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Klang – Die Verkörperung geistiger Erkenntnis - Teil 3

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Der Titan und das Lied der Erde

Aus dem 18-jährigen Gustav Mahler bricht es hervor: O meine vielgeliebte Erde, wann, ach wann nimmst du den Verlassenen in deinen Schoß? O, nimm den Einsamen auf, den Ruhelosen, allewige Mutter! In einem seiner Briefe heißt es: „Für mich gibt es schon lange keinen Altar mehr, nur stumm und hoch steht über mir der Tempel Gottes, der weite Himmel…“ Seine außergewöhnlich aus der musikalischen Welt gefallene 1. Sinfonie (Der Titan) enthält schon ALLES. Alles Innere teilt sich dem Außen, dem Hörer unmittelbar mit. Die großen Lebenswerke Mahlers klingen bereits an, selbst das Ende: Das „Erwachen der Natur am frühen Morgen.“ War es heute Morgen oder war es der erste Morgen vor 14 Milliarden Jahren? Landleute tanzen, Bruder Jakob, die Tiere des Waldes geleiten den Sarg des verstorbenen Försters zu Grabe: Hasen, Katzen, Unken, Füchse, Vögel – sehr possierlich! Der Aufschrei eines verwundeten Herzens, das Herz reißt sich los aus Höllenschmerzen, es steigt hinauf in die paradiesische Ekstase. – Am Ende steht das „Lied der Erde“, unglaublich subtil und schier unverständlich:

  • Wenn der Kummer naht, liegen wüst die Gärten der Seele…
  • Dunkel ist das Leben, ist der Tod…
  • O sieh! Wie eine Silberbarke schwebt…
  • Alle Sehnsucht will nun träumen…
  • Die Welt schläft ein…
  • Ich suche Ruhe für mein einsam Herz. Ich wandle nach der Heimat…
  • Die liebe Erde allüberall blüht auf im Lenz und grünt aufs Neu! Allüberall und ewig blauen licht die Fernen!
  • Ewig – ewig – ewig – ewig – ewig – ewig ---

Musik aus der Stille

Vor jeder Musik gibt es die Stille. Musik ist keine Musik ohne die Stille. Der erste Ton unterbricht die Stille. Musik ist eine Gestalt aus Stille, Klang, Unterbrechung, Generalpause, Tonerlebnis und Stille. Die Sille darf ebenso wie die Musik nicht gestört werden. In den 10 Geboten für die Zuhörer steht deshalb auch an erster Stelle: „Du sollst nicht husten und nicht zu früh klatschen und keinesfalls an der falschen Stelle klatschen. All das ist unerwünscht.“ Stille will gehört werden. Auch die Mehrstimmigkeit will gehört werden. Nur in der Musik ist das möglich. Sprechen zwei Menschen gleichzeitig, gelangt das Verständnis schnell an seine Grenzen. Eine mehrstimmige Fuge von Bach fordert das Gehör. Der Zusammenklang unterschiedlicher Töne und Klänge lassen jedoch Erstaunen und Beglückung zugleich zu. Abhängig, ob ein Ton gesungen oder mit einem Instrument erzeugt wird, teilen sich dem Hörer Obertöne mit, die in aller Regel dem ganzzahligen Vielfachen der gehörten Frequenz entsprechen. Eine Frequenz von 100 Hertz wird also mit 200, 300, 400 Hertz usw. begleitet. Der Hörer hört also keinen einzelnen Ton mehr, sondern einen Zusammenklang. Oft kommt es beim Musikhören auf die Klangfarbe, die durch die Obertöne erzeugt wird, an. Bei Perkussionsinstrumenten herrschen andere Gesetze. In der Stille gibt es keine Obertöne.

Dies Irae – Der Zorn Gottes -  Actus tragicus

Hermes Trismegistos wird die Beschreibung des Schöpfungsvorganges zugeschrieben:

  • Aus Gott die Ewigkeit.
  • Das Ewige erschafft die Welt.
  • Die Welt trägt ihre Zeit.
  • In ihr entstehen alle Wesen – bis zum Sohn des Himmels.

