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Der Kontext der heutigen Initiationsarbeit - Teil 1

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Wenn wir fragen, welche Bedeutung das Rosenkreuzertum in der heutigen Welt hat, können wir drei Hauptmerkmale erkennen: Erstens überträgt es eine universelle spirituelle Philosophie und eine Vision der Welt; zweitens gibt es Gemeinschaften, die die Tradition der Rosenkreuzer vertreten; und drittens spielen Lehre und Weg des Rosenkreuzes eine praktische Rolle im Leben der Mitglieder dieser Gemeinschaft und anderer, die davon beeinflusst sind.

Als Philosophie, die sich auf kosmologische und anthropologische Konzepte konzentriert, ist das Rosenkreuz ein Ergebnis der Renaissance. Es stellt die Verschmelzung einer Reihe spiritueller Strömungen dar, die es damals von Aberglauben und Fantasien befreit und zusammengeführt hat. Die Synthese enthält eine Botschaft, um das Leben tiefergehend zu verstehen und sich seinem Sinn zu nähern.

In allen Epochen und Kulturen gab es Menschen, die zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen sind und aus ihnen einen „Modus vivendi“ gemacht haben, eine Lebensform. Auch bereits vor der Renaissance lässt sich „rosenkreuzerisches“ Denken feststellen, wenn auch nicht unter diesem Namen.

Temple

 

Hier nun einige Gedanken zu den philosophischen Grundlagen des Rosenkreuzes und ihrer Beziehung zur heutigen Gesellschaft. Das heutige Leben basiert auf Kommunikation und dabei spielt das gesprochene und geschriebene Wort eine besondere Rolle. Mit Worten lassen sich Konzepte und Ideen darstellen und vermitteln. Nehmen wir als Beispiel das Wort „Rose“. Es gibt ein allgemeines Verständnis dessen, was eine Rose ist. Solche gemeinsamen Verständnisebenen bilden die praktische Grundlage für unsere gesellschaftliche Struktur und ihre Interaktionen.

Schwierig wird es allerdings, wenn wir dieselben Worte verwenden, um Konzepte und Ideen zu vermitteln, die weder bekannt noch greifbar sind. In solchen Fällen sind wir gezwungen, die Erklärungen zu erweitern, was je nach der Idee, die wir vermitteln möchten, die Kommunikation erschwert und zu Missverständnissen führen kann.

Symbolik und Analogie

Mysterien- oder Initiationsschulen wie die der Rosenkreuzer waren sich immer der Grenzen der Sprache bewusst und machten für ihre Darstellungen auch Gebrauch von Symbolik und Analogie. Die Verwendung von bildhaften Symbolen kann die Vorstellungskraft erweitern und die Möglichkeit eröffnen, auch immaterielle und subtilere Realitäten innerlich zu visualisieren.

Das Rosenkreuz ist in der Tradition der westlichen Mysterien verwurzelt. In seiner Botschaft spielt die Signatur der Dualität eine Rolle, das Verweben des Subtilen mit dem Konkreten, der inneren Vorstellungskraft mit der äußeren visuellen Darstellung.

Der Name Rosenkreuz symbolisiert die Verbindung zwischen dem spirituellen Aspekt des Menschen (der „Rose“) und seinem irdischen Wesen (dem „Kreuz“). Die Rose steht für die Idee des Geistes, der im Menschen erwachen kann, und das Kreuz ist Sinnbild für das Leben in unserer materiellen Welt mit ihren vier Hauptelementen Feuer, Wasser, Luft und Erde bzw. Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Kohlenstoff. Der Weg des Rosenkreuzes besteht in der Vereinigung von Göttlichem und Menschlichem, Geistigem und Materiellem, wobei die tiefe Spannung, die eine solche Vereinigung mit sich bringt, das Bewusstsein prägt und verwandelt.

Die Sprache der Symbolik kann man nicht für alles verwenden. Man kann mit ihr nicht beschreiben, wie man ein Auto oder ein Flugzeug baut. Umgekehrt hat aber auch die technische und wissenschaftliche Sprache ihre Grenzen. Sie kann in unseren Köpfen keine Gedanken und Konzepte, keine Bilder und Ideen erzeugen, die das alltägliche Leben überschreiten.

Das Rosenkreuz nähert sich dem Göttlichen nicht dadurch, dass es von esoterischen „Himmeln“ spricht oder auf mystische Weise von „Gottheiten“, die in mentale Fantasien gehüllt sind. Vielmehr sucht es das Geheimnis des Geistes in seiner natürlichen Manifestation zu entschlüsseln. Wenn das Universum auf Schöpfungsimpulsen eines erhabenen Architekten beruht, versucht das Rosenkreuz nicht, den Architekten zu verstehen, sondern sucht die zugrunde liegenden Absichten in den äußeren Erscheinungen der Natur zu entdecken. Der Weg zum Erkennen der Geheimnisse des Kosmos beginnt dann mit dem Verstehen der Schöpfung „Mensch“. In verschiedenen Traditionen wird der Mensch als „Mikrokosmos“ bezeichnet, um deutlich zu machen, dass in ihm eine Synthese des großen Ganzen anzutreffen ist.

Sich selbst kennenlernen

Die Ausgangshypothese lautet also, dass man sich selbst kennenlernen muss, um das Universum und seinen Zweck kennenzulernen. Der Rosenkreuzer befolgt den Rat, den die Göttin Persephone dem griechischen Philosophen Parmenides gegeben hat (s. dessen Lehrgedicht Über die Natur), den Weg des "Jetzt sein" zu gehen, sowohl geistig als auch erfahrungsgemäß, und sich nicht mit Spekulationen zu befassen.

Der Weg zur Wahrheit ist der Weg zum Logos. Er erschließt sich im Zusammenspiel von rationalem und analogem Denken. Der Logos lässt sich unter zwei Aspekten verstehen: einmal als Manifestation gemäß den Naturgesetzen, und zum anderen als ein aktives Werden in der Idee des „Seins“. Für einige ist dieses Werden ein Weg des Schicksals, während es für den Rosenkreuzer ein Weg ist, der ihm den Sinn des Lebens offenbart.

Die Rosenkreuzer standen niemals auf der Seite eines dogmatischen Autoritarismus, wie es bei so vielen Religionen der Fall ist. Vielmehr ging es ihnen immer darum, den Geist vom Joch des Irrationalen und des blinden Glaubens zu befreien. Es ist nicht logisch und nicht angemessen, den suchenden Geist, die Krönung des Menschen, an den Grenzen eines dogmatischen Gehorsams gegenüber irrationalen Ideen enden zu lassen. Daher sind die Rosenkreuzer immer einen Weg gegen den Mainstream gegangen, in der Überzeugung, dass jeder, der gegen die Strömung eines Flusses geht, irgendwann zur Quelle gelangt.

(wird fortgesetzt in Teil 2)

 

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