Katharrer

Die Katharer: Scheiterhaufen am Montségur – vor 777 Jahren. Teil 2

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Es ist nicht das Böse. Dieses entsteht erst später in den in der Materie gefangenen und durch die Anziehungskraft des Nichts geschwächten Seelen.

Kreuzzug gegen Christen

Blanca war Herrin von Laurac, einem feudalen Lehensgut im Lauragais, einer Region, die während der Inquisition als Epizentrum der Häresie galt. Sie war eine gläubige Katharerin (une croyante) und zog, im Alter verwitwet, mit ihrer jüngsten Tochter in eines der „Häuser“ im Ort und lebte nach ihrer Einweihung das Leben einer Bonne Femme.

Als Bonne Femme hatte sie die gleichen Rechte und Pflichten wie ihre männlichen Brüder: sie konnte Priorin des Maison werden, konnte predigen und alle Riten vollziehen und auch das Consolamentum erteilen. Nur das Amt eines Bischofs blieb den Bons Hommes vorbehalten.

Blanca hatte fünf bis sechs Kinder, die alle gläubige Katharer wurden. Eine ihrer Töchter und deren Kinder waren in einen der ersten großen Prozesse der Inquisition 1238 verwickelt. Eine weitere Tochter von Blanca, Guéraude, lebte in Lavaur (Lauragais), und als der Ort während des ersten Kreuzzuges im Jahr 1211 angegriffen wurde, eilte ihr Bruder – ein mächtiger okzitanischer Seigneur – seiner Schwester zu Hilfe. Er wurde mitsamt seinen 80 Rittern auf grausame Weise ermordet. Seine Schwester Guéraude ist als Na Geralda in die Chroniken des Kreuzzuges eingegangen. Sie wurde in einen Brunnen geworfen und mit einem Steinhagel durch die Soldaten des Kreuzzuges getötet. Bei diesem Angriff auf Lavaur wurden 400 Katharer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. [1]

777 years

 

Im Jahre 1244 brannten die Scheiterhaufen an der Burg Montségur, der letzten Rückzugsstätte der Kirche der Bons Hommes. Trotz dieser vernichtenden Niederlage, ermöglichten Pierre Authier (Notar des damaligen Grafen von Foix), sein Bruder, sein Sohn und einige kühne Gefährten eine glänzende Wiedergeburt des Katharismus in der Grafschaft von Foix und im Toulousain – bis auch sie, von der Inquisition erfasst, 1309/1310 verbrannt wurden. Der allerletzte Bon Homme, G.Bélibaste, wurde 1321 verbrannt.

Die Philosophie des Katharismus

Die christliche Spiritualität im Jahr 1000 war insgesamt dualistischausgerichtet. Sie sah die Welt als Schauplatz eines Konfliktes zweier entgegengesetzter Kräfte, denen des Guten und denen des Bösen. Zum Guten rechnete man die Mönche und kirchlichen Ritter, zum Bösen die Ungläubigen und Häretiker. Über den gegensätzlichen Kräften gab es einen einzigen allmächtigen Gott. Die Konzentration auf einen Gott, der über Gut und Böse herrscht, ermöglichte jedoch noch keine Antwort auf die Frage: Woher kommt das Böse?

Für die Katharer stellte sich die Frage: Wie kann es sein, dass eine Kirche, welche die Macht Gottes auf Erden repräsentieren will, Christen verfolgt und schändet?

Ihre Gelehrten entwickelten im 12. und 13. Jahrhundert eine dualistische Vision, deren Wurzeln sie in der Bibel fanden, vor allem im Evangelium des Johannes. Dort heißt es über das göttliche Wort: „Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist." [2] 

Für die Katharer ergab dieser Satz keinen logischen Sinn. Warum sollte die Aussage, dass alle Dinge durch „dasselbe“ gemacht sind, noch eine Bekräftigung finden in einer doppelten Verneinung?
Sie fanden eine Erklärung in den jüdisch-gnostischen Schriften der Naassener, die sie überzeugte. Die Naassener (im 2.Jh.) gründeten ihre Interpretation der Textstelle im Johannesevangelium auf den ursprünglichen griechischen Text, den sie folgendermaßen übersetzten: „Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht und ohne dasselbe ist das Nichts gemacht.“   Diese Version übernahmen die Katharer in ihr Neues Testament (Le Nouveau Testament Occitan, von dem ein Exemplar in Lyon aufgewahrt ist) in okzitanischer Sprache: sens lui es fait nient. [3]Sie wurde zu einer der Grundlagen ihres absoluten Dualismus. [4] 

Sowohl in Italien als auch in Okzitanien erhielt der absolute Dualismus Mitte des 13. Jahrhunderts eine philosophische Prägung. Auf Grund der Entwicklung der Theologie an den ersten Universitäten Europas (vor allen in Italien) und der an ihnen gelehrten Wissenschaft der Scholastik (einer wissenschaftlich-methodischen Beweisführung, orientiert an der aristotelischen Logik), begannen katharische Gelehrte, die oft konfuse Bilderwelt gnostischer Mythologien zu rationalisieren und philosophisch darzustellen. Leider sind diese philosophischen Schriften bis auf sehr wenige Werke verschollen.

