restless temple

Der ruhelose Tempel

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Das Bauwerk, ein antiker griechischer Tempel, steht oben auf einem langen, grasbewachsenen Hügel, mit einer Reihe von Bäumen im Hintergrund. Es weht eine leichte Meeresbrise, die die Bäume in Bewegung bringt. Ein Gebäude, das weiß jeder, ist mit dem Boden fest verbunden, es kann sich nicht bewegen. Aber dann ...: „es bewegt sich!", verwirrt und ein wenig schwindlig reibst du dir die Augen.

Was für ein Schauspiel! Der Tempel schaukelt im Wind hin und her. Ein Ding der Unmöglichkeit. Verwitterte Steintempel stehen fest und sind so solide gebaut, dass sie selbst bei einem Erdbeben meist unversehrt bleiben. Aber dieser Tempel bewegt sich mit dem Wind.

Wenn man den Hügel in der Nähe des Eingangs zu den Tremenheere-Skulpturengärten (in Penzance, Cornwall) hinaufgeht, wird deutlich, dass das Bauwerk so konstruiert ist, dass die untere Hälfte in einem Loch auf dem Hügel steht, so dass die Grundmauern nicht sichtbar sind. Und man entdeckt, dass das, was aus der Ferne – und sogar noch von einer gewissen Nähe aus – wie massiver, verwitterter Marmor aussieht, in Wirklichkeit Holz ist. Die dorischen Säulen und das Tympanon (die Giebelfläche mit Reliefs) sind aus rotem Zedernholz gebaut, und weitere Informationen verraten, dass die Säulen aus hohlen Rohren bestehen, an denen Zedernlatten befestigt sind. Dadurch ist ihr Gewicht so gering, dass der Wind sie hin und her bewegen kann. Jede Säule ist mit einem Stahlseil von oben durch das Hohlrohr mit einem Gegengewicht unter der Plattform, auf der sie stehen, verbunden. Die Gegengewichte selbst sind durch einen Stahlrahmen miteinander verbunden, so dass sie sich einen gegenseitigen Halt geben und wie eine Gruppe von Tänzern immer wieder zurück in ihre vertikale Position bewegen. Eine raffinierte Kombination von Wind und Schwerkraft. Der Tempel soll lange genug stehen bleiben, damit Flechten darauf wachsen können, aber wie lange er tatsächlich halten wird, ist ungewiss.

Es ist eine Ode an „unseren ehrgeizigen und prekären Einfallsreichtum", sagt die Künstlerin Penny Saunders, die lange Zeit als Konstrukteurin von beweglichen Bühnenbildern für eine Theatertruppe gearbeitet hat.

Unser Erfindungsreichtum ist sicherlich prekär. Welche unbeabsichtigten Nebeneffekte und Unsicherheiten hat er uns schon beschert! Das Ziel der Technik bestand seit jeher darin, unserem Leben mehr Sicherheit zu geben. Aber kann man das heute noch sagen?

Wenn man diesen Tempel betrachtet, scheint es, als ob sich alle unsere Gewissheiten und Unsicherheiten in dieser beweglichen Struktur abbildeten. Eine wunderbare Darstellung künstlerischer Inspiration. Wehen im Wind. Und was für eine Vision: Alles, was wir für „wertbeständig" halten, unterliegt der Bewegung der Zeit. Alles nutzt sich ab, erodiert, altert, verfällt. Nichts ist so, wie es scheint. Könnte das nicht eine wichtige Botschaft dieses ruhelosen Tempels in unserer ruhelosen Welt sein?

Die Summe dessen, was für uns feste Werte sind – kann sie nicht auch als eine Art optischer Täuschung angesehen werden? In Wirklichkeit ist alles vergänglich. Es beunruhigt ein wenig, wenn man das auf sich wirken lässt. Aber jetzt, wo wir fast alle technischen Spielereien ausgereizt haben, um unser Leben angenehmer zu gestalten, fällt es schwer, weiter an den technischen Fortschritt zu glauben.

Im Übrigen ist das Kunstwerk auch humorvoll angelegt in der Art, wie es die Dinge relativiert. Vielleicht ist es sogar ein Symbol für den Ort, den ein bewusst Suchender in der heutigen Gesellschaft einnehmen kann: Wir bewegen uns zuweilen in Extremen. Aber solange wir die Verbindung mit dem Anker in unserer Mitte haben, können wir das Gleichgewicht immer wieder neu gewinnen. Alles in unserer Welt unterliegt den Naturgesetzen, und auch sie halten sich gegenseitig im Gleichgewicht – um ein unsichtbares Zentrum herum.

In diesem Zentrum ist Ruhe.

Warum sollten wir unsere Hoffnung und unsere Zuversicht nicht auch in unsere Mitte stellen?

 

Weiteres bei:

Restless Temple – ride the storm

Restless Temple - YouTube

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