autumn

„Ich bin dann mal da!“ Wanderungen und Erfahrungen mit der Landschaftsseele – Teil 1

zurück zur Startseite pdf share

Seit meiner Kindheit wandere ich leidenschaftlich gern. Schon als Jugendlicher habe ich immer wieder den Wald und die Wildnis aufgesucht – als Orte der Stille, als Orte der innigen Begegnung mit Steinen, Bäumen, Wildpflanzen, Wildtieren, Flüssen, Bergen, Höhlen, Sternen und Wetterphänomenen.

In den letzten drei Jahren habe ich jeweils im September für ca. vier Wochen Fernwanderungen gemacht. In drei Abschnitten bin ich allein von Dortmund nach Zürich gewandert. Übernachtet habe ich fast immer im Wald, in einer Hängematte zwischen zwei Bäumen, in einem warmen Schlafsack.

Dieses intensive Eintauchen in die Natur hat mich verwandelt. Meine Sinnesorgane sind wach geworden für das komplexe Zusammenspiel von Berg- und Tallandschaften, von Düften und Gerüchen, von Laub-, Nadel- und Mischwäldern, von Flussauen, Heide- und Wiesenlandschaften, von Vegetation und Tierbestand, von dörflichen Siedlungsformen und von den vielen Menschen, die mir auf meinen Wanderungen in einer bestimmten Region von Angesicht zu Angesicht begegneten – und dies in einem ganz eigenen Dialekt, einer eher zugewandten oder eher reservierten Haltung.

Ich habe auf meinen Wanderungen die ganz unmittelbare Erfahrung gemacht, dass alle diese Elemente nicht einzeln für sich stehen. Sie sind auf vielfältigste Weise miteinander verwoben. Sie bilden ein in sich verschränktes, ganzheitliches Muster, ein Landschafts-Gewebe, eine Landschaftsseele.

Die Landschaftsseele

Im Sauerland, im Siegerland, im Taunus, im Odenwald, im Kraichgau, im Schwarzwald, auf der Schwäbischen Alb – dort begegneten mir ganz unterschiedliche Landschaftsseelen. Diese Landschaftsmosaike sind meiner Empfindung nach lebendige Wesenheiten, die wahrgenommen werden möchten. Wahrgenommen in einer Weise, bei der ich versuche, mich achtsam in die Landschaftsseelen einzufühlen, zu lauschen, zu staunen, kein Fremdkörper, sondern ein mitempfindendes, ein sich einordnendes Geschöpf zu sein.

Daher gehe ich langsam, fast meditativ. Mir kommt es nicht darauf an, ein Wanderziel zu erreichen, eine bestimmte Wanderstrecke zu absolvieren. Ich mache viele Pausen. Ich möchte in einen innigen Kontakt zur Seele der Landschaft kommen.

Mit jedem Schritt kann ich mich tastend einfühlen in den mal felsigen, mal matschigen, mal sandigen Untergrund. Immer wieder kann ich innehalten und einem Bachplätschern, einem warnenden Vogelruf, dem Rauschen der Silberpappeln im Wind lauschen, die wunderbar weichen Moospolster auf Baumstümpfen erfühlen, die im Sonnenlicht rot-golden schimmernden Ahornblätter betrachten oder eine Stunde lang einen Fuchs beim Mäusefangen beobachten.

Ich bin „angekommen“

Nach circa einer Woche Wanderung bin ich in diesem Landschaftsgewebe „angekommen“. Ich bewege mich fließend-strömend-organisch in der Landschaft und werde anscheinend immer weniger als Fremdkörper wahrgenommen. Wildtiere wie Füchse oder Rehe trauen sich morgens und abends näher an meine Hängematte heran. Sie zeigen sich oft nur wenige Meter von meinem Schlafplatz entfernt. Mir kommt es so vor, als könnten sie riechen und sehen, wer dazugehört und wer nicht. Wir begegnen uns als Lebewesen, die in inniger Verbindung zu einem gemeinsamen Organismus, zur Landschaftsseele, stehen.

