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Freiheit – ein leerer Wahn?

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Wie werden wir mit Freiheiten aller Art beschenkt! Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wird das Wort Freiheit 37mal erwähnt. Gesetzlich garantierte Freiheit hat etliche Spielarten, zu denen insbesondere die Freiheit der Person, die Freiheit des Glaubens, die Pressefreiheit, die Freiheit der Lehre, die Freiheit der Gewissensentscheidung, die Versammlungsfreiheit, die Freiheit der Meinungsäußerung und die Vereinigungsfreiheit gehören.

Dieses Freiheitssystem ist eingebettet in eine freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Eine Selbst-Täuschung?

Im Zuge der Pandemie-Bekämpfung wurden die Freiheitsrechte in fast allen Ländern der Welt mehr oder weniger massiv eingeschränkt. Tausende Menschen protestierten dagegen und viele gingen auch auf die Straße, um ihrem Unmut und ihrem Bedürfnis nach „Wiederherstellung des freiheitlichen Status quo“ Ausdruck zu verleihen.

Was bedeutet es konkret für uns, frei zu sein?

Ein Verbot beispielsweise, Restaurants, Opern und Kinos nach Belieben besuchen zu dürfen, schränkt unsere Handlungsoptionen und Wahlmöglichkeiten im Alltag ein. Dasselbe gilt für alle weiteren Verbote, denen wir unterworfen werden, wenn Gefahren drohen. Die uns eingeräumte Freiheit ist also relativ und kann immer wieder Restriktionen unterworfen werden. Könnten wir eventuell trotz aller Einschränkungen frei sein? Oder, andersherum gefragt: Kann es sein, dass wir gleichwohl unfrei sind, auch wenn es gar keine äußeren Einschränkungen gibt?

Dass wir es also jetzt mit Surrogaten der Freiheit zu tun haben?

Die Freiheit, wie sie in den Verfassungen vieler Länder definiert ist, hat einen Gegenspieler: das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit.

In einem Land, in dem das Schutz- und Sicherheitsdenken den Vorrang hat, wächst das Verlangen nach Freiheit. In einem Land mit weitreichendster individueller Freiheit, ohne Gesetze und Vereinbarungen, würde das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit zunehmen. Immer geht es darum, unterschiedliche Werte gegeneinander abzuwägen und dem Leben in einer Gesellschaft die bestmöglichen Bedingungen zu verschaffen.

Die zwei Schichten des Lebens und Erlebens

Dieses Ringen um das rechte Maß wird, wie A.H. Almaas[1] es beschreibt, in einer Lebenssphäre ausgetragen, die ausschließlich durch Aktionen und Reaktionen bestimmt ist. Auf dieser Ebene des Lebens sind tiefgreifende Veränderungen unseres Innern kaum möglich, weil unsere Egos ständig damit beschäftigt sind, auf Aktionen anderer zu reagieren und dadurch selbst wieder Reaktionen anderer aufzurufen. So bleibt das Leben eine vom Ego und seinen Bedürfnissen und Ängsten in Gang gehaltene Kettenreaktion ohne Ende.

Es gibt auf dieser Ebene des Erlebens zwar eine Sehnsucht nach „wirklichem Sein“, nach wirklicher Freiheit, aber sie kann nicht realisiert werden. Alle sind damit beschäftigt, das eigene Bild, wie die Welt sein sollte, in Gedanken, in Gefühlen und Taten, so weit es nur geht, zu manifestieren.

Wir bleiben gefangen in einer Matrix der Selbsttäuschung, weil wir die Welt, so wie sie ist, nicht akzeptieren können.

Almaas empfiehlt, „eine mutige Verwundbarkeit zu entwickeln“[2], also das Bedürfnis und stetige Verlangen des Ego nach Schutz und Kontrolle zu überwinden.

Gibt es denn „wirkliche“ Freiheit?

