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Die Augen des ewigen Bruders. Theosophische Gedanken zu einer Legende Stefan Zweigs

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Ist es das Gewissen oder die innere Stimme – oder die „Stimme der Stille“? Ist es das Daimonion[1] des Sokrates oder das buddhische Prinzip? Oder der innewohnende Christos, der von sich sagte: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“ (Matth. 28, 20)? Virata[2] wird jedenfalls von Ihm, dem „ewigen Bruder“, ergriffen.

Virata steht im Dienste des Königs Rajputas und ist als kühner Krieger hoch angesehen. Alle nennen ihn den „Blitz des Schwertes“. Er weiß zunächst noch nicht, dass es in der menschlichen Evolution eigentlich um den „diamantenen Blitzstrahl“ (Beständigkeit, Klarheit, innere Kraft und vor allem Unpersönlichkeit [3]) geht. Bis er zu dieser Einsicht gelangt, muss er vier große Erschütterungen durchleben. 

Der unabsichtliche Brudermord

Im Kampfe gegen die Abtrünnigen seines Königs tötet Virata unabsichtlich seinen Bruder, den er nicht im Feindeslager vermutete. Des Nachts stößt er auf den Leichnam: „Starr standen die offenen Augen des Erschlagenen, und ihre schwarzen Kugeln bohrten sich ihm in das Herz.“ Virata lässt daraufhin sein Schwert in die Fluten des Flusses gleiten, und er erklärt dem König:

„Der Unsichtbare hat mir ein Zeichen gesandt, und mein Herz hat es verstanden. Ich erschlug meinen Bruder, auf dass ich nun wisse, dass jeder, der einen Menschen erschlägt, seinen Bruder tötet.“

In wessen Gedanken der Begriff „Ehrfurcht vor dem Leben“ Eingang gefunden hat, der kann diesen Gedanken anfüllen mit Liebe und Mitleid, ja mit Begeisterung.

Virata zeigt seinen unbeugsamen Willen, den Erfordernissen des Lebens und nicht den Wünschen seines Königs oder seiner Mitmenschen zu entsprechen. Er sucht nach Wahrheit. Nicht auf seine innere Stimme zu hören, hätte bedeutet, wider besseres Wissen zu handeln. Dennoch, die weit aufgerissenen Augen, in welche er blickte, werden ihn sein Leben lang verfolgen.

Die Frage des Pilatus (Joh.18, 37): „Was ist Wahrheit“ wird oft als Ausdruck des Zweifels verstanden, als Hinweis auf die beschränkte menschliche Erkenntnisfähigkeit. Auch Goethes Faust erklärt resignierend: „… dass wir nichts wissen können“.

Wie aber nähern wir uns der sogenannten Wahrheit? Ein Rezept hierfür gibt es nicht, und es gibt sie auch nicht, die Wahrheit, denn sie bewegt sich in uns und außerhalb von uns und auf jeder Ebene (in jeder Evolutionsperiode) in einem neuen Kodex, der dem Bewusstseinszustand dieser Ebene angepasst ist. Jedoch gibt es eine instinktive oder vorbewusste Erkenntnis aus vergangenen Existenzen, die unseren Charakter formt. Sie ist es, durch die Virata für die Mitteilung aus der kosmischen Ideenbildung sensibilisiert wird: „… jeder, der einen Menschen erschlägt …“

Alle Mysterien des Universums liegen latent in uns, alle seine Geheimnisse sind in uns zu finden, und jeder Fortschritt in esoterischer Erkenntnis und Weisheit ist nur ein Entfalten dessen, was schon im Inneren vorhanden ist.[4] „Beim Instinkt selbst aber handelt es sich um das psychoastrale Gedächtnis“.[5]

Die Unmöglichkeit eines völlig gerechten Urteils

Um den edlen Virata nicht entlassen zu müssen, überträgt Rajputas ihm das Amt des obersten Richters, welches Virata nach bestem Wissen und Gewissen ausfüllt. Er ringt mindestens eine Nacht lang um jedes Urteil und verwirft aus gutem Grunde die Todesstrafe. Die Menschen nennen ihn nun die „Quelle der Gerechtigkeit“.

