Glaspalast

Der Riss im Vorhang. Von der Prinzessin und dem nicht mehr so lieben Gott

zurück zur Startseite pdf share

Nein, eine Prinzessin war ich nicht, so wie ich dastand: etwa fünf, sechs Jahre alt, etwas pummelig, ziemlich klein, mit Sommersprossen im Gesicht und schüchtern im Herzen, mit langen dunklen Spaghettihaaren. Wie schon so viele Male, war ich mit meinen Freunden zusammen. Innerlich immer ein wenig einsam, anders als die anderen, worin auch immer. Es war Sommer, wir hatten den ganzen Vormittag auf dem Sandweg spielt, der an unseren Gärten vorbeiführte.

„Du bist eigentlich eine Prinzessin.“ Auf einmal war diese Stimme, dieses Wahrnehmen da.

Es waren vielleicht keine konkreten Worte, die ich vernommen hatte, sondern eher die Idee, die dahinter liegt und für die ich keine andere, treffendere Deutung zur Verfügung hatte.

Aber es stimmte, ich bin etwas Besonderes – jedoch nicht in einem blöden, arroganten, sondern in einem richtigen Sinn. Mir wurde etwas mitgeteilt, das ich als wahr anerkennen durfte und musste. Nichts, was einen in der Welt auszeichnet. Aber etwas, das einem eine Verbindung offenbart, die Verbindung zu einem anderen Sein. Vielleicht wurde das allen Menschen mitgeteilt!?

Von außen betrachtet, verhielten die anderen sich allerdings nicht so. Ich mich aber auch nicht, also konnte das allein kein Kriterium sein. Ich empfand die Menschen nicht als gleichartig. Und so blieb ich allein – zumindest innerlich. Ich wagte es nicht, meine Sehnsucht, meine Einsamkeit und mein Erkennen mit jemandem zu teilen. Es gab sich niemand als gleichartig zu erkennen und mir hätten auch die Worte gefehlt …

Andere Welten

Mit acht oder neun Jahren machte ich mit meinem Stiefvater und meiner Mutter einen Fahrradausflug. Das taten wir an vielen Wochenenden und ich mochte es sehr, dahinzugleiten und die Welt zu beäugen. Auf einer langen Straße, ganz beiläufig, wie selbstverständlich, war es auf einmal da, dieses Bild, diese Impression: ein gigantisches Gebäude, direkt neben mir. Die Fassade ragte nicht senkrecht in die Höhe, sondern verjüngte sich nach oben hin leicht und war aus hellen, cremefarbenen Steinen erbaut, die in dem Licht einer gleißenden Sonne erstrahlten.

Obwohl dies nicht das Geringste mit einem Tagtraum zu tun hatte, sondern die Wahrnehmung so real war wie die gewohnte Welt um mich herum, war es doch nichts, was ich jemandem erzählen konnte. Es war, als wären Risse in meinem eigenen System entstanden.

Das Prinzessinnen-Erlebnis war ein Riss in den Vorhängen, die das Innere verhüllen.  

Dies nun war der Riss nach außen hin. Er brachte mir Gewissheit! Es gibt andere Räume, ein größeres Sein, das allerdings nicht mit den gewöhnlichen Sinnen erfahren werden kann.

Mit diesem Erleben war ein Schrecken verbunden, denn die Welt war nun unberechenbarer für mich geworden. Doch bei weitem überwog die Erleichterung, das Aufatmen, denn eine erahnte Perspektive begann sich zu offenbaren, bot Potential zur Entfaltung, zur Heilwerdung.

Der nicht mehr ganz so liebe Gott

Einige Jahre später, als Jugendliche, besuchte ich in der Schule die Philosophie-AG, freiwillig, am Nachmittag beim Religionslehrer. Was fanden sich da für Typen zusammen – alle intellektuell bemüht, alle ein wenig verschroben, alle ein bisschen alternativ und doch sehr individuell. Ich liebte es. Es bescherte mir großartige Aha-Gedanken. Der Lehrer wusste durch seinen Input, Anstöße zu bieten zum Denken und zum Erkennen. Er selbst, vielleicht noch kaum bewusst, war auf der Suche, war voller Sehnsucht und Begeisterung, sein Gefundenes teilen zu können.

Platons Höhlengleichnis, in dem dargestellt wird, dass der Mensch nur die Schattenbilder des Wirklichen erkennen kann, war eine Offenbarung für mich. Das größte Staunen aber und die damals prägendste Erkenntnis ploppte in mir bei der Frage auf: Ist Gott ein guter Gott – bei all dem, was auf der Welt stattfindet?

Zuerst verteidigte ich vehement „meinen“ Gott. Und der war gut, so was von gut, der „Guteste“ überhaupt! Die Einwände der anderen waren zum Teil clever, wirkten ausgereift, fühlten sich in ihrer materialistischen Prägung jedoch ganz falsch für mich an. Ich stieß an meine Grenzen. Wie sollte ich die Zustände in der Welt in Einklang bringen mit meiner Vorstellung vom „lieben Gott“?

Es gab nur einen Ausweg. Ich musste die Erweiterung meines Gottesbildes zulassen.

Es war schmerzhaft und ich fühlte mich hilflos, wusste ad hoc nicht, was meiner Anschauung fehlte, nur dass etwas fehlte, stand glasklar vor mir. In diesen verstandesentleerten Raum manifestierte sich ein Geistesblitz: Zum universellen Gott gehört die Freiheit. Und ebenso gehört sie zum Menschen, in dem ein göttlicher Keim angelegt ist.

Wir müssen nicht gut und brav sein, wenn wir uns dem Göttlichen nähern wollen, sondern vielmehr das Freisein lernen und aus der dabei gemachten Erfahrung Erkenntnis gewinnen und die richtigen Entscheidungen treffen.

 

 

zurück zur Startseite pdf share