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Der Schmerz der Weltseele - Teil 2

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Im Klang der Weltseele vibriert die gesamte Schöpfung. Ich vernehme ihn dort, wo sich das Leiden wandelt und sich einbringt in die Freude der kosmischen Harmonie. Es ist der Klang, der durch hingebungsvolle Achtsamkeit und Ehrfurcht vor dem Heiligen erlebbar wird – eine reine und heilende Vibration, die uns durchdringt, bis in jede Faser des Körpers.

Den reinen Klang der Weltseele kann ich vernehmen, wenn meine Seele auf dem Weg ist, eine „Sophia“, eine „Isis“, eine „Parvati“ werden, eine Seele, die aus dem reinen GEIST zu atmen lernt.

In einer Gruppe Gleichgesinnter können wir gemeinsam ein in das Weltseelenfeld eintauchen und helfen, es zu reinigen und schöpferisch zu beleben, so wie die Weltseele ihrerseits unsere Seelenkräfte stärkt und dynamisiert. 

Vom Schmerz der Weltseele

Doch – wenn wir empfindsam lauschen, können wir auch den Schmerz der Weltseele spüren.

Nicht nur reine, geläuterte Seelenkräfte, sondern auch die  schrecklichsten seelischen Verwundungen, die von Menschen verursacht werden, gehen in das Vibrationsfeld der Weltseele ein. Sie werden dort von der unendlichen Liebeskraft der befreiten Seelen aller Zeiten umfangen. Nur die all-umfassende Liebe kann die ständigen, immer wiederkehrenden Verwundungen heilen.

Spüre ich die gigantische kosmische Aufgabe der Weltseele?

Was ist meine Aufgabe im Weltenplan?

Was kann ich tun?

Je empfänglicher ich für das Wirken der Weltseele werde, je offener werde ich auch für ihre Wunde, ihre Verletzlichkeit. Fragen tauchen vor mir auf: Kann die Weltseele überhaupt verletzt werden? Enthält ihre Wesenheit nicht etwas Unangreifbares, Unzerstörbares? Beides scheint der Fall zu sein.

Ich spüre deutlich, dass ich mich in meiner Empfänglichkeit auf einem schmalen Grat bewege. Ich kann in meiner Offenheit auch schnell mitgerissen werden, hineingezogen werden in einen Sog des Aktivismus, des äußeren Handelns, kann schnell das innere Gleichgewicht verlieren. Nur wenn ich fest in meiner Mitte, in inniger Verbindung zum Tao-Prinzip stehe, kann ich im Äußeren entschlossen und kraftvoll handeln.  

Das Heilige achten

Im Kapitel 29 des Tao teh King heißt es:

Wenn der Mensch das Reich durch Aktionen vervollkommnen will,

sehe ich, dass es ihm nicht gelingt.

Das Reich ist eine heilige Opfervase,

an der man nicht arbeiten darf.

Arbeitet man daran, dann verdirbt man sie.

Greift man danach, dann verliert man sie.

In seinen Erklärungen zum Tao Teh King nimmt Jan van Rijckenborgh in der Chinesischen Gnosis eine Haltung des Sowohl-als-auch ein. Das Reich, die Schöpfung ist für ihn gleichzeitig

die Erde als Planet […], in dem sich die menschliche Persönlichkeit ihrer Formseite nach vollständig offenbaren muss. Das Reich ist ferner die „Himmel-Erde“, die wirkliche Wohnstätte Gottes, die ER der Menschheit als Wohnstätte für die Offenbarung des wirklichen Menschen nach Geist, Seele und Körper zugewiesen hat. Sie müssen die irdische Erde und die Himmel-Erde als „Zwei-in-Einem“ sehen. Sie sind untrennbar miteinander verbunden und bilden das „Reich“.

