Butterfly

Der Schmetterling

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Der Schmetterling wurde über das Feld hinweggetrieben, und als ich träumend weiterging, blieb ein Glanz aus dem Paradies in mir.

Er ist ein Symbol der Seele, des Sieges über die Vergänglichkeit, über den Tod. Wir sind entzückt und begeistert von der Schönheit mancher Schmetterlinge, denken dabei aber selten an die Veränderungen, die sie durchlaufen mussten, um zu ihren zarten Flügeln zu gelangen.

Es gibt nichts auf dieser Welt, was sich nicht verändert. Alles entgleitet, alle Dinge nehmen Gestalt an und vergehen wieder. Die große Erneuerin Mutter Natur gestaltet jede Form aus anderen Formen und dabei geht nichts, nicht ein Atom, verloren.

Auch das menschliche Individuum ist eine wunderbare Formation, besitzt eine Gestalt, in der sich Geheimnisse und ungeahnte Möglichkeiten verbergen. Viele Arten von Veränderungen durchlebend, kann ein Mensch dazu heranreifen, seine Natur dem Geist zu weihen. In den ägyptischen Mysterien ging er dann den Weg vom grünen Osiris zum schwarzen Osiris und von diesem zu Ka. Die Katharer des Mittelalters benutzten Grotten im Tal der Ariège in den Pyrenäen, um die großen Phasen der Verwandlung zu durchleben. Ihr Weg der Einweihung begann in der Grotte Kepler und endete in der Grotte Mès-Naut.[1] Sowohl bei ihnen wie auch bei den Ägyptern ging es um das Erwachen des göttlichen Ursprungs im menschlichen Innern, symbolisch dargestellt als Weg von der Raupe über die Puppe zum Schmetterling oder, in heutiger Sprache, von der Formation über die Reformation zur Transformation.

Die Raupe ist ein Bild für den Menschen, den „Grünen Osiris“, der dazu entschlossen ist, „den Weg“ zu gehen. Sie spinnt sich ein in einen Kokon. In der Sprache der Katharer ausgedrückt: sie zieht sich zurück in die Höhle Kepler. Dort, in der Stille des inneren Heiligtums, wartet die gestaltende Hand des Geistes, die höchste Offenbarung. Hier schweigt das Ego, der Kandidat wird leer von sich selbst, betritt sein eigenes Grab, wo die Reformation stattfindet. Die Raupe im Stadium der Verpuppung ist Symbol für den Menschen, der sich neu ordnet, reformiert und im „schwarzen Osiris“ stirbt – schwarz, weil er nun ganz und gar empfänglich ist, um das Licht zu absorbieren und sich dadurch zu verändern. In der dunklen Abgeschiedenheit, im Einklang mit den Impulsen des Geistes, gelangt er in die „Höhle von Mès-Naut“, um dort nach und nach die Permutation, die Transformation vom materiellen Menschen zum Seelenmenschen zu vollziehen.

Höher und höher, ja immer höher entwickelt sich der Seelenkörper. Für die äußeren Augen unsichtbar, perfektioniert sich das neue Gewand des Menschen. Er wird lichtbewusst, folgt dem Licht, um als „Himmelsschmetterling“, als Lichtseele oder Ka schließlich auszubrechen aus der grobstofflichen Umhüllung und zur Geistseele zu werden, zum auferstandenen Lichtmenschen. Zu dem, der er im Innersten ist.

Diese Metamorphose ist eine Verschmelzung mit der ewigen Natur. Sie ist ein Werdegang, ein Prozess, eine Entwicklung voller Licht, aber zugleich ein Weg, auf dem viele Hindernisse zu überwinden sind. Der Weg offenbart, was echte Freundschaft ist. Er ist daran orientiert, mitzuhelfen, das zu retten, was als verloren erscheint und das zu trösten, was resignieren will. Alles Gefallene kann auferstehen, die Wunden auf den Lebenswegen können heilen.

Diejenigen, die in diesem Prozess stehen, sind Transformator für einen Lichtstrom, der sich über die Menschheit ergießt.

Geistiges Licht ermöglicht die Freiheit der Entscheidung. Geistiges Licht allein kann das Blatt des Schicksals wenden.

 

Der Artikel beruht auf Gedanken aus dem Buch De paradijsvogel en andere mythische dieren (Der Paradiesvogel und andere mythische Tiere. Primärbilder des Seelenlebens) von Ankie Hettema-Pieterse, Haarlem 2019

 

 


[1] A. Gadal, Auf dem Weg des Heiligen Grals, Haarlem 2018

 

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