Winged

Geh nicht den Pfad – sei der Pfad Teil 2

zurück zur Startseite pdf share

Der amerikanische Philosoph Henry Thoreau sagte: „Das Universum ist größer als unsere Sichtweise von ihm." Ähnliches gilt für uns. Unser Selbst ist mehr als das, wofür wir es halten.  Wir denken, wir seien getrennte Wesen. Wir identifizieren uns mit unseren Qualitäten, Lastern und Tugenden, unseren Ansichten, Emotionen, Reaktionen und den Rollen, die wir spielen, Dabei erkennen wir nicht, dass wir noch andere Aspekte besitzen, durch die wir in größere, höhere und vollkommenere Dimensionen reichen. Auf der Ebene der spirituellen Seele sind wir eins mit allem, was existiert – und auch eins mit dem höchsten göttlichen Prinzip, das im alten Ägypten Nun und Re genannt wurde.

Jetzt aber, auf der jetzigen Bewusstseinsebene, können wir diese Einheit nicht spüren und auch nicht aus ihr leben. Wir können uns bei unseren Entscheidungen nicht von ihr leiten lassen. Dazu benötigen wir eine spirituelle Seele. Unser normales Bewusstsein ist auf das Ego abgestimmt. Egozentrik ist ein Merkmal unseres „Schlangenfeuers“ (des Bewusstseinsfluidums entlang der Wirbelsäule), und deshalb bleibt jeder von uns auf sich selbst bezogen und sieht sich als den Nabel der Welt. Das gilt auch für die, die sich als Humanisten betrachten, die altruistisch sind und sich der Menschlichkeit verschrieben haben. Es ist gut und notwendig, sich für Rechtlose, Schwache und Kranke einzusetzen. Wenn wir die Ich-Bezogenheit aber nicht erkennen, die selbst hierbei noch vorhanden ist, zeigt das nur, dass wir uns selbst noch nicht tief genug kennen.

Wir sagen das nicht, um zu moralisieren oder zu verurteilen. Es geht um Information, um das Erlangen von Einsicht. Das „Licht des Wissens“ ist uns fern gerückt, weil unser Zirbeldrüsen-Chakra es nicht mehr richtig empfangen kann. Aus diesem Grund sagte Jesus, als sie ihn kreuzigten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Nephthys und Elisabeth

Die Ägypter nannten das Bewusstsein des in die Materie eingetauchten Menschen Nephthys. Der Name bedeutet „Ende, Grenze". Der römische Schriftsteller Plutarch erläutert, dass ein solches Bewusstsein „die äußersten Enden der Erde erreicht" hat und „die Macht besitzt, zerstörerisch zu wirken". Bewusstsein, das sich mit der Welt der Materie vereint, gerät in eine tiefe Schwingungsebene. Die Seele kann sich hier beschmutzen. Wie die Gorgo stört und verunreinigt sie die göttliche Harmonie und Ordnung.

Nephthys war die Tochter und Ehefrau von Typhon; das heißt, dass sie aus einem Element der Dunkelheit, des Chaos, der Unwissenheit, der spirituellen Anarchie und des Bösen geboren wurde. Als Ehefrau dieses Prinzips blieb sie unfruchtbar. Auch die biblische Elisabeth war unfruchtbar. Beide Figuren symbolisieren die Tatsache, dass das Streben des irdischen Bewusstseins nach Vollkommenheit zum Scheitern verurteilt ist.

Der Name "Nephthys" bedeutet aber auch „Sieg". Wenn wir unsere Unvollkommenheit, Unvollständigkeit und Verwirrung erkennen und uns den Angelegenheiten des Geistes zuwenden, wird es uns möglich, in eine neue Entwicklung einzutreten. Ein Symbol für diese Entwicklung, die spiralenförmig verläuft, ist die Liebesverbindung von Nephthys und Osiris, deren Frucht Anubis ist. Der Gott Anubis wurde mit dem Kopf eines Hundes oder Schakals dargestellt. Damit wird auf die Fähigkeit hingedeutet, sowohl tagsüber als auch des Nachts richtig sehen zu können. Den Schakal – ein Tier, das Leichen verschlingt – sah man als Symbol für den mystischen Tod und die Wiedergeburt an. Anubis war der Herr der unterirdischen Welt. Er half Osiris bei seiner Wiedergeburt. Er versinnbildlicht den Aspekt in uns, der uns erlaubt, die dunklen Aspekte unseres Wesens zu erkennen. Zugleich war Anubis ein Symbol für die Macht, Altes und Tödliches zu vernichten, also das, was nicht der sich in uns entwickelnden Göttlichkeit dient.

Es gibt in unserem Herzen den Kern eines Bewusstseins, das sich von dem irdischen Bewusstsein unterscheidet. Dieser Kern ist das einzige unsterbliche „Atom" in uns, das einzige Relikt einer früheren Göttlichkeit. Es befindet sich bei vielen Menschen in einer Ruhephase. Es erwacht, wenn unser Bewusstsein nach vielen Inkarnationen und Erfahrungen endlich seine eigene Unfruchtbarkeit und „Trockenheit“ erkennt. Wenn es trotz der vielen Versuche, das Glück zu finden und trotz allem, was es erreicht hat, immer noch eine Leere erfährt und eine seltsame Sehnsucht nach einer anderen Welt, nach Gott. Wenn es seine eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht erlebt und die Unfähigkeit, das Göttliche im eigenen Wesen zu erkennen. Die Strahlungskräfte des Wassermannzeitalters können ein solches Bewusstsein wecken. Niemand kann sagen, wann das bei jemandem stattfindet. „Der Wind weht, wo er will und du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist", sagte Jesus zu Nikodemus (Joh. 3).

