Tree

Frei werden

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Ich stecke fest, seit Jahren schon. Die feuchte Erde ist wie ein verkrusteter Schlamm, und egal wie ich ringe, ich komme nicht raus. Ich weiß nicht einmal, wie ich hier hinein geraten bin. Ich war gelaufen und gelaufen, ohne weiter nachzudenken. Wer weiß, was mit mir passiert ist. Vielleicht leide ich an Gedächtnisschwund. Ich bin ein älterer Mensch, so hat man mich jedenfalls mal bezeichnet. Aber jetzt bin ich allein. Ich sehe niemanden.

Der Schlamm saugt an mir. Den rechten Arm kann ich ein wenig bewegen, aber der linke steckt hinter der Wurzel eines riesigen Baumes, der sich über mir erhebt und dessen Blätter sich im Wind wiegen.

Ich sage zwar, dass ich seit Jahren feststecke, aber die Zeit bedeutet mir nicht viel. Tag und Nacht wechseln einander ab, und wie oft ist das schon passiert! Es macht nicht viel Sinn, wenn ich frage, wie das alles zustande gekommen ist. Aber plötzlich tritt mir das ganze Problem vor Augen – und die Notwendigkeit, eine Lösung zu suchen. Und ich merke, dass ich dadurch einen Energieschub bekomme. Etwas ändert sich und es scheint, als hätte ich von einem Moment auf den anderen ein bisschen mehr Raum.

Mein Blick schärft sich, ich konzentriere mich auf den Baum. Was ist er doch für eine große, dunkle Kreatur! Er schützt mich vor Unwettern, aber er hält mich auch mit seinen Wurzeln hält. Die Blattkrone ist so weit gefächert und die Äste sind so niedrig über mir, dass ich nichts als Erde und Baum sehe. Manchmal auch Fragmente des Himmels, der jetzt gerade blau ist. Meist erlebe ich ihn als grau oder fast als schwarz. Lichtstrahlen kommen durch die Blätter. Mir wird klar, dass der Baum gerade wegen des Lichts und der Wärme so groß geworden ist. Er ist dem Licht entgegengewachsen.

Samenkorn sein

Plötzlich muss ich lachen: Ich sehe mich selbst als ein Samenkorn, das in der Erde steckt und eigentlich dem Licht entgegen wachsen möchte. Ich merke, dass der Vergleich gar nicht so verrückt ist. Es ist ja wirklich so, ich rage aus der Erde heraus, als wäre ich am Keimen. Der Gedanke erwärmt mich. Was würde eigentlich passieren, wenn ich mich tatsächlich wie ein Samenkorn verhielte, das keimt? Wie würde das stattfinden?

Anstatt zu versuchen, meinen linken Arm loszureißen, beschließe ich, die Wurzel, die ihn einklemmt, mit der Hand zu umfassen. Es gelingt mir. Ich greife vorsichtig um die Wurzel, und es scheint, als gebe sie nach, ja als würde sie dünner. Ich bewege meine Finger und taste das Holz ab. Es fühlt sich gut an. Ich kämpfe nicht mehr gegen die Wurzel, sondern ziehe ein wenig an ihr. Und tatsächlich entsteht etwas Freiraum. Oder ist das Einbildung?

Ich konzentriere mich auf die Situation eines Samenkorns in der Erde und komme zu dem Schluss, dass ein Same weich werden muss, damit er keimen kann. Was soll in mir denn keimen? Da drinnen! Da kommt ein Schrei aus meinem Herzen. Ich denke darüber nach. Ja, in mir könnte tatsächlich eine harte Kruste sein und etwas, das innen ist, von ihr umschlossen. Ich bin der einzige, der einen Schlüssel dafür hat. Wie kann ich die Kruste weicher machen? Ich versuche, mich auf sie zu konzentrieren, sie zu scannen, Schwachstellen in ihr zu finden. Plötzlich sehe ich: Es ist eine harte, graue Kruste, durch die nichts durchkommt. Doch, etwas kommt durch, mein Herz ruft ja. Wahrscheinlich ist es so wie bei den Blättern des Baumes: Wenn alles still ist, ist es eine dichte Decke. Wenn aber der Wind weht und mit den Blättern spielt, kommen Lichtstrahlen durch. Wenn es regnet, ist das Laub schwer und dunkel, aber in der Sonne und im Wind wird es verspielt und flimmert.

Die Kruste im Schlamm scheint Ohren zu haben. Sie bekommt einen Riss. Ich fühle mit meiner rechten Hand daran und versuche, ihn zu vergrößern. Aber das hilft nicht. Mir kommt eine andere Idee: Ich streiche sanft über den Riss. Und plötzlich brechen ganze Krustenstücke ab. Es ist eine ziemlich lange Arbeit, ich zähle die Tage nicht und streiche weiter, während meine linke Hand die Wurzel umfasst hält.

Es ist seltsam. Ich habe die ganze Zeit nicht bemerkt, dass ich ziemlich weit nach oben gekommen bin. Das liegt an meiner veränderten Körperhaltung. Und wenn ich aufschaue, scheint es, als würde der Baum lachen. Sein Stamm sieht heller und schlanker aus, die Blätter leuchten hellgrün. Immer mehr wärmende Strahlen kommen zwischen ihnen durch: Ich fühle mich viel besser.

Ich bin noch weit davon entfernt, mich wirklich frei zu fühlen. Immer noch stecke ich fest, aber da ist inzwischen viel Raum, so dass ich besser atmen kann. Ich bin auf dem Weg.

 

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