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Entscheidung für die Feiheit

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„... und das hätte man kaum noch zu glauben gewagt – dass nämlich in Auschwitz jeder für sich selbst entscheiden konnte, ob er gut oder böse sein wollte. Und diese Entscheidung hing keineswegs davon ab, ob man Jude, Pole oder Deutscher war; und sie hing noch nicht einmal davon ab, ob man der SS angehörte."[1] 

Diese Aussage von Hannah Arendt hat mich tief berührt. Ist es nicht üblich, den SS-Offizier im Konzentrationslager automatisch zu den Bösen zu zählen?

Und ein Jude, der unschuldig in der Gaskammer stirbt, ist er nicht zwangsläufig einer der Guten?

Und wie kommt man dazu, einen so freien Willen zu haben, der sich inmitten des Bösen für das Gute entscheiden kann?

Mit meinem eigenen Willen habe ich in den allermeisten Fällen die Erfahrung gemacht, dass er von vielen äußeren und inneren Faktoren abhängt, die mich zwingen, auf eine bestimmte Weise zu wollen. Veranlagung, Erziehung, Konditionierung, gesellschaftliche und soziale Zwänge – ja manchmal so banale Dinge wie das Wetter, ein Buch, die Verdauung, ein vorher geführtes Telefonat können meinen Willen entscheidend beeinflussen.
 
Wie oft habe ich getan, was ich nicht wollte? Wie oft habe ich das, was ich mir ganz fest vorgenommen habe, im entscheidenden Moment ganz anders gemacht, manchmal sogar das genaue Gegenteil davon? Ich befinde mich damit in bester Gesellschaft mit Paulus, der in Römer 7,19-24 klagt:
 
Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch![2]

Paulus unterscheidet also zwischen dem äußeren, materiellen Menschen, der dem Gesetz der „Sünde“, der Absonderung von Gott unterworfen ist und dem inneren, geistigen Menschen, der nach dem ewigen, geistigen Gesetz lebt.

In dieser Zweifachheit liegt sowohl ein Fluch als auch ein Segen. Ein Fluch, weil wir der stofflichen Natur nach Gefangene im Gesetz von Ursache und Wirkung sind, woraus wir uns aus eigener Kraft nicht befreien können. Gleichzeitig haben wir durch den inwendigen, geistigen Menschen die Möglichkeit, an einer völlig anderen, absolut freien und unvergänglichen Natur Anteil zu haben.
 
In einem jeden Menschen schläft ein solcher innerer, geistiger Mensch oder ist bereits schon am Erwachen. Je mehr Bewusstsein dieses Wesen erringt, umso freier und klarer können wir unsere Wahl treffen. Und so haben wir in jedem Moment die Freiheit, uns für eine der beiden Naturen und ihre Gesetzmäßigkeiten zu entscheiden.
 
Kehren wir an diesem Punkt noch einmal zurück nach Auschwitz in die letzten Kriegsjahre. Wir begegnen dort dem Häftling Viktor Frankl, einem österreichischen, jüdischen Psychologen, der seine Beobachtungen über die menschliche Natur nach dem Krieg in dem Büchlein Trotzdem Ja zum Leben sagen veröffentlicht hat. Ich finde es sehr beeindruckend, dass ausgerechnet an einem Ort der absoluten äußeren Gefangenschaft und Unfreiheit das Wesen der menschlichen Freiheit so deutlich zum Ausdruck kommen konnte.
 
Viktor Frankl schreibt darüber:

Während die Bekümmerung der meisten der Frage galt: Werden wir das Lager überleben? Denn wenn nicht, dann hat dieses Leiden keinen Sinn – lautete demgegenüber die Frage, die mich bedrängte, anders: Hat dieses ganze Leiden, dieses Sterben rund um uns, einen Sinn? Denn wenn nicht, dann hätte es letztendlich auch gar keinen Sinn, das Lager zu überleben. Denn ein Leben, dessen Sinn damit steht und fällt, dass man mit ihm davonkommt oder nicht, dessen Sinn von Gnaden eines solchen Zufalls abhängt, solch ein Leben wäre nicht eigentlich wert, überhaupt gelebt zu werden.[3]

Was also macht den Sinn eines Lebens aus?

Viktor Frankl sagt dazu, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf, was das Leben von uns erwartet.[4] 

Im Gegensatz zum Tier, das nur triebgesteuert reagiert, hat der Mensch immer die Freiheit, seine innere Haltung zu den Dingen bewusst zu hinterfragen und zu verändern. Diese Eigenschaft hebt ihn über das Tier hinaus und kein Mensch kann ihm diese Freiheit wegnehmen.

Sie entsteht aus der Existenz jenes inneren, geistigen, ewigen Menschen, von dem wir vorhin gesprochen haben.
 
Viktor Frankl betrachtete das Leiden im KZ als eine einzigartige Möglichkeit, um über sich hinauszuwachsen. Jeder Häftling hatte dort die Wahl, vor seinem Leiden zu kapitulieren und unterzugehen oder es in Würde zu ertragen, um darüber zu triumphieren und so den größtmöglichen Gewinn daraus zu ziehen.
 
C.G. Jung hat einmal gesagt, dass die größten und bedeutendsten Probleme des Lebens alle grundsätzlich unlösbar sind. Man kann nur über sie hinauswachsen. Man muss sich mit seinen Ängsten konfrontieren, um sie zu überwinden.
 
So hat Viktor Frankl auf eindringliche Weise sich selbst und seinen Leidensgenossen bewiesen, dass wir nicht nur Opfer unserer Umstände zu sein brauchen, sondern dass in jeder Lebenssituation eine Chance liegt, uns immer wieder aufs Neue für das Leben und unsere Freiheit zu entscheiden, für die Freiheit, das zu lernen, was jede Krise uns an Entwicklungsmöglichkeiten bietet.
 
Sein Büchlein schenkte mir die Erkenntnis: Es ist nicht entscheidend, was mir im Äußeren geschieht. Ich habe es auch nicht in der Hand. Aber wie ich mich zu den Dingen stelle, wie ich mit der Situation umgehe, das kann ich jeweils frei entscheiden. Und liegt nicht in der schwierigsten Aufgabe die größte Chance, etwas zu überwinden, das mich bisher behindert hat?
 
Lassen wir noch einmal Viktor Frankl sprechen:

Was also ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist: aufrecht und ein Gebet auf den Lippen.[5] 


[1] Elisabeth Young-Bruehl, Hannah Arendt, Leben, Werk und Zeit, erweiterte Ausgabe, e-book 2016 Philosophy

[2] Viktor Frankl, Trotzdem Ja zum Leben sagen, 12. edition, München 2009, p. 104

[3] Op. Cit. p. 117

[4] Op. cit. p. 131

[5]   Viktor Frankl, a.a.O., S. 131

 

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