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Gedanken und alte Kartoffeln

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Gedankenwesen – man kann versuchen, sie zu verjagen oder zu ignorieren, und manchmal scheint es auch eine Weile zu funktionieren, aber am Ende hilft es doch nichts. Manchmal sehen sie aus wie alte Kartoffeln oder wie Schwaden von halb lebendigem Nebel, die in meinen Kopf eindringen. Man müsste darüber hinaus springen können!

Mit bloßem Auge kann ich sie nicht sehen, aber ich weiß von klein auf, dass sie da sind. Sie jagen an mir vorbei und durch mich hindurch, sie schleichen umher oder verbergen sich. Mein ganzes Zimmer – der ganze Innenraum um mich herum – ist voll von ihren seltsamen Formen. Sie sind lebendig, da bin ich mir ganz sicher, diese Gedankengeschöpfe. Und ihre Anwesenheit erfüllt mich mit Sorge. Was sind sie? Woher kommen sie? Wer kontrolliert sie?

Einige sind wie ausgebeulte Säcke und enthalten schmierige Phantasien. Manche sehen aus wie lange, bleiche Knollen, die mich nach unten ziehen. Dann gibt es die, die aus dem Dunkel wirken, aus dem Unbewussten, doch ich spüre ihre Gegenwart, fast wie einen eisigen Blick. Gut tun mir nebulöse Wesenheiten von schöner Farbe, aber dann erlebe ich, wie andere auf sie drauf springen und ich fühle mich angestachelt und werde hochmütig. Wieder andere flitzen vorbei, und ich sehe keine Chance, sie festzuhalten. Und dann gibt es die, die dauernd jammern. Am liebsten möchte ich von all dem abhauen, aber es geht nicht. Sie flüstern oder schreien, ziehen an mir oder schieben mich, machen mich zu groß oder zu klein.

Was machen diese Gedankenwesen in meinen Innenräumen? Es gibt Leute, die sagen: es reicht, sie anzuschauen, man muss sich mit ihnen nicht verbinden. Das hört sich gut an, und ich tue das manchmal auch, aber wie lange hält man dem stand? Wenig später machen sie mit ihren Spielchen genauso weiter wie vorher.

Und es gibt Leute, die sagen: man muss positiv denken. Auch das tue ich mitunter, aber wie lange kann man das durchhalten? Danach geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Ich kann versuchen, sie zu fangen, sie zu verjagen oder zu ignorieren, und manchmal scheint es auch eine Weile zu funktionieren, aber am Ende hilft es doch kein bisschen.

Neulich habe ich beinahe einen Gedanken erwischt, und dann habe ich so lange darüber nachgedacht, was es für ein Gedanke sein könnte, bis ich es satt hatte. Und das ist es, glaube ich: sie rauben die Energie, und ich kann mir nicht vorstellen, dass das so sein soll. Man bekommt seine Energie doch nicht, um sie sinnlos zu vergeuden. Natürlich gibt es auch viele nützliche Dinge, über die man nachdenken kann, zum Beispiel über den besten Weg zur Arbeit oder über die Einkaufsliste, aber das ist nur ein kleiner Teil der Gedanken. Und die stören mich auch gar nicht: Sie sind für einen Augenblick da und erfüllen ihren Zweck. Der große Rest dagegen scheint Müll zu sein, und ich meine damit einen sehr großen Prozentsatz.

Der Wunsch nach anderen Gedanken

In mir lebt der Wunsch nach einem reinen Gedankenleben. Am liebsten hätte ich immer friedliebende, reine Gedanken, solche voller Verständnis und Freundlichkeit, sodass ich eine Spur Gold hinterlasse, wo immer ich mich befinde. Die Leute könnten sich daran laben. Sie wären glücklich, ohne zu wissen wodurch, nur weil ich vorbeigekommen bin. Und am allerschönsten wäre es, wenn ich es selbst nicht einmal bemerkte. Ich frage mich: ist das ein realisierbares Ideal, kann ich darauf hinarbeiten? Aber was mache ich mit all den anderen Gedanken in meinem vollen Zimmer?

Über ihr Gedränge nachzudenken, hat mir nicht weitergeholfen. Vielleicht ist der Sprung, den ich machen möchte, zu hoch. Wenn Gutes niedrig hängt, kann man es leicht erreichen. Aber es muss auch bei Höherem gehen ...  

Und plötzlich, als fiele mir ein goldener Apfel in den Schoß, habe ich eine gute Idee. Sie ist zwar auch nur ein Gedanke, aber bei ihm muss ich mich nicht fragen, woher er kommt. Er scheint ganz selbstverständlich zu mir zu gehören. Er kommt mir so vertraut vor und lässt mich etwas fragen, was mir schon früher aufgestiegen war: „Hast du es jemals auf diese Art und Weise angeschaut?“

Und nun kommen Gedanken ganz anderer Art, Einsichten, Ideen und Möglichkeiten, von denen ich bisher kaum eine Ahnung hatte: glasklare Bilder, tiefsinnige Erkenntnisse mit „Aha“-Effekt, vollkommen und unerwartet. Ein Reichtum wird mir geschenkt. Ich sehe fast ausschließlich Dinge, die nur mich etwas angehen. Wie ist das möglich? Da ist etwas in mir, so nahe, dass ich es bisher nicht sehen konnte, eine Gedankenquelle.

Die Neigung, mich in den Ursprung der Gedankenwesen zu vertiefen, gerät in den Hintergrund. Ich kann die Frage nach dem Ursprung der Gedanken nicht beantworten. Aber ich kenne plötzlich eine ganze Menge anderer Antworten.

Ich erlebe: Was ich für andere tun wollte, wird jetzt an mir getan. Es ist, als würde eine Spur Gold in mir entstehen, an der ich mich laben kann … und auch andere.

(Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift Pentagramm, Jahrgang 2019 Nr. 2)

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