Dieses Ankommen im Landschaftsgewebe hat deutlich mit der mentalen Ausrichtung zu tun. Der Wald ist ein gewaltiger „Gedankenschredder“. Das Atmen in der reinen Waldluft, das Lauschen auf das feine Rieseln oder Gluckern eines Baches, das Beobachten der schwankenden Kornähren im Wind bringt auch meine festen Gedankenmuster zum Fließen. Sie kommen und fließen durch – und nach einiger Zeit sind sie „geschreddert“, sie verlieren ihren quälenden, aufdringlichen, zwingenden Charakter. Gedanken dürfen aufsteigen, aber in der reinen ätherischen Sphäre des Waldes können sie sich nicht lange halten, sie fließen hindurch, sie vergehen. Der Wald bringt sie zur Auflösung.

Es ist ein Leer-Werden, eine Reinigung, ein Offen- und Neugierig-Werden für das Wesenhafte der Natur. Ich sehe mich in dieser Offenheit und Durchlässigkeit nicht mehr als „Mittelpunkt“ des Universums, sondern als kleines und trotzdem nicht unbedeutendes Holon im großen Ganzen. Das Offene, Absichtslose, Unschuldige meiner Wahrnehmung lässt mich eine innige Verbundenheit zu den Steinen, Pflanzen, Tieren, Menschen, zu den vier Elementen Feuer, Erde, Wasser und Luft sowie dem fünften Element, der alles umhüllenden Weltseele und schließlich zu den Gestirnen am Himmel, zum Kosmos empfinden.

Weltinnenraum

Es lässt mich ganz unmittelbar den „Weltinnenraum“ spüren, der alle Geschöpfe im Universum miteinander verbindet, aus dem sie atmen und Kraft schöpfen.

Es lässt mich die eigenen Seelenwurzeln erfahren, die aus diesem Weltinnenraum gewachsen sind. Durch diese Seelenwurzeln fließt ein Strom gnadenreicher, schöpferischer Energie. Diese Wurzeln schenken ein fundamentales, unerschütterliches Vertrauen ins Leben.

Wenn ich im Wald Menschen treffe, werde ich häufig gefragt, ob ich keine Angst hätte, so ganz allein dort zu übernachten. Ich versuche dann verständlich zu machen, dass es keinen sichereren Ort im Universum gibt als den Wald. Unter den Baumwurzeln und -ästen, über die ich meine Hängematte aufspanne, sind die viel tiefer reichenden Lebenswurzeln spürbar, die in den Weltinnenraum reichen. Aus ihnen fließt eine sich ständig erneuernde Vitalität und Kreativität. Der Wald, die Bergwelt, die Natur insgesamt schenkt uns einen großen Reichtum an frischen Ideen, an kreativen Lösungen, an Bildern und Symbolen, die bis in unsere Traumwelt reichen. Nach jeder meiner Wanderperioden träume ich noch wochenlang zu Hause auf intensivste Weise in diesen Bildern und Symbolwelten der Natur. Es ist – so empfinde ich es – ein Baden in der Atmosphäre des Weltinnenraums.

In dieser Verwurzelung, in diesem Vertrauen ins Leben kann ich etwas „halten“. Seele zeigt sich in einem Halten-Können. Ich kann lernen, paradoxe, scheinbar widersprüchliche Gegebenheiten und Haltungen auszuhalten, nebeneinander stehen zu lassen. Es ist ein schmaler Grat zwischen offenem sich Einlassen und einem gewissen Abstand zu den Dingen. Ich trete ein wenig zurück, ich staune und lausche, ich nehme einfach wahr, was ist, in der Natur und auch in der Begegnung mit anderen Menschen.

Ich sollte nicht zu stark identifiziert sein, sonst kann ich nicht mehr Mittler, Vermittler, Seelenbegleiter sein. Es braucht eine Balance zwischen körperlicher Präsenz, Bodenhaftung und geistiger Intuition. Es braucht einen Ausgleich zwischen Einatmen und Ausatmen, zwischen vertiefender Einkehr und Stille (auch und gerade in der Natur) und selbstvergessener Hingabe und Aktivität mitten in der Gesellschaft. In diesem Halten-Können, in diesem seelischen Mittelweg des sich Verbindens kann ich Räume entdecken, Weltinnenräume. Aus diesen Räumen kann angstfrei und in höchster Kreativität geschöpft werden. Hier existieren Kraftpotentiale, die durch mich zum Ausdruck kommen möchten: Ideen, Intuitionen, Zuhörqualitäten, integrierende Bewusstseinspotentiale, Bewusstseinsräume, die allen, die dafür offen sind, zur Verfügung gestellt werden können.

(wird fortgesetzt in Teil 2)

zurück zur Startseite pdf share