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Der Unsichtbare und Seine Namen

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Der Islam benötigt keine bildlichen Gottesdarstellungen, um dem Menschen göttliche Eigenschaften widerzuspiegeln. Anstelle dessen kennt er 99 schönste Namen Gottes.[1] In diesen Attributen oder Eigenschaften Gottes entfaltet sich die göttliche Einheit und Verborgenheit, ohne den suchenden Menschen zu verleiten, die „Bilder“ für das Abgebildete zu halten. Die Namen vergegenwärtigen aber nicht nur den verborgenen Schöpfer, um Ihn den Gläubigen in Seiner Vollkommenheit und Machtfülle nahezubringen; sie sind auch Kräfte, die Ihn im Menschen verwirklichen können. Wer diesen Weg geht, wird zum vollkommenen Menschen, zum insân al kâmîl.

Vor Beginn der Schöpfung waren alle Seelen bei Gott, und Er fragte: „Bin Ich nicht euer Herr?“ Die Seelen bestätigten es. [2] Dann wurden sie in die Schöpfung ausgesandt, um Ihn durch die Schleier des Geschaffenseins und der Schöpfung hindurch zu erkennen und erneut zu bestätigen. Die Sufis lehren, dass Gottes Wort: „Sei!“, das die Seelen schuf, den Ursprung der Gottesliebe der Seelen darstelle; doch Gottes Liebe selbst war eher: „Er liebt sie, und sie lieben Ihn.“[3] So ist der Islam, und vor allem der Sufi-Islam, eine Religion der Gottesliebe und der Hingabe. Und die Menschen, die davon beseelt sind, begeben sich auf den Weg, zu ihrem Schöpfer zurückzukehren. Sie vollbringen ihre Reise durch die 99 schönsten Namen.

Mit den Namen als göttlichen Kräften oder Eigenschaften konfrontiert, geht ein Mensch einen Weg der Erkenntnis, Hingabe und völligen Verwandlung. Nach sufischer Erkenntnis ist alles um des Menschen willen geschaffen worden, und der Mensch seinerseits um Gottes Willen. Nach Rumi (1207-1273) ist der Mensch ein „Astrolab“ (ein astronomisches Navigationsinstrument) der Eigenschaften der göttlichen Erhabenheit.

Die Reise ins göttliche All

Einige der Namen sind komplementäre Paare, deren Sinn und Wesen der Mensch in sich integrieren muss. Ein Prozess beginnt, auf dem eine neue Ganzheit im Menschen entsteht, die paradoxe Gegensätze in sich vereint. Zentral ist hierbei ein Topos der Sufis, nämlich die Schöpfung als göttlich („alles ist Er“) und zugleich als in sich selbst leer („Alles ist nicht Er“) wahrzunehmen. Die gleiche paradoxe Zweifachheit steckt im Menschen, der ohne Gott nichts ist, aber als potenzielle Manifestation Seiner selbst aus Ihm hervorgegangen ist. Die göttlichen Namen al zâhir, der Offenbare, und al bâtin, der Verborgene, stellen den Menschen in diesen Erkenntnisprozess. Vielleicht ist es genau dieses Lebensrätsel, das die innere Spannung erzeugt, welche den Menschen zum Suchen bringt und auf den Pfad setzt.

Der Mensch begegnet al bâsit, dem Gewährenden, und al qâbid, dem Verweigernden. Kann er diese göttlichen Kräfte in seinem Leben wahrnehmen; kann er akzeptieren, dass sie ihn führen? Kann er seinen eigenen Willen hingeben und dem Schicksal folgen, das ihn zur Vollkommenheit führen will?[4] Wenn der Sucher sich für die göttlichen Kräfte weiter öffnet, offenbaren sie immer neue Aspekte des göttlichen Wesens. Da sind al jamal, der Schöne, und al jalâl, der Majestätische. Ist Gott schön? Wenn Er der Quell aller Schönheit ist, dann muss Er selbst auch schön sein.[5] Die Majestät Gottes bedeutet dagegen im islamischen Denken eine Andeutung Seiner überwältigenden Größe und Allmacht, deren Erkenntnis den Sucher zu bestürzen vermag. Was geschieht in einem Menschen, der mit der Essenz dieser Namen konfrontiert wird, der ihre Absolutheit in sich wahrnimmt? Muss er nicht im Angesicht dieser Kräfte zunichte werden?

Untergang in Gott

So ist es: Der Sufiweg beginnt mit Gotteserkenntnis und führt zum Untergang in Gott, zu fanâ‘ (wörtlich: Zunichtewerden). Die Eigenschaften Gottes reinigen und erheben den Menschen, doch mit ihrer Kraft und Größe konfrontiert, geht der Mensch schließlich in ihnen unter. Dieser Untergang ist nur zum Teil Entsagung, zum anderen Teil ist er Gottesliebe bis hin zur Ekstase.

Der Weg der Liebe

besteht nicht aus klugen Worten.

Das Tor dorthin ist die totale Vernichtung.

Die Vögel vollführen am Himmel

die Kreise ihrer Freiheit.

Wie lernen sie dies?

Sie stürzen aus dem Nest,

und nur wenn sie herabstürzen,

öffnen sich ihre Flügel.

Wiedererweckung als vollkommener Mensch

So schildert Rumi in einem seiner charakteristischen Gedichte den Weg zu Gott. Und so erlebt der Sucher die verwandelnde Wahrheit von al muhîy, dem Lebensspendenden, al mumît, dem Verursacher des Todes und al mui’d, dem Wiedererweckenden. Wenn die Namen dem Sucher die Kraft für die völlige Hingabe seiner selbst gereicht haben, senken sie sich als Ganzheit in ihn ein. Der Mensch wird in Gott neu erschaffen, er erreicht baqâ‘, das Bleiben in Gott als vollkommener Mensch, der Gottes Eigenschaften erworben hat. Ibn al Arabi sagt dazu: „Gottes Eigenschaften annehmen, das ist Sufismus.“ Er nennt es auch „Gott ähnlich werden“[6].

Was steht tatsächlich am Ende des Pfades? Vereint sich der Mensch mit Gott? Genügt es nicht, zu wissen, dass er in Gott lebt? Wie ein bekanntes hadîth[7] sagt: „Mein Diener nähert sich mir solange durch freiwillige Taten, bis ich ihn liebe. Und wenn ich ihn liebe, dann bin ich sein Ohr, mit dem er hört, und sein Auge, mit dem er sieht und seine Hand, mit der er zupackt und sein Fuß, mit dem er geht.“ Dort angekommen, ist der Mensch zu einer Offenbarung Gottes geworden.

 

 


[1] Hier sei angemerkt, dass es mehr als nur 99 Namen gibt, die in unterschiedlicher Reihenfolge und auch in leicht abweichender Zusammensetzung notiert werden. Ursprünglich stehen sie verstreut im Koran.

[2] Koran Sure 7:172

[3] Sure 5:54

[4] In Ibn al Arabis (1165-1240) Schriften wird deutlich, dass kismet, das Schicksal, den geistigen Weg des Menschen betrifft, der ihm vorgezeichnet ist.

[5] Nicht umsonst hat Navid Kermani seine Habilitationsschrift „Gott ist schön“ betitelt. Diese Schönheit zeigt sich den Muslim sehr stark beim Hören des Koran.

[6] Beides in den Mekkanischen Eröffnungen

[7] Überlieferte Aussage des Propheten Mohammed

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