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Die Bedeutung einer spirituellen Gruppe im Heute – Teil 2

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(Teil 1)

Die Entfaltung einer heiligen Ordnung

Dieser Prozess der Überformung in Gott, wie Meister Eckhart sagt, ist die Entfaltung heiliger Ordnung auf allen Ebenen menschlicher Existenz. Sie drückt sich aus als wortlose Einsicht im Mentalen, als reine Klarheit im Empfinden, als Heiligung im Wollen, als strukturelle Verwandlung im Sein. Das innerliche Enden des Wissens im lebendigen Nicht-Wissen gleicht damit dem Öffnen einer Tür für das Erblühen einer neuen Qualität, im Individuum wie in der Gruppe und darüber hinaus.

Die Arbeit und Verbundenheit einer solchen Gruppe liegt in der inneren Freiheit von jedem Narrativ, an dessen Stelle das lebendige Wahrnehmen-Handeln tritt. Für diese Gruppe gilt, dass sie innerlich den Dingen nicht mehr sagt, was oder wie sie sind; sondern sie ermöglicht, dass das sich stetig offenbarende Schöpferische einen Raum dafür erhält, selbst mitzuteilen, was ist. Und durch das Individuum, durch die Gruppe von Individuen, beginnt sich die Natur des Schöpferischen dem Bewusstsein der Menschheit immer tiefer und immer umfänglicher mitzuteilen.

Der Quantenphysiker David Bohm (1917-1992) ging 1982 auf diese Potenzialität, die in einer Gemeinschaft von Menschen liegt, in einem Interview mit der deutschen Theosophin Renée Weber ein[1]:

Bohm: […] Jeder Mensch ist sein eigener konkreter Kontakt [zur kosmischen Totalität]. Jedes Individuum steht in vollumfänglichem Kontakt mit der impliziten Ordnung, mit allem, was um uns herum ist. Daher ist er in gewisser Weise Teil der gesamten Menschheit, und in einem anderen Sinne kann er darüber hinaus gehen. […]

Was ich vorschlage ist, dass es jetzt möglich ist, dass eine Zahl von Individuen, die in einer engen Beziehung zueinander stehen, die da durchgegangen sind und einander vertrauen können, eine geistige Einheit in dieser Gruppe von Individuen hervorbringen können. Mit anderen Worten, dass dieses Bewusstsein eins ist, und als eins handelt. Wenn sie zehn oder hundert Leute hätten, die wirklich so sein könnten, hätten diese eine Macht, die weit über jene eines Einzelnen hinausgehen würde.

Weber: Weil es nicht rein mathematisch additiv ist.

Bohm: Nein.

Weber: Es ist eine ganz andere Steigerung.

Bohm: Eine intensive Steigerung, ja. Und ich denke, das würde beginnen, dieses ganze Bewusstsein der Menschheit zu entzünden [...]. Ich sage nur, dass in dieser Anschauung das [menschliche] Bewusstsein tief unten, also die gesamte Menschheit, eins ist. Aber dann kann jeder Teil der Menschheit eine Einheit innerhalb dieses Bewusstseins hervorbringen. Und wenn zehn Menschen ihren Teil des Bewusstseins alle eins haben, dann ist das eine Energie, die sich in das Ganze auszubreiten beginnt.

Weber: Und [das Ganze] verwandelt sich; diese Energie wird unweigerlich einen Teil [des Ganzen] verwandeln.

Bohm: Ja. Einen Teil davon – oder vielleicht ganz tief.[2]

Zur Wahrheit aufsteigen

Der indische Philosoph und Freund Bohms, Jiddu Krishnamurti (1895-1986), ging auf diesen Aspekt der Gruppe bereits 1929 in einer seiner ersten unabhängigen Reden ein:

Wahrheit kann nicht runtergebracht werden, sondern der Einzelne muss sich bemühen, zu ihr aufzusteigen. [...] Organisationen können Sie nicht befreien. [...] Sie nutzen eine Schreibmaschine, um Briefe zu schreiben, aber Sie legen sie nicht auf einen Altar und verehren sie. Aber das ist es, was Sie tun, wenn Organisationen zu Ihrem Hauptanliegen werden. [...] Aber diejenigen, die wirklich danach verlangen zu verstehen, die das Ewige finden wollen, welches ohne Anfang und ohne Ende ist, werden mit größerer Intensität zusammengehen, werden eine Gefahr für alles sein, was unwesentlich ist, für das Unwirkliche, für Schatten. Und sie werden sich sammeln, sie werden zur Flamme werden, weil sie verstehen.[3]

Eine spirituelle Gruppe im Heute hat damit, anknüpfend an den Beginn des Artikels, im äußeren Wirken folgende neue Merkmale:

Ihre Hauptaufgabe im äußeren Wirken ist nicht das „Erklären der Welt“, sondern durch gemeinsames Ergründen die Begrenzung aufzuzeigen, welche vermeintliches Wissen im Inneren mit sich bringt. Im Zeitalter eines unendlichen Informationsflusses weist sie damit den Weg von einem sich verlierenden inhaltsbezogenen Bewusstsein zu einem Bewusstsein des Wahrnehmen-Handelns [4]. Im Aufzeigen dieses Weges, der zu einem Bewusstsein des Nicht-Wissens führt, können Gleichnisse liegen, Narrative jedoch bilden ein Hindernis. Menschliche Narrative – drohender Hoffnungslosigkeit zum Beispiel –mit einem Hoffnung gebenden Narrativ zu beantworten, ist nur eine Form der Zerstreuung vor der Tatsache der Hoffnungslosigkeit. Die Wurzel der Hoffnungslosigkeit bleibt dann immer im Unbewussten ungesehen zurück, fern der Liebe bedingungslosen Gewahrseins. Die Antwort darauf besteht vielmehr im Aufzeigen, dass allein im unbewegten Gewahrsein eben dieser Hoffnungslosigkeit im Jetzt eine Möglichkeit für eine fundamentale geistig-strukturelle Transformation im Wesen des Menschen liegt.

Dadurch lebt die Gruppe stets im innerlichen Wahrnehmen-Ergründen-Handeln, welches keine Autorität kennt, außer der Wahrheit dessen was ist. Sie steht also auf einem wissenschaftlichen Fundament, das Hand in Hand geht mit der Kunst unmittelbarer Verwirklichung. Sie zeugt durch ihr Sein von der Kraft, die damit einhergeht. Durch ihre stete Rückkehr zur Tatsache des Nicht-Wissens finden Illusionen keinen Nährboden, und sie wird ein Brennpunkt fortwährender geistiger Erneuerung.

 

 


[1] Ken Wilber (Hrsg.), The enfolding-unfolding universe in: The holographic paradigm and other paradoxes, Shambhala 1982

[2] Siehe dazu auch: Dialog 8 aus der Dialogreihe „The Ending of Time“ (Das Enden der Zeit) zwischen Jiddu Krishnamurti und David Bohm, 19. April 1980 in Ojai, Kalifornien

[3] J. Krishnamurti, Wahrheit ist ein pfadloses Land: Auflösungsrede des „Order of the Star in the East“, Ommen, Niederlande, 1929

[4] Siehe dazu auch einen anderen Artikel des Autors, erschienen in LOGON Heft Nr. 6 (Wirklichkeit): Was wir denken, was wir sind, das sind wir nicht, https://www.logon.media/de/was-wir-denken-was-wir-sind-das-sind-wir-nicht

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