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Die Upanischaden und die uralte Lehre vom Selbst

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Die Upanischaden, niedergeschrieben in der Zeit von 700 bis 200 v. Chr., werden als „Herzstück“ der indischen Philosophie bezeichnet und gehören zu den alten, heute noch weit verbreiteten und rezitierten Texten des Hinduismus. Die meisten von ihnen sind Teil der Veden, der ältesten religiösen Schriften. (Es gibt vier Veden: Rigveda, Samaveda, Yajurveda und Atharvaveda.

In der Tattiriya-Upanishad, Teil II, 3.1[1] heißt es:

Die geistige Hülle des Menschen besteht aus dem „Yajur-Veda als Kopf, dem Rig-Veda als rechtem Arm, dem Sama-Veda als linkem. Die Weisheit der Upanischaden ist das Herz, und der Atharva-Veda ist das Fundament.

Die Upanischaden sind eine große, tiefgründige Sammlung von Erläuterungen und Dialogen, meist zwischen Schülern und Meistern, aber auch zwischen Königen und Weisen. Sie besprechen viele spirituelle Themen, die immer wieder auf unterschiedliche Art und in verschiedenen Zusammenhängen die universelle Lehre zur Überwindung des Rades von Geburt und Tod betrachten.

Die Chandogya- Upanishad (Kap. 3) bringt uns die Weisheitslehre des Shandilya in kurzen Worten nahe:

Das Brahman ist diese ganze Welt. … Der Mensch besteht aus Wollen. Wie das Wollen des Menschen in dieser Welt ist, so wird er nach seinem Scheiden aus dieser Welt. Er muss sein Wollen bilden. … Dieser mein Atman im Innern des Herzens ist feiner als ein Reis- oder Gersten- oder Senf- oder Hirsekorn oder das Korn eines Hirsekorns. Dieser mein Atman im Innern des Herzens  ist größer als die Erde, größer als der Luftraum, größer als der Himmel, größer als die Welten.

Er ist allwirkend, allwünschend, voll jeglichen Duftes, voll jeglichen Geschmacks, all dies umfassend, wortlos, achtlos. Dieser mein Atman im Innern des Herzens ist das Brahman, zum ihm werde ich nach meinem Scheiden von hier gelangen. Wem solche Gewissheit ist, dem bleibt kein Zweifel. So spricht Shandilya, Shandilya.[2]

Diese kurze Beschreibung des Universums gleicht dem Axiom von Hermes Trismegistus: „Wie oben so unten, wie unten so oben.“

Seit Jahrtausenden wird der Menschheit die Lehre übertragen, dass alles Suchen im Äußeren uns nicht zu einer Erlösung führt. Erst das „Umwenden“ von außen nach innen ermöglicht es, die in unserer äußeren Welt so deutlichen und starken Gegensätze zu überwinden und aufzulösen. Wenn wir in der Lage sind, Atman, unser innerstes Selbst, mit Brahman, dem Schöpfer des Universums, in unserem Herzen zu vereinigen, gibt es keine Trennung, keine Dualität mehr, und auch nicht den Wechsel von Leben und Tod.

Deshalb sagt die Prashna-Upanishad (Frage VI):

Wie die Ströme in ihrem Lauf zum Meer, wenn sie das Meer erreichen, verschwinden, Name und Gestalt von ihnen vergeht und alles nur Meer heißt, so geschieht es auch, dass die 16 Teile des Beschauers (Anm: Der Mensch besteht nach dieser Lehre aus 16 Teilen) auf ihrem Weg zum Purusha (Anm: Die Bedeutungen variieren je nach Quelle und Zeitepoche zwischen: Ur-Individuum, Urseele, metaphysischer Weltgeist, Geistmonade), wenn sie den Purusha erreichen, verschwinden, Name und Gestalt von ihnen vergeht und alles „Purusha“ heißt. Er ist es, der ohne Teile besteht und unsterblich ist. Hierzu dieser Vers: „Wie Speichen in der Nabe des Rades, so ruhen in ihm die Teile. Diesen Purusha sollt ihr erkennen, damit der Tod euch nicht erschüttere.“ Er sprach zu ihnen allen: „Das ist es, was ich vom höchsten Brahman weiß. Nicht gibt es Höheres als dies.“ [3]

Die Nabe des Rades, in der diese Erscheinungen zusammenfließen oder von der sie ausgehen, ist das Selbst, dessen Verwirklichung zu einem Bewusstseinszustand „nicht von dieser Welt“ führt, zum Allbewusstsein des Meeres, in das die Flüsse münden und ihre Individualität aufgeben. Dieser Bewusstseinszustand lässt alle Erscheinungsformen und damit auch das Rad von Geburt und Tod verblassen.  In der Brihad-Aranyaka-Upanishad heißt es (IV.5):

Nun sagt man: „Der Purusha ist Verlangen. Wie er wünscht, so will er. Wie er will, so tut er. Wie er tut, so wird er.“[4]

Die Upanischaden gehören zu den großen Zeugnissen des Menschheitsweges, auf dem sich die Entwicklung vollendet, wenn die Selbsterkenntnis vollkommen wird. „Mensch erkenne dich selbst“ ist die nicht endende Aufforderung, die am Portal des Tempels zu Delphi steht. Suche dein wahres Selbst und vereine dich mit ihm.  

 


[1] Die Upanischaden, eingeleitet und übersetzt von Eknath Easwaran, https://books.google.de/books

[2] Upanischaden, Die Geheimlehre der Inder, übertragen von Alfred Hillebrandt, Diederichs Gelbe Reihe, Düsseldorf, Köln 1977

[3] A.a.O. S. 198

[4] A.a.O. S. 84

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