen wollen. Aber uns wird versichert:

„Es gibt keine wahre Heilung, es sei denn, durch ihn.“

Nach und nach, das hoffe ich zutiefst, wird mit seiner Hilfe auch IN mir etwas wachsen, das mich auf meinem Heilungsweg leitet: Der Text nennt es „das schöne Bildnis vom neuen Menschen“. Es lebt in mir als eine vage Erinnerung an etwas, das verloren ging. Und als Sehnsucht nach etwas, das wieder in mir lebendig werden möchte.

Und wer ist nun der Heiler? Ich denke, es ist der göttliche Keim im Menschen. Er will sich mit mir „bekleiden“, will mich zu seinem Abbild machen. Und dazu bedarf er des „heilen Menschen“.

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