Cirkels

Der Zirkel und die Linie des Lebens

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Der Zirkel (von lateinisch circulus „Kreisbahn“) ist ein Zeichengerät zum Zeichnen von Kreisen bzw. zum Übertragen von Distanzen. (Wikipedia).

Er spielt in der Symbolik eine große Rolle. Neben dem Quadrat ist er ein Hauptsymbol der Freimaurerei. Er symbolisiert die klassische und mathematische Ordnung und steht für Weisheit, Wissen, Vernunft sowie für die kreativen und aktiven Kräfte in der Beziehung von Gott und Mensch. Man zeichnet mit dem Zirkel einen Kreis, das heißt eine Unendlichkeit; und der Punkt in der Mitte deutet auf das Absolute, den Anfang hin.

Wie wird die im Symbol verborgene Weisheit zur Realität?

Wir sehen die zwei beweglichen Arme, aus denen das Werkzeug gebaut ist. Wie zwei geöffnete Hände sind sie auf das leere Blatt gerichtet, bereit zu schöpferischem Wirken. Nun findet Bewegung statt. Wir sehen Ursache und Wirkung – eine Allegorie des Lebendigen und der Form, des Geistes und der Materie sowie der Macht der

Mitgestaltung im Universum. Da ist die Idee und ihre gezeichnete Form, da ist der Kreis als Kreislauf der Natur. Daraus entstehen Wissenschaften, entfalten sich Vernunft, Wissen, Einfallsreichtum sowie die Berechnung und Planung von Ordnungen im Universum.

Der Zirkel ist Symbol für die aktive schöpferische Kraft und für die Interaktion zwischen Meister und Instrument. Er deutet auf geistige Klugheit und Scharfsinn, aber auch auf das rechte Maß hin, sowie auf Wahrheit und mathematische Präzision. Der Zirkel ist Attribut verschiedener Wissenschaften: der Geometrie, der Astronomie, der Architektur und der Geographie.

Die symbolischen Traditionen der Freimaurer ordnen den verschiedenen Öffnungswinkeln der Zirkelarme verschiedene Stufen der spirituellen Entwicklung zu. So symbolisiert der Winkel von 90° (der auch im Quadrat erscheint) das Gleichgewicht der spirituellen und materiellen Kräfte.

Nach Angaben von Ovid (43-17 v. Chr.) soll der Erfinder des Zirkels Talos sein, Daedalus ́ Neffe. Der Dichter schrieb über ihn: „Er war auch der erste, der zwei eiserne Arme auf einem Stift drehte, so dass bei einem bestimmten Abstand der Arme ein Teil fixiert werden konnte und der andere einen Kreis beschrieb.“ [1]

Die Bewegung eines Körpers um einen anderen Körper beschreibt eine Umlaufbahn. Auf diese Weise bringt die Natur Planeten und Atome in Bewegung. Von den kleinsten Elementen bis zu den Multiversen spielen Punkt und Kreis eine Rolle. Und wie ist es bei uns?

O könnten wir nur ein Bild von unserem Leben zeichnen, wie es die großen Architekten tun!

Der Mensch ist daran gewöhnt, Ereignisse, Aktionen, Schicksal und Zeit linear zu verstehen. Ist das nicht ein Paradoxon? Wir sind von vielen Dimensionen umgeben, äußerlich und innerlich, aber unsere Wahrnehmung ist allzu flach.

Jeder von uns erhält einen anderen Start ins Leben, und jeder erntet am Ende ein anderes Ergebnis. Es wird gesagt, dass wir einen bestimmenden Einfluss aufeinander ausübten. Aber auf Grund meiner Lebenserfahrung möchte ich behaupten, dass es nicht so ist.

Wir sind nicht zu einem bestimmten Schicksal verurteilt. Wir sind nicht anderen völlig ausgeliefert. Das Schicksal, mit dem wir in diese Welt kommen und unsere Erfahrungen mit Zeit, Planung, Zielen und Handlungen zeigen, dass wir die Möglichkeit haben, immer wieder Entscheidungen zu treffen. Wir können unsere Fähigkeiten perfektionieren und den Weg suchen, der uns zu dem „großen Architekten“ führt. Wir können den „Punkt in der Mitte“ suchen, den Punkt in der Tiefe unseres Wesens, und um ihn können wir den Kreis unseres Lebens schlagen.

Das Symbol des Zirkels erinnert jeden Tag daran, dass uns die Möglichkeiten, mit denen wir unsere Zukunft gestalten können, immer zur Verfügung stehen. Wir müssen sie nur erkennen und aufrichtig den Wunsch und die Absicht haben, sie zu gebrauchen.

 


[1] Ovid, The Metamorphoses, Band VIII: S. 236-259 (The death of Talos), übersetzt von A. S. Kline (hier aus dem Englischen ins Deutsche übertragen); s. auch: Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie, Kap. 92 b

 

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