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Freiheit von der Zeit im Hier und Jetzt?

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Bin auf dem Weg zum Bahnhof. Von weitem sehe ich ein Werbeplakat am Straßenrand.

Es zeigt eine Urlaubsszene. Ein Mann läuft am Meeresstrand mit einem Surfbrett unter dem Arm aufs Wasser zu. Beim Näherkommen lese ich: „Zeit loslassen“. Habe ich richtig gelesen? Etwas irritiert mich … Müsste es nicht eher heißen: „Zeit, um loszulassen“ oder „Zeit, etwas loszulassen“? Die Zeit „an sich“ loslassen, von der Zeit frei sein – wie sollte das gehen?

Im Urlaub kann ich mich zeitweilig freier fühlen als im Alltag. Ich habe weniger Verpflichtungen und kann spontaner entscheiden, etwas Bestimmtes zu unternehmen. Doch Hotels und Restaurants, Museen und kulturelle Veranstaltungen haben alle ihre Zeitrahmen, an die ich mich halten muss.

Auf meinem Weg zur Arbeit fällt mir der letzte Urlaub ein. Wie war das denn mit der Freiheit von Zeit für mich gewesen? Tatsächlich zählte ich die Tage: „Ach wie herrlich, acht Tage Urlaub!“ …  „Jetzt nur noch drei Tage, die wollen gut genutzt sein!“ Dann war sie vorbei, die schöne Urlaubszeit. Die Zeit ließ sich nicht festhalten oder ausdehnen. Zu keinem Zeitpunkt war ich frei von ihr.

Viele Menschen erwarten für den Urlaub ein Abenteuer, oder jedenfalls eine Abwechslung von Routine und Alltag. Oder sie suchen in ihrer Freizeit nach einem Nervenkitzel wie Bergsteigen, Bungee oder Extremsport. Andere greifen nach einem Suchtmittel oder berauschen sich an einer Massenveranstaltung, bei der viele Emotionen geweckt werden und sie sich dadurch lebendiger fühlen. Wer in Urlaub fährt oder sich auf ein Abenteuer einlässt, ist bereit, loszulassen und sich für Neues zu öffnen, macht sein Herz weit und frei. Lässt sich bewusster auf den Augenblick im Hier-und-Jetzt ein.

Doch beginnt das Leben im Urlaub, bei einer Veranstaltung, einem besonderen Ereignis? Wenn die Veranstaltung, der Reiz vorbei sind, sind wir die gleichen Personen wie vorher mit unseren Konditionierungen und Gewohnheiten. Können wir so wahrlich frei und neu im Augenblick sein?  Im Hier-und-Jetzt zu sein, was ist das überhaupt? Ist es die Freiheit von Zeit? Wir sind stark konditioniert und damit ist unser Heute das Ergebnis von Vergangenem und von dem, was sich daraus an Erwartungen für die Zukunft ergibt, denn nichts bleibt ohne Wirkung. Das Gesetz des Karma stellt das notwendige Gleichgewicht auf lange Sicht immer wieder her. Gibt es darüber hinaus noch etwas, was in das Jetzt, den aktuellen Moment hineinwirkt?                       

Etwas, das uns das Leben als Fluss immer neu und frisch erfahren lässt? Das uns erhebt über unsere Vergangenheit? Unsere Fesseln sind stark, unsere Prägungen, unser Ich-Bewusstsein, unsere Ich-Identität. Mit dieser Identität sind wir quasi immer in der Vergangenheit, wir stammen ja aus ihr. Oder gibt es doch etwas, das darüber hinaus reicht?

In einem Artikel auf LOGON Online mit der Überschrift Zwei Arten Zeit für zwei Welten [1] berichtet der Autor Joost Drenthe, dass man in der präkolumbianischen indianischen Tradition zwei Arten der Zeit kannte: Tonal und Nagual.

Tonal war die „Realzeit“ des täglichen Lebens, die Zeit, die auch uns durch Kalender und Uhren vorgegeben ist, die Strukturen schafft und Ordnung in der Gesellschaft ermöglicht.

Daneben besteht Nagual. Damit ist noch etwas anderes gemeint als das bekannte Phänomen, dass es ein inneres, subjektives Erleben von Zeit gibt, das je nach Umständen mal länger oder kürzer dauern kann und vom äußeren Zeitablauf abweicht.

Nagual besitzt eine andersweltliche Dimension.

„Wie verläuft der Weg von Tonal zum inneren Nagual, zum überirdischen Nagual? Der erste Schritt ist fortwährende Erforschung und absolute Ehrlichkeit in Bezug auf das, was dir in dir selbst begegnet, sowohl an Hindernissen als auch an spirituellem Potenzial. Das ist eine Untersuchung durch unseren `Beobachter’, das objektive urteilslose Schauen mit der Seele. (…) Durch diesen Beobachter können wir uns mit einem gewissen Abstand selbst betrachten.“

Nagual wird als Reservoir der Intuition bezeichnet, als Tür zu einem höheren Bewusstsein.  Wir sind also ein zusammengesetztes Wesen, das unterschiedlichen Seinsebenen angehört. Wenn die Ebene des Nagual in uns erwacht, breitet sich Stille im Denken und im Herzen aus. Sie sind Voraussetzung dafür, dass Impulse aus der übernatürlichen Dimension in und durch uns wirken können.

Damit leben wir gleichzeitig in zwei Zeitdimensionen. Wird unser Bewusstsein von Nagual durchdrungen, nehmen wir die übernatürliche, spirituelle Dimension im Hier-und-Jetzt unmittelbar auf, frei von unseren Konditionierungen. Währenddessen bewegen wir uns gleichzeitig in der tonalen, der äußeren Raum-Zeit, da die Verwirklichung dessen, was wir im Bewusstsein aufnehmen, sich erst in ihr entwickeln muss, um zu einer Erfahrung zu werden.

Das Schauen der Seele in der Nagual-Stille ist dynamisch, es ist mit Einsichten und Impulsen verbunden, durch die wir uns seelisch weiterentwickeln können. Es gibt die reine, tiefe Seelenwelt. Sie ist ein Entwicklungsziel, das inmitten der verworrenen Wege unseres Lebens aufleuchten kann. Alle Erfahrungen im Äußeren dienen letztlich dem inneren Wachstum. Das Erwachen in Nagual führt dazu, dass ich alles, was mir äußerlich geschieht, in den Dienst der inneren Entwicklung stellen kann. Im wahrsten Sinne des Wortes kann ich „das Beste“ daraus machen. Denn alles kann der inneren Reifung dienen und dem Offenwerden für das Leben, das keinen Tod kennt, mit dem wir alle in der Tiefe eins sind und das jeden von uns benötigt. Die indigenen Völker besaßen dieses Wissen. Wir können es wieder erringen.

 


[1] https://www.logon.media/de/zwei-arten-der-zeit-fuer-zwei-welten

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