Johann Sebastian Bach *1685 legt seinem „Actus tragicus“ u.a. die Worte zugrunde:

  • „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit.
  • In ihm leben, weben und sind wir, solange er will…
  • Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
  • Bestelle dein Haus! Denn du wirst sterben und nicht lebendig bleiben.
  • In diesem Krisispunkt verliert der Tod einen Stachel.
  • In deine Hände befehle ich meinen Geist.
  • Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“

Unerwartet ergreift es den Hörer auf den tiefsten Ebenen seiner Wahrnehmung. Die Musik des 20-jährigen Bach lässt den Atem stocken. Hoffnung steht am Ende des Actus tragicus.

Sofia Gubaidulina, eine sehr spirituelle Komponistin der Gegenwart schreibt ein „Dies Irae“ im Lockdown. Der Gotteszorn ist auch im Lockdown erstmals zu hören. Keine Zuhörer! Die Menschheit wird aus dem Vergnügungstanz auf dem Vulkan herausgerissen, indem der Vulkan ausbricht. Wie ist in Zeiten der Pest zu überleben? Angesichts der Zersetzungstendenzen, des Hasses in den Menschen, der Unversöhnlichkeit entlädt Gott seine Wut über die Welt. Der Planet ist gefährdet. Hat der Mensch genügend Energie, die Zerstörung aufzuhalten, den Hass zu überwinden, wieder mit dem Mitmenschen in Dialog zu treten? Bach sagt: „Bestelle dein Haus!“ Gubaidulinas Komposition ist nicht ohne Hoffnungsperspektive. Wie an Fausts sterblichen Überresten zu hören ist: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.-

Sofia Gubaidulina widmet das Werk dem großen Ludwig van Beethoven, der die Widmung nicht ablehnt!

Wir haben ein Gehör, aber wir wollen nicht hören. Klimawandel, Umweltschutz, Tierschutz sind unbrauchbare Begriffe. Der Mensch will nicht hören. Er scheint nur zum Nehmen geeignet – nur zur Zerstörung. Bach lässt in seinem Actus tragicus eine Blockflöte und eine Bassstimme singen: Bestelle dein Haus! Der Mensch braucht die Natur; die Natur braucht den Menschen nicht. „Bestelle dein Haus! Bereite dich auf Wandlung vor! Wenn du deinen Schmerz reduzieren willst: Verringere deine CO2-Fußabdruck, wirf keine Kippen, keinen Kunststoff, keinen Mund-Nasenschutz achtlos auf die Straße. Finde Wege, mit Tieren, Pflanzen und den Ressourcen in Koexistenz zu leben.

Der Actus tragicus heißt auch: Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit! Denn Gott schuf die Ewigkeit – sonst nichts! Bach: Ach Herr, lehre uns verstehen.

Vor 65 Millionen Jahren gehen die Dinosaurier unter – ein Meteoriteneinschlag. Die Atmosphäre ändert sich. Die großen Bäume sterben aus, die Pflanzenfresser sterben aus, die Carnivoren sterben aus. Die Raptoren sind sehr intelligent, vielleicht intelligenter als wir Menschen. Sie verfügen über ein zusätzliches Gehirnteil mit dem sie über weite Entfernungen kommunizieren und gemeinsam solidarisch handeln können. Intelligent und bis an die Zähne bewaffnet sind sie fast nicht zu besiegen – aber sie sterben aus. Die Situation heute ist vergleichbar. Wir sind bis an die Zähne bewaffnet, aber nicht solidarisch. Wir könnten solidarisch sein. Ego gegen Ego, eine Form der Selbstvernichtung der Spezies? Oder geht es noch mal? Bestelle dein Haus! – In deine Hände lege ich mein Schicksal. – Und heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein? Wir wollen den alten barocken Kram nicht mehr hören. Also wieder ein Meteorit? Die Erde schreit nicht nur auf La Palma. Hören und verstehen wir die Sprache? Die Worte des Anfangs? Die Blockflöte Bachs, das Lied der Erde Mahlers, der Mut von Beethovens Fidelio und das Dies Irae, der Zorn Gottes, der über uns kommt? Wir wollen das nicht hören! Nach dem Klang, nach dem Schreien, nach den Worten wird wieder Stille eintreten. Vielleicht eine barocke Stille: Glorie, Lob, Ehr und Herrlichkeit …

 

 

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