Als ein Verurteilter, ein mehrfacher Mörder, aber nach der Todesstrafe verlangt, statt das Urteil, in einem Verlies unter der Erde zu leben und jeden Monat gegeißelt zu werden, zu erdulden, wird Virata unsicher. „Starr und böse [standen] ihm des Hingeschleppten Augen entgegen. Und mit einem Schauer fuhr es Virata ins Herz, wie ähnlich sie seines toten Bruders Augen waren.“

Virata wagt einen Selbstversuch, indem er durch eine List einen Monat lang in dem Verlies an die Stelle des Verurteilten tritt. Er wird gegeißelt und erlebt, wie die Frau des Pförtners ihm „sorgend die Stirn [wusch]. Und durch den Brand seines Leibes erkannte er den Sinn alles Leidens in der Gnade der Güte“.

Zunächst hat Virata in der Finsternis des Verlieses lichtvolle Erfahrungen, doch dann erfährt er „Welten des Entsetzens“ bei dem Gedanken, dass der Verurteilte sein Versprechen, nach einem Monat dem König ein Schreiben zu überbringen, nicht einhalten könnte.

Er wird erlöst aus dem Verlies. Nun lebt die Gewissheit in ihm, dass ein völlig gerechtes Urteil aufgrund unserer begrenzten Sicht nicht möglich ist. Er schämt sich, ein Gerechter genannt zu werden und bittet den König um seine Entlassung: „Ich will mein Leben leben ohne Schuld.“ Sein mutiger Schritt führt ihn näher zu seiner Wahrheit. Kein Mensch kennt das Ausmaß seiner moralischen Kraft, ehe sie nicht geprüft wurde.

König Rajputas entspricht Viratas Wunsch. Nun hilft er anderen mit Rat und Tat und erlangt neuen Ruhm; sein Ehrenname lautet jetzt „Acker des Rats“. Sechs Jahre später wartet jedoch die nächste schlimme Erfahrung auf ihn.

Die Misshandlung eines Sklaven durch seine Söhne

Erneut blickt Virata in die weit aufgerissenen, angsterfüllten Augen eines Gepeinigten. Zutiefst erschüttert forscht er die ganze Nacht in seinem Innern, nimmt auch Schriften zur Hand und kommt zu dem Schluss, dass Freiheit das tiefste Anrecht des Menschen ist. Er bittet den „tausendförmigen Gott“: „Gib, dass ich [die Boten, die du mir sendest,] erkenne in den ewig anklagenden Augen des ewigen Bruders, der allorts mir begegnet, der aus meinen Blicken sieht und dessen Leiden ich leide, damit ich mein Leben rein wandle und atme ohne Schuld.“

Wer zum Licht strebt, fordert die Finsternis zum Widerstand heraus. Die Natur hat unendlich viele Möglichkeiten, uns zu täuschen und sie ist auch dazu da, uns zu prüfen.[6] Viratas beherztes Eingreifen stößt bei seinen Söhnen auf Unverständnis. Ihr Egoismus und ihre Habgier lassen sie zornig werden. Sie nehmen den Einfluss der dunklen Mächte nicht wahr, den „Geist der Verblendung und des Wahnwitzes. … Der wahre Teufel ist der menschliche Unverstand, der unrecht hat und immer unrecht haben wird, wenn er mit dem Geist rechten wollte.“[7]

Einsiedler

Dieses dritte von ihm tief empfundene Unrecht führt Virata zum vermeintlich schuldlosen Leben eines Einsiedlers. Seinem König, der ihn nach einiger Zeit in seiner Hütte im Wald besucht, teilt er mit, dass nun nichts mehr sein Eigen sei: „Der Heimatlose hat die Welt, der Abgelöste die Gänze des Lebens, der Schuldlose den Frieden.“

Viratas Ruhm eines Heiligen verbreitet sich und etliche Hausväter tun es ihm gleich, so dass „eine Siedlung der Frommen“ entsteht. Man nennt Virata nun den „Stern der Einsamkeit“. Wegen eines verstorbenen Bruders begibt er sich in das nächste Dorf. An dessen Ende blickt er in die hasserfüllten Augen einer Frau, deren Mann sie verlassen hatte, um es Virata gleich zu tun. Ihre drei Söhne verstarben, weil sie nichts mehr zu essen hatten.