Wenn das göttliche Element erwacht und unser Bewusstsein sich auf die Angelegenheiten des Geistes richtet, wenn die Verbindung mit Gott unser größter Wunsch wird, dann werden wir wie Nephthys oder wie Elisabeth – zum fruchtbaren Land. Wir fangen an zu erkennen, dass wir mehr als nur unser kleines Selbst sind. Wir beginnen, auf das Herz zu hören, aus dem die Stimme des „Anderen" kommt.

Gorgo

Der griechische Mythos besagt, dass es unmöglich war, Gorgo ohne göttliche Hilfe zu töten. Sie wurde von Perseus mit Hilfe von Athene besiegt. Auch wir, moderne „Helden", die wir unser eigenes egozentrisches Bewusstsein besiegen wollen, brauchen göttliche Hilfe. Sie wird uns von den Bodhisattvas angeboten, einer leuchtenden Bruderschaft, die in der Seelenwelt lebt, im „Vakuum von Shambala“.

Perseus tötete Gorgo, indem er sich von ihr zurückzog und ihr Spiegelbild in dem Kupferschild beobachtete, den Athene selbst für ihn hielt. (Er durfte ihr nicht unmittelbar ins Auge schauen.) Dann erhob er sich mit geflügelten Sandalen (ein Attribut von Hermes/Merkur) und schnitt dem Monster den Kopf ab. Auch wir müssen unser Ego im Licht der göttlichen Liebe und Weisheit, die durch den Kupferschild der Athene symbolisiert werden, beobachten. Wenn wir uns von ihm abwenden, identifizieren wir uns nicht mehr mit unserem kleinen Selbst. Dank der Kraft des Merkur, dank des gnostischen Lichts sind wir in der Lage, unsere Schwingungen zu erhöhen und den Schlangenkopf mit dem Schwert des Erkennens abzuschlagen.

Diese Enthauptung bedeutet, dass wir nicht mehr versuchen, unsere irdische Persönlichkeit zu verbessern. Wir lassen vielmehr unser altes Bewusstsein „von Anubis verschlingen". Es darf keinen separaten Pilger auf dem Weg geben. Er soll sich auflösen. Er soll eins werden mit der alles durchdringenden Liebe Gottes. Wir sollen also nicht zu einem „großen Mann", einem „Großmeister", „Guru" usw. werden. Wir sollen Aspekte der Stille sein. „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen" (Matth. 5), d.h. sie werden ihre Persönlichkeit zähmen und Gott unterwerfen.

Manchmal wird unser Wunsch, uns zu entwickeln, paradoxerweise zu einem Wunsch, der uns von Gott trennt. Das geschieht, wenn wir unbewusst nach Ruhm für uns selbst verlangen. Wenn wir uns selbst als geistlich, heilig, gut, besser betrachten, dann entwickeln wir das sogenannte „spirituelle Ego".

Akzeptanz und Blumen der Stille

Der Schlüssel zum Weg ist die Akzeptanz. Alles ohne Widerstand, ohne Rebellion zu akzeptieren, ohne es zu verurteilen. Wir sollen sehen, was in uns Licht und was Dunkelheit ist, welche Wünsche zur irdischen Welt gehören und welche auf Gott gerichtet sind. Und was in uns Dunkelheit ist, soll ausgelöscht, soll Anubis zum Verschlingen gegeben werden. Aber wir sollten uns nicht selbst verdammen und verurteilen. Wir brauchen Sanftheit und Geduld, uns selbst und anderen gegenüber. Wenn wir über uns oder andere den Stab brechen, machen wir Lärm, erhöhen wir die Zahl der Schlangen in unserem Kopf und schaffen zusätzliche Vorstellungen davon, wer wir sind. „Unser Geist ist der Mörder der Wirklichkeit"; „der Jünger muss den Mörder töten", heißt es in dem Büchlein „Die Stimme der Stille“.

Die Konzepte, die aus dem Verstand fließen, sind die ausgetretenen Pfade des Denkens, das Labyrinth, in dem wir so lange gefangen waren. Diese ausgetretenen Pfade haben uns dazu gebracht, unsere eigenen Erfahrungen zu recyceln. Wir können uns aus dem Teufelskreis unseres eigenen Schicksals befreien, die Kette der kontinuierlichen Inkarnationen durchbrechen. Wir können uns von unserer „Normalität" befreien, von der Van Gogh sagte: „Die Normalität ist ein gepflasterter Weg: Es ist bequem, ihn zu gehen, aber es wachsen keine Blumen darauf".

„Blumen" werden aus der Stille geboren. Aus dem Schweigen entsteht ein Pfad, den noch niemand zuvor beschritten hat. Dieser Pfad ist Gott, wiedergeboren in jedem, der zum Schweigen bringt, der tötet, der sein kleines Selbst jeden Tag Schritt für Schritt auslöscht.

Deshalb: Lasst uns nicht den Pfad gehen, sondern der Pfad sein.

Gott erwartet Antwort auf die Blumen, die er uns schickt,

nicht auf die Sonne oder die Erde.

 

Verweilen wir nicht, um Blumen zu sammeln, um sie zu behalten,

sondern gehen wir weiter. Die Blumen werden sich selbst erhalten,

sie werden zum blühenden Pfad.

 

Dunkle Wolken werden zu Himmelsblumen,

wenn sie vom Licht geküsst werden.

 

Das Wasser in einem Gefäß sprudelt;

das Wasser im Meer ist dunkel.

Die kleine Wahrheit hat Worte, die klar sind;

die große Wahrheit hat eine große Stille.

 

Der Staub der toten Worte klebt an dir.[1]

 


[1] Rabindranath Tagore, aus: „Stray Birds” (Strophen 26, 102, 249, 176, 147)

zurück zur Startseite pdf share