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Kann ich tun, was ich will? Arthur Schopenhauers Erkenntnis

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Die Welt wird vom Menschen in einer zweiseitigen Wirklichkeit erlebt; sie ist vergleichbar mit einem lebendigen Organismus mit zwei verschiedenen, aber untrennbaren Ansichten. Schopenhauer nennt sie „die Welt als Wille und Vorstellung“, wobei der Mensch sie als Wille in seinem Inneren und als Vorstellung in seiner Außenwelt erfährt.

Als ich in seiner Schrift Über die Freiheit des menschlichen Willens folgenden Satz las, den er als populäre Aussage zur menschlichen Willensfreiheit zitierte: „ich kann tun, was ich will", musste ich erkennen, dass ich ihn schon oft benutzt hatte in der festen Überzeugung, er bestätige meine eigene Freiheit.
Für Schopenhauer ist diese Schlussfolgerung ganz und gar nicht gegeben; er fragt nämlich weiter: „Kannst du auch wollen, was du willst?", und wenn dies bejaht wird, hakt er nach: „Kannst du auch wollen, was du wollen willst?", und so weiter.
Was ist Freiheit?
Arthur Schopenhauer geht auf den Begriff näher ein: Freiheit ist für ihn zunächst ein negativer Begriff, da wir unter ihm „die Abwesenheit alles Hindernden und Hemmenden“ verstehen. Er unterteilt ihn in den der physischen Freiheit und in die beiden philosophischen Begriffe der intellektuellen und der moralischen Freiheit.
Die physische Freiheit ist die Abwesenheit materieller Hindernisse jeder Art. Die intellektuelle Freiheit bedeutet, dass das menschliche Erkenntnisvermögen die Motive, die den Menschen beeinflussen, unverzerrt und klar erkennen kann, so dass sie ihm moralisch zuzurechnen sind.
Die moralische Freiheit ist der wesentliche Begriff, dem die Beantwortung der Frage nach der eigentlichen Freiheit des Willens gilt. Der Begriff der Freiheit steht hier synonym für die Willensfreiheit. Sie besagt, dass der Mensch zwischen entgegengesetzten Handlungen frei entscheiden kann. Er kann zum Beispiel die Wahrheit sagen und damit einen Freund verraten oder er kann lügen und den Freund schützen. Frei ist er hierbei jedoch nur, wenn er frei von auf ihn einwirkenden Motiven entscheiden kann. Zu den Motiven kann zum Beispiel die Angst vor Zwangsmaßnahmen gehören oder ein innerer Druck durch eingegangene Verpflichtungen dem Freund gegenüber.
Schopenhauer untersucht die Frage nach der Freiheit des Wollens. Es gibt einen Unterschied zwischen Wollen und Tun. Das Tun betrifft die Ausführung des Willens, das heißt die Willensverwirklichung. Aber die Macht der Ausführung ist etwas vollständig anderes als die Willensentscheidung selbst; diese kann also durch mehr oder weniger hemmende Motive beeinflusst werden.
Das Tun, sagt Schopenhauer, kann keine direkte Verbindung mit dem Wollen eingehen, weil es durch hemmende Motive beeinflusst werden kann und dadurch nicht zwischen entgegengesetzten Optionen frei zu wählen vermag. Es setzt demnach schon ein echtes Können des Willens voraus.
Beim Menschen kann die Entfernung zwischen Motiv und Handlung unermesslich groß sein, denn er ist an keine Gegenwart und Umgebung gebunden. Anders ist es beim Tier: „Der Hund steht unmittelbar zaudernd zwischen dem Ruf seines Herrn und dem Anblick einer Hündin, das stärkere Motiv wird seine Bewegung bestimmen: dann aber erfolgt sie […] notwendigerweise.“
Da der Mensch nicht wie das Tier an Ort und Zeit gebunden ist, können die hindernden Motive auch in bloßen Gedanken zu finden sein, so dass er meint, „… der Wille entscheide sich von selbst, ohne Ursache“. Um diesen Irrtum zu erläutern, beschreibt Schopenhauer die Situation eines Menschen, der zu sich sagt: „Es ist 6 Uhr Abends, die Tagesarbeit ist beendigt. Ich kann jetzt einen Spaziergang machen oder ich kann in den Klub gehen; ich kann auf einen Turm steigen, die Sonne untergehen zu sehen; ich kann auch ins Theater gehen; ich kann auch diesen oder jenen Freund besuchen, ja ich kann auch zum Tor hinauslaufen in die weite Welt und nie wieder kommen. Das alles steht allein bei mir, ich habe völlige Freiheit dazu; tue jedoch davon jetzt nichts, sondern gehe ebenso freiwillig nach Hause zu meiner Frau.“
