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Klang – Eine Verkörperung geistiger Erkenntnis - Teil 1

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Am Anfang war das Wort, doch es ist fort. Nur das Horchen kann das Wort wiederfinden.

„Am Anfang war das Wort“, sagt die Bibel.

Hermes Trismegistos: Gott schafft die Ewigkeit – die Ewigkeit schafft den Kosmos, der Kosmos schafft die Zeit und die Zeit das Werden…

Rig Veda: Blickend hinaus in die Ewigkeit, ehe der Existenz Grund gelegt gewesen, warst Du… O endlos Denken, göttliche Ewigkeit.

Dzyan: Nichts war. Die Ursachen des Seins waren beseitigt. Das Sichtbare, das war und das Unsichtbare, das ist, ruhten im ewigen Nichtsein: dem Einen Sein.

Savitri: Es war die Stunde, ehe die Götter erwachen. Den Pfad des göttlichen Ereignisses versperrend lag das die Zukunft ahnende gewaltige Mental der Nacht allein… bewegungslos am Saum des Schweigens hingestreckt.

Dann gibt es noch das Geräusch des Urknalls, der Schöpfungsklang, leiser werdend, leiser werdend. Das Hintergrundrauschen im All ist feststellbar. Ist das das Wort des Anfangs?

Das Gehör hört am liebsten schon Bekanntes, mit angenehmen Erinnerungen Verbundenes. Das Gehör ist oft auf der Suche nach solchen frühen Erinnerungen. Was ihm wichtig erscheint, hebt das Denkorgan aus unzähligen anderen Informationen hervor und verstärkt es. 

So ist es beim Ruf der Kraniche. Er ist bei mir eingebrannt. Ich höre Kraniche auch bei geschlossenen Fenstern. In meinen kindlichen Erinnerungen höre und suche ich im Radio Händels Feuerwerksmusik, das Halleluja aus dem Messias und “Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ Oder die Seraphim und Cherubim aus dem Dettinger Te Deum Händels. Aber auch Mozarts „Königin der Nacht“, auch die Gefangenenchöre von Verdi und Beethoven: O welche Lust, in freier Luft, den Atem leicht zu heben! Nur hier ist Leben!

Diese Musik und viele andere Stücke sind für mich Worte des Anfangs. Auch Johann Sebastian Bach gehört dazu: „Willst du dein Herz mir schenken“ auf einer alten Single-Platte meiner Großmutter. Mein Gehör sucht immer wieder danach und nach anderen Werken. Daran hängt die Existenz. Worte des Anfangs! Wahrscheinlich sucht mein Inneres noch etwas anderes, das Wort des Logos, das Urwort, es ist bekannt, aber verloren gegangen… Ein nicht unbedeutender Aspekt ist: Die Cochlea (die Schnecke im Innenohr), das knöcherne Labyrinth (inneres Hörorgan) und das Außen-Ohr haben Formen, die dem goldenen Schnitt bzw. der Fibonacci-Spirale entsprechen. Diese Organe wollen das wahrnehmen, was mit dem goldenen Schnitt und der Fibonacci-Spirale resoniert.

Aspekte der Geisteswissenschaft: Tonerlebnis und -Wirkung

Ohne Hören existieren wir nicht – zumindest unvollständig. Was wir persönlich sind, ist abhängig von unserem Gehör. Das lateinische Wort „personare“ bedeutet: das Durchklingende. Bei den meisten Aktivitäten verursachen wir Töne, keine Bilder. Wir erzeugen Klang, nicht Licht. Etwa 50 Tage nach der Befruchtung beginnt das Embryo zu hören. Wir nehmen allenthalben Stimmen, Klänge und Geräusche wahr. Im Mutterleib wird bereits unsere Sympathie dafür entwickelt, was wir kennen und positiv bewerten. Unser Widerstand entwickelt sich schon dann gegen unangenehme Klänge und Geräusche.