Die heilige Opfervase, von der das Tao Teh King spricht, ist ein Symbol, das dem des heiligen „Mischgefäßes“ ähnelt, das Hermes Trismegistos im Corpus Hermeticum darstellt. Es ist die Zwei-Einheit von irdischer Erde und Himmel-Erde. In diesem Mischgefäß begegnen sich die sich opfernde Kraft des Göttlichen – mit Botschaftern wie Lao Tse, Hermes Trismegistos, Buddha oder Jesus Christus – und all die Menschen, die einmal wirklich Mensch, leibhaftige Zeugen des Geistes werden möchten. Von Beginn an sind die Monaden, die Gottesfunken in der Tiefe des Menschen, mit dieser herrlichen göttlichen Kraft der heiligen Opfervase verbunden.

Nun geht es darum, dass die Persönlichkeit […] zu einem wahren Werkzeug im Dienst der Monade wird, im Dienst dieser sich opfernden göttlichen Kraft. (Jan van Rijckenborgh)

In dieser Haltung des Sowohl-als-auch kann ich Mit-Verantwortung übernehmen für die physische und die heilige Natur der Erde. Physisches und spirituelles Leben sind auf das Engste miteinander verflochten und dürfen nicht getrennt werden. GEIST möchte sich mit Materie (Mater) verbinden. Alltag und spirituelles Leben fließen ineinander. Jede meiner Reaktionen, jede meiner Lebensäußerungen ist von Bedeutung und zeugt von meinem Bewusst-Sein.

Die Natur wartet auf Zuwendung

Es ist dieses bewusste Sein, das die ganze Schöpfung mit allen Naturreichen nährt und energetisiert. Es ist jede kleinste und scheinbar unbedeutende hingebungsvolle Zuwendung an die Schöpfung, an Steine und Mineralien, an Pflanzen, Tiere, meine Mitmenschen, welche als Vibration in die Weltseele eingeht.

Mir wird bewusst: Die göttliche Einheit des Lebens ist in uns und überall um uns herum. Wenn wir in Stille durch die Natur wandern, können wir den Herzschlag des Lebens und das damit verbundene Wunder spüren. Unsere Schritte werden zu Schritten des Erinnerns.

Wir können gleichsam auf „heilige Weise gehen“, wenn wir bei jedem Schritt, den wir tun, die Verbindung mit der heiligen Erde und unsere Dankbarkeit ihr gegenüber spüren. Wir können dem Heiligen mit Ehrfurcht und Staunen begegnen, indem wir dem morgendlichen Chor der Vögel lauschen und eine tiefe Lebensfreude empfinden. In der Nacht können uns die Sterne daran erinnern, was in unserem Inneren und in der Welt ewig und unendlich ist. Und das Wunder des Sonnenaufgangs kann in uns die Vitalität des Neubeginns wachrufen.

Gelingt es uns, eine lebendige Verbindung zu unserem geistigen Herzen und zum Weltenherzen zu knüpfen? Empfinden wir uns wirklich als Teil dieses wunderschönen und gleichzeitig leidenden Planeten? Können wir seine Not spüren?

Dann wird diese Verbindung kraftvoll und vital, wird zu einem lebenden Strom, der aus unserem Herzen fließt und alles Leben umfasst. Dann sind wir in der Lage, auf der Grundlage der Herz-Haupt-Einheit unsere Verbundenheit mit der Schöpfung, der Zwei-Einheit aus irdischer Erde und Himmel-Erde nicht nur neu zu denken, sondern auch neu zu fühlen. Die allumfassende Liebe, die allen Verstand übersteigt, möchte durch uns in die Materie fließen und uns zu verantwortlichen Mitschöpfern, zu „Gesichtern Gottes“ machen, zu „kosmischen Menschen“.

 

Literatur:

Jan van Rijckenborgh, Die Chinesische Gnosis, 2. Auflage, Haarlem 1991

Llewellyn Vaughan-Lee, Spirituelle Ökologie, Der Ruf der Erde, 2. Auflage, Saarbrücken 2020

 

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