Virata „schrak zurück, denn ihm war, als hätte er wieder die starren, seit Jahren vergessenen Augen seines gemordeten Bruders gesehen“. Er neigt sich vor der Frau, die ihn beschuldigt. „Du sprichst wahr, und ich sehe: immer ist in einem Schmerz mehr Wissen um Wahrheit als in aller Weisen Gelassenheit. Was ich weiß, habe ich gelernt von den Unglücklichen, und was ich schaute, das sah ich durch den Blick der Gequälten, den Blick des ewigen Bruders. Nicht ein Demütiger des Gottes, wie ich meinte, ein Hochmütiger bin ich gewesen: dies weiß ich durch dein Leid, das ich nun leide. […] auch der Einsame lebt in allen seinen Brüdern.“ Virata bittet die Frau um Verzeihung und erklärt, er werde das Leben als Einsiedler aufgeben, damit auch ihr Ehemann wieder zu ihr zurückkehre und sie weitere Kinder haben könne.

Virata kehrt in die Stadt zurück und bekennt seinem König: „Nicht mit Wissen habe ich unrecht getan, ich habe die Schuld geflohen, doch unser Fuß ist an die Erde gefesselt und unser Tun an der Ewigen Gesetze. Auch die Tatenlosigkeit ist eine Tat; nicht konnte ich den Augen des ewigen Bruders entrinnen, an dem wir ewig tun Gutes und Böses, wider unseren Willen.“ Virata erklärt, er wolle wieder dienen und nicht mehr seinem eigenen Willen folgen. „Nur wer dient, ist frei, wer seinen Willen gibt an einen andern, seine Kraft an ein Werk tut, ohne zu fragen. Nur die Mitte der Tat ist unser Werk – ihr Anfang und ihr Ende, ihre Ursache und ihr Wirken steht bei den Göttern.“

In der Bhagavad-Gita erklärt Krishna:

Nicht durch Vermeidung jeder Tat wird wahrhaft man vom Tun befreit,
nie kann man frei von allem Tun auch einen Augenblick nur sein.
(3. Gesang)

Und in der Stimme der Stille heißt es:

Wenn Barmherzigkeit Not tut, wird Untätigkeit zu einer Tat der Todsünde.[8]

Jede Individualität hat eine Pflicht zu erfüllen. Einem jeden obliegt es, die ihm auferlegte Pflicht zu erkennen. Was ein Mensch als Opfer zu bringen hat, ist ein Geheimnis, das sich nur ihm erschließen kann.[9] Das Universum kann auf niemanden verzichten, es bedarf eines jeden.

Viratas Geschichte endet auf tief berührende Weise. Er lässt sich vom König die niederste Arbeit zuteilen, die es im Palast gibt; er übernimmt es, „Hüter der Hunde in der Scheune vor dem Palast“ zu sein. Stefan Zweig lässt die Frage offen, ob Virata auf diese Weise das Höchste gewinnt, ob er Gnade findet vor den „Augen des ewigen Bruders“. Der Leser der Geschichte mag die Frage in seinem eigenen Innern beantworten. Die anderen Menschen begannen, Virata zu vergessen. „Die Hunde [aber liebten] ihn mehr denn irgendeinen des Palastes.“

 

 


[1] Das Daimonion: warnende innere Stimme (der Gottheit) bei Sokrates

[2] Ein König im indischen Epos Mahabharata

[3] Auf diese Charaktereigenschaften bezieht sich H.P. Blavatsky in Die Stimme der Stille, wenn sie von der Diamantseele spricht

[4] Gottfried von Purucker, Quelle des Okkultismus Band 1, Theosophischer Verlag, 1990, S. 23

[5] Gottfried von Purucker, Dialoge Band 5, Theosophische Gesellschaft, S. 67

[6] nach Helena Petrovna Blavatsky, Die Stimme der Stille, Theosophical Universal Press, 1993

[7]  Levi, Eliphas, Einweihungsbriefe in die Hohe Magie und Zahlenmystik, Ansata Verlag, 1990, S. 81 und 82

[8] Helena Petrovna Blavatsky, a.a.O.

[9] Albert Schweitzer, Kultur und Ethik in den Weltreligionen, C.H. Beck Verlag

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