Der Irrtum dieses Menschen besteht darin, dass er sich zwar denken kann, alle diese Handlungen frei ausführen zu können, aber nicht vermag, sie wirklich zu wollen, da das zwingende Motiv, nach Hause zu gehen, zu groß ist und ihn zwangsläufig bestimmt.
So stellt sich die Frage nach der moralischen Freiheit des Menschen neu.
Der Begriff der Freiheit ist hier nur zu denken in Abwesenheit aller zwingenden Motive.
Für Schopenhauer ist Willensfreiheit als „die freie nach keiner Seite beeinflusste Willensentscheidung“ nicht möglich. Wünschen kann der Mensch Entgegengesetztes, aber Wollen nur eines davon: „Und welches dieses sei, offenbart dem Selbstbewusstsein allererst die Tat.“
Die Welt als Wille
So führt uns die Frage nach der Freiheit des Wollens zu derjenigen nach dem Ursprung des freien Willens selbst.
Schopenhauer sagt: „… des Menschen Wille ist sein eigentliches Selbst, der wahre Kern seines Wesens, und so bedeutet die Frage letztlich, ob der Mensch auch ein anderer sein könnte als er selbst.“
Der ursprüngliche, freie schöpferische Wille ist für ihn ein „Ding an sich", da er, wie Platons Ideen, in der ewigen intelligiblen (geistigen) Wirklichkeit wurzelt. Schopenhauer spricht von einer „intelligiblen Welt“ im Gegensatz zur „Welt der Erscheinungen". Die letztere ist die äußere Welt der Erfahrungen, die er als eine empirische Welt (Erfahrungswelt) bezeichnet. Die beiden Welten erinnern an Platons göttliche Ideenwelt, die einer Welt der Erscheinungen gegenübersteht.
Dem Selbstbewusstsein des Menschen liegen diese Fragen jedoch sehr fern; sie sind ihm nicht einmal zum „Verständnis zu bringen [… Denn] in ihm ist es dunkel wie in einem geschwärzten Ofenrohr“.
„Wie wird der Mensch sich seines eigenen Selbstes unmittelbar bewusst? […] durchaus als eines Wollenden“, sagt Schopenhauer. Alle Leidenschaften, alles Wünschen und Begehren und Widerstreben sind Ausdruck seines Willens.
Der Mensch ist selbst Ausdruck des schöpferischen Willens, er ist sich dessen jedoch nicht gewahr. Er vereint in sich alle Formen der Evolution, die objektivierte Eigenschaften des schöpferischen Willens sind:
Der Wille manifestiert seine in ihm selbst liegenden Ideen eines anorganischen und organischen Lebens: Pflanze, Tier und Mensch, und letzteren in doppelter Weise, einerseits als innere und andererseits als äußere Welt des Menschen.
Der Wille zündet sich eine Laterne an.
Als letzte Stufe entwickelt der Wille das menschliche Erkenntnisvermögen des Verstandes, mit dessen Hilfe der Mensch seine Außenwelt hell und klar erkennen soll.
Der Wille arbeitet demnach von innen nach außen wie ein Baum, der nach und nach seine Äste, Zweige und Blätter und zuletzt seine Früchte entfaltet. Der Mensch wird sich dessen jedoch erst bewusst, wenn er auf eine Außenwelt stößt. Er nimmt sie zu allererst wahr in seinem eigenen Leib als eine manifestierte Gestalt des in ihm wirkenden Willens.
Die Welt als Vorstellung
Die innere menschliche Welt findet demzufolge ihren Ausdruck in einer äußeren Welt.
Um uns diese Aussage anschaulich bewusst zu machen, erinnern wir uns an den Seinszustand eines Kleinkindes, das noch ganz geborgen und unbewusst in Harmonie zwischen innerer und äußerer Welt lebt. Wenn es sich zum Beispiel an einen Tisch stößt und dabei weh tut, so streichelt es gerne tröstend den Tisch; es erlebt den Tisch und sich selbst als eine Einheit.
Wenn in dem Kind später das Ich-Bewusstsein erwacht, wird aus der Einheit eine Zweiheit: die innere und die äußere Welt. Der Keim des sich zukünftig entwickelnden Verstandesvermögens ist gelegt.
Hier geht es nicht mehr um den Willen im unmittelbaren Selbstbewusstsein, sondern um den Willen, wie der Mensch ihn in den Erscheinungen der Außenwelt wahrnimmt. Schopenhauer spricht vom „Bewusstsein anderer Dinge", und er fügt hinzu, dass dieses den weitaus größeren Teil des menschlichen Bewusstseins ausmacht.