Rudolf Steiner sieht es als Vorurteil an, wenn ein Mensch glaubt, Gedanken seien nur in den Köpfen der Menschen. Vielmehr sind die Gedanken die Kräfte und Energien in den Dingen. Ein alter Grieche hätte es so erklärt: Indem ich meinen geistigen Blick den Wesen zuwende, die nach den griechischen Mysterien für die Form zuständig sind, erfahre ich von deren Gedanken, die befruchtend in den Ereignissen der Welt wirken. In der christlichen Terminologie wären diese Wesen auf den Hierarchiestufen der Engel die Exusiai, den formgebenden Kräften im kosmischen Plan zu verorten. Aufgrund der Durchlässigkeit der Hierarchiestufen ist mittlerweile auch die darunter liegende Stufe der Engel, die Archai (die Urbeginne) in der Lage die Formgebung zu gestalten. Farbgebung und Klangfarben nähern sich an. So ist es vielen Menschen, besonders Musikern gegeben, Töne farblich wahrzunehmen. So entwickelte beispielsweise der russische Komponist Alexander Skrjabin  Musikinstrumente, die neben den Tönen auch die dazugehörigen Farben erkennbar machen.

Das Geheimnis der menschlichen Evolution wird entschleiert durch Erkenntnis, Religion und Kunst. An diesem Dreiklang der Wahrnehmungsmöglichkeiten wird erkennbar, auf welchen Gebieten der Mensch aktiv werden muss, um seine existenzielle Entfaltung zur vollen Ausprägung zu entwickeln. Wer heute behauptet, er habe mit Religion nichts am Hut, muss dringend prüfen, ob er sich nicht von einem wesentlichen Teil seiner potentiellen Möglichkeiten abschneidet. Um dem Ziel näher zu kommen, die Götter wiederzufinden, müssten wir mit unseren Sinnesorganen das Geistige, das keimhaft in uns ist, zur Entwicklung bringen.

Der Wüstenmull kann nur hören. Er ist blind und hat doch im extremsten Umfeld Anteil an der Weltseele. Er ist nicht abgeschnitten vom Wort des Anfangs.

Natur und Gehör sind nicht kompatibel. Der Mensch ist nicht kompatibel.

Bereits 20 Jahre alt ist das Werk von Sofia Gubaidulina *) 1931 mit dem hoffnungsvollen Titel „Das Licht des Endes“. Musikalisch wird das Dilemma offensichtlich: Die Naturtöne des Horns und die temperierte Stimmung des Streicherapparates sind nicht zu harmonisieren. Die Naturton-Hörner reiben sich unaufhörlich mit der Orchesterstimmung. Der Konflikt ist jedoch nicht nur eine Frage der Instrumente, sondern der Mensch und die Natur scheinen nicht zusammen zu passen. Der Mensch nutzt die Natur, beutet sie aus, nimmt ständig mehr, als diese zu geben in der Lage ist. Der weltweite Ressourcenverbrauch ist dramatisch ins Ungleichgewicht geraten. Hinzu kommt, dass der Mensch die Natur als Lebensgrundlage nicht respektiert. Er verpestet die Umwelt, die Ozeane, die Atemluft, als gäbe es kein Morgen. Wer hat eigentlich die Öltanks und die ungebändigte Kloake nach dem Starkregen in Rheinland-Pfalz und NRW aus dem Niederrhein gefischt, bevor der gesamte menschliche Abfall die Nordsee weiter verseucht? Gibt es ein Licht des Endes? Natur und Mensch reiben sich. Können wir das noch lange aushalten? Was ist mit den Reibungsenergien? Sind sie positiv zu nutzen? Gubaidulinas Musik lässt Hoffnung wahrnehmen, trotz Reibung und Unversöhnlichkeit.

Licht ist ein eigentümliches Medium. Es ist zu fühlen. Es ist zu sehen. Auch schon wahrnehmbar in völliger Dunkelheit – die Morgenröte. Oder es ist der Widerhall des Urschreis des Schöpfungsaugenblicks, das kosmische Hintergrundrauschen. Der Kabbalist, Shim`on Lavi, beschreibt es so: „Mit dem Erscheinen des Lichts dehnte sich das Universum aus. Mit der Verhüllung des Lichts werden alle Dinge, die existieren, in ihrer Vielfalt erschaffen. Das ist das Geheimnis des Schöpfungsaktes.“ Vermurkst der Mensch den Prozess, weil er nicht mehr hören, nicht mehr richtig wahrnehmen kann? Er ist nicht mehr im Einklang; er ist nicht mehr kompatibel.

(wird fortgesetzt in Teil 2)

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