In einem deutschen Volkslied heißt es:

„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?

Sie fliehen vorbei wie nächtliche Schatten.

Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen,

es bleibet dabei: die Gedanken sind frei“[3]

Die Gedanken sind frei – damit fangen die Probleme an. Das Gedankenkarussell in unserem Kopf lässt uns keine Sekunde in Ruhe: „Tu dies, tu das! Beschäftige dich mit dem, was war, was morgen, nächste Woche oder irgendwann kommen könnte! Fühle dich schuldig, dass die Dinge so stattgefunden haben.“

Ego-Sein bedeutet die vollständige Identifikation mit dem eigenen Denken und Fühlen. Eckart Tolle sagt demgegenüber: „Du denkst nicht. Das Denken geschieht dir“.[4] Ron Smothermon drängt dazu, die fast alles Leben beherrschende Gedankenenergie, den „Hirngott“, zu entthronen.[5]

Ein wichtiger Schritt besteht darin, nicht lediglich Akteur auf der Bühne des Lebens zu sein, sondern darüber hinaus zum Beobachter des Akteurs zu werden. Die Möglichkeit hierzu ist in uns angelegt. Eine Instanz kann in uns zur Entfaltung und zum Tragen kommen, die man als neue oder ursprüngliche Seele bezeichnen kann. Sie ist ganz anders als unser Ego, sie stammt nicht aus dem irdischen Lebenskampf. Ab dem Moment, wo es gelingt, das Leben zunehmend aus der Beobachterposition zu er-leben, schwindet die beherrschende Kraft unserer Selbstbehauptung. Das Ego wird dann sozusagen unter Beobachtung gestellt, inklusive seiner Gedanken und Gefühle. Sie werden als das wahrgenommen, was sie sind, nämlich flüchtige Reaktionsformen an der Peripherie des Lebens. Und interessanterweise lässt uns die neue Ebene neue Handlungsmöglichkeiten erkennen. 

Dieser bedeutende Schritt, der einer Selbstrevolution gleichkommt und zu einem neuen Verständnis des Lebens führt, gelingt nicht von heute auf morgen. Er benötigt Geduld und Ausdauer und einen Brennstoff, eine Triebkraft. Vielleicht kann man diese Triebkraft als Sehnsucht nach absoluter Freiheit, nach absoluter Liebe und absolutem Eins-Sein bezeichnen.

Wenn wir auf diesem Weg ausharren, geschieht eines Tages das Wunder: Es gelingt unserem weitgehend von der Herrschaft des Ego befreiten Wesen, zu SEIN. In dem Maße, in dem wir einfach nur noch SIND, bringen wir durch unser ganzes Leben immer mehr zum Ausdruck, dass auch das Leben anderer sein darf, wie es ist.

Aus diesem bewussten Sein tritt eine stark transformierende Kraft in die Welt hinaus, die alle und alles verändert. Sie beendet „die Bosheit der Unwissenheit“, wie Jan van Rijckenborgh dies bezeichnet.[6]

Wir erleben dann etwas, was wir vorher für unmöglich hielten: Wir können jedem Augenblick des Lebens gestatten, so zu sein, wie er gerade ist. Jeder Widerstand ist verschwunden. Das Leben offenbart sich in seiner absoluten Fülle, absoluten Freiheit und absoluten, unveränderlichen Schönheit.

 

 


[1] A. H. Almaas, In die Tiefe des Seins, 5. Auflage, 2016.

[2] a. a. O., S. 93 ff.

[3] https://www.volksliederarchiv.de/die-gedanken-sind-frei/

[4] Eckart Tolle, Die neue Erde, 7. Auflage, 2005

[5] Ron Smothermon, Drehbuch für Meisterschaft im Leben, Bd. 1, 7. Auflage, 1986

[6] Jan van Rijckenborgh, Die ägyptische Urgnosis, Band 2, S. 22 ff., 3. Auflage, 1997.

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