„Die anderen Dinge" werden mittels des menschlichen Erkenntnisvermögens als die mit einem Willen begabten Wesen betrachtet, welche als objektive und äußere Erscheinungen, „als Gegenstände der Erfahrungen zu untersuchen sind“.
Das Verstandesvermögen ist dabei an seine inneren Formen gebunden. Es erkennt die Erscheinungen durch seine immanenten Kategorien von Raum und Zeit und mittels des Gesetzes der Kausalität. Dieses ist „die allgemeine und grundwesentliche Form des Verstandes, da sogar allein durch dessen Vermittlung die Vorstellung in der Anschauung der realen Außenwelt zu Stande kommt".
Das kausale Gesetz von Ursache und Wirkung besagt, dass wir unsere Wahrnehmungen als Wirkungen auffassen und notwendigerweise augenblicklich zu ihren Ursachen übergehen, die wir uns nunmehr als Erscheinungen im Raum und in der Zeit vorstellen.
Der Verstand als Eigenschaft des individualisierten Willens verselbständigt sich allerdings im Laufe seiner Entwicklung und spiegelt unsere Vorstellung der Welt verzerrt wider.
Er entwickelt sich von einem Diener des ursprünglichen Willens zu einer eigenwillig wirkenden Kraft, die alle wahrnehmbaren Erscheinungen in ihre verstandlichen Strukturen von Zeit/Raum und Kausalität einfügt.
So wie eine angestoßene Kugel auf dem Billardtisch in Bewegung geraten muss, so wird der Mensch von da an auf äußere Motive reagieren müssen.
Eine Willensfreiheit wäre „ein unerklärliches Wunder“, sagt Schopenhauer, „nämlich eine Wirkung ohne Ursache […], dabei steht der Verstand still, er hat keine Form, so etwas zu denken“. Alles Geschehen geschieht mit Notwendigkeit, und: „Notwendig ist, was aus einem gegebenen, zureichenden Grunde folgt […], denn alle Gründe sind zwingend."
Schopenhauer sagt, dieser zureichende Grund liege im Charakter des Menschen.
„Die Notwendigkeit, mit der die Motive wie alle anderen Ursachen wirken, ist keine voraussetzungslose […], es ist der angeborene individuelle Charakter, [...] so ist jede Tat eines Menschen das notwendige Produkt seines Charakters und des eingetretenen Motivs." Unsere Taten sind schon in uns angelegt, bevor wir sie ausführen.
Alles, was geschieht, geschieht nach dieser Sicht mit Notwendigkeit, und „durch das, was wir tun, erfahren wir bloß, wer wir sind“.
Gibt es demzufolge keinerlei Freiheit des menschlichen Willens? Nein, in der Welt der Erscheinungen ist sie dem Menschen nicht gegeben. Der Mensch hat jedoch auch Anteil an einer geistigen, intelligiblen Welt: Der in ihm wirkende freie Schöpfungswille wurzelt in diesem transzendenten Sein.
Der Schnittpunkt dieser beiden Seinsebenen ist des Menschen Gewissen, das ihn für seine Taten verantwortlich macht. In ihm begegnen sich die zwei Welten: der Mensch als Erscheinung der Natur und der Mensch als ein freies geistiges Willenswesen. „Diese Freiheit aber ist eine transzendentale, das heißt, nicht in der Erscheinung hervortretende, sondern […] außer aller Zeit, als das innere Wesen des schöpferischen Willens im Menschen […] zu denken.“
Schopenhauer sagt: „Die Freiheit ist also durch meine Darstellung nicht aufgehoben, sondern bloß hinausgerückt […] in eine höhere, aber unserer Erkenntnis nicht so leicht zugänglichen Region: das heißt, sie ist transzendental.“
Der Mensch kann nach ihm durch Einsicht sein in der ursprünglichen, intelligiblen Welt wurzelndes freies Willenswesen erkennen; es wird dann hell und klar in ihm werden. Es ist eine Art Wiedergeburt, in der „also gleichsam ein neuer Mensch an Stelle des alten tritt“. Dann (Schopenhauer beruft sich nun auf Kant) wird der Mensch das Vermögen besitzen, eine Reihe von kausalen Begebenheiten in der Erscheinungswelt von selbst und frei zu verursachen.
Dies ist der eigentliche positive Begriff von Willensfreiheit.
 
 



LITERATURNACHWEIS:
Arthur Schopenhauer, Über die Freiheit des menschlichen Willens, Diogenes 1977
 
Weitere Lektüre: Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung

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