Die wohl wichtigste philosophische Schrift der Katharer ist Das Buch der zwei Prinzipien (Liber de duobus principiis) von Giovanni di Lugio, der um 1250 Bischof der Katharer von Desenzano (Gardasee) wurde. [5]

Das Buch der zwei Prinzipien

Der absolute Dualismus geht von zwei entgegengesetzten Prinzipien aus, die während des göttlichen Schöpfungsprozesses wirksam sind. Diesen beiden Prinzipien liegen zwei unterschiedliche Seins-Substanzen zugrunde: das absolut göttliche all-gute Sein und das absolute Nichts bzw. Nicht-Sein. Das Nichts ist bereits bei Beginn der Schöpfung anwesend. Es ist nicht das Böse. Dieses entsteht erst später, in den in der Materie gefangenen und durch die Anziehungskraft des Nichts geschwächten Seelen.

Das Verhör eines Katharers vor der Inquisition in der Grafschaft von Foix im Jahre 1320 lässt anklingen, wie einfache Gläubigen den absoluten Dualismus erlebten:

„Hatten Sie jemals einen Lehrer, der Sie die Glaubensartikel lehrte, die Sie soeben gestanden?“ „Nein, ich selbst habe sie entdeckt, als ich über die Welt nachdachte. Nach dem, was ich in ihr wahrnehme, denke ich nicht, dass Gott es geschaffen hat." [6] 

Der göttliche Schöpfungsprozess

Das absolut gute Sein

Das absolute Nicht-Sein

Die Seelen erfahren durch den zeitlichen Prozess eine unterschiedliche Bestrahlungsdichte durch das göttliche Licht.

Tritt gleichzeitig aus seiner absoluten Leere in den Prozess mit ein, dadurch entsteht die Zeit.

Die göttliche Schöpfung unterliegt von nun an der Zeit.

 

Through the temporal process, the souls experience a different density of irradiation through the divine light.

Im Kontakt mit dem Licht wirkt das Nichts als Widerstand und Begrenzung.

 

Das Nichts wirkt als eine unsichtbare irreale Macht nur durch seine Anziehungskraft, und durch die Ängste des Menschen erhält es eine geliehene Existenz.

Als erstes verfällt die Materie dieser Anziehungskraft des Nichts, da sie die niederste Seinsfülle enthält, und alle Elemente werden in Unordnung gebracht. Dies reißt viele Seelen mit sich, die verwirrt werden, sich mit der Materie verbinden und dadurch sündigen.

 

So entsteht die Welt des gemischten Seins – eine Seinsmischung (melange) aus Gut und Böse. Gottes Schöpfung ist noch unvollkommen.

Wenn das Licht sich mit der Finsternis mischt, lässt es die Finsternis leuchten. Doch wenn die Finsternis sich mit dem Licht mischt, wird das Licht finster und ist nicht mehr Licht. Es ist krank. (Apokryphon des Johannes)

„Das Gute verstehen“

- dies war ein Satz, den die Katharer aussprachen, um sich während der Zeit der Verfolgung diskret einander zu erkennen zu geben. [7]

Um dieses rechte Verständnis des Guten ging es G.di Lugio in seinem Werk. Er führte aus:

„Da viele Menschen daran gehindert werden, die wirkliche Wahrheit zu erkennen, habe ich mir vorgenommen, die Menschen zu erhellen, die ein Verständnis dafür haben. Um meine Seele zu beruhigen erläutere ich den wahren Glauben durch die Zeugnisse der Heiligen Schrift und durch wahre Argumente, nachdem ich zuvor die Hilfe des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes angerufen habe." [8]

Di Lugio erläutert, dass Gott auf verschiedene Weise in seiner Schöpfung wirken kann:

Zum einen kann er seine Seinskraft in den Seelen, die sich nach ihm sehnen, intensivieren, so dass sie dem Nichts widerstehen können.

Ferner kann er, im Zusammenwirken mit dem Menschen, das Böse durch die Kraft der Gegensätze in das Gute verwandeln. Er kann seine Gnade wirken lassen, und er kann dem Menschen die Wahrheit offenbaren, die göttliche Strahlung, die als frohe Botschaft in den Evangelien niedergelegt ist. Gott kämpft im Menschen selbst, wenn dieser ihm dient. Die Gebete und Riten des Menschen sind Opfer, die Gott braucht, um das Böse in das Gute zu verwandeln. Gott benötigt den Menschen, um seine Schöpfung zu vervollkommnen. 

Und schließlich erringt Gott, wie Di Luigio ausführt, die Macht über die Zeit durch seine Ewigkeit, indem er der menschlichen Seele die Reinkarnation ermöglicht. Durch das Leid, das der Mensch erfährt, kann er sich des Nichts bewusst werden und die Macht erringen, sich zu wandeln.

Alle menschlichen Seelen werden einmal gerettet werden, so die Botschaft von Giovanni di Lugio. Auch die Seelen der Inquisitoren …
„Im Katharismus hatte es etwas gegeben, das mit dem Scheiterhaufen nicht erloschen ist“ (Jean Duvernoy). [9]

 


[1] Anne Brenon, Cathares – La contre-enquete, p. 75 ff

[2] Michel Roquefort, La religion cathare, Paris 2009, p. 277

[3] Ibid., p. 279

[4] In addition to absolute dualism, there was also a "moderate dualism" among Cathars that approximated Catholic teaching. It attributed the creation of the world to a fallen angel. This angel had risen up against the almighty God and had held human souls captive in this world ever since. In the middle of the 13th century, however, absolute dualism became more and more prevalent.

[5] Renè Nelli, Ecritures cathares, Monaco 2011, p. 75-185

[6] Michel Roquebert, op. cit.

[7] Anne Brenon, Dico des Cathares, a.a.O., p. 82/83

[8] Renè Nelli, La Philosophie du catharisme, Paris1975

[9] Jean Duvernoy, La religion des Cathares, Toulouse 1989

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