violin

Klang - Eine Verkörperung geistiger Erkenntnis - Teil 2

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Die Quellen des Hörsinns

Das Musikalische hat wahrscheinlich seine wahren Wurzeln im alten Atlantis. Quellen, die u.a. der Akasha-Chronik zuzurechnen sind, verdeutlichen vage, dass Sprache nicht in der Lage war, Sehnsüchte, das Verlangen nach Höherem zu beschreiben und noch weniger, diese auf eine religiöse Instanz zu projizieren. Rudimentäre Klänge (Musik) dürften die Vorstellung genährt haben, dass im frühzeitlichen Menschen geistige Kommunikation denkbar ist.: Gebet, Religion, Schutz und Trost der großen Mutter.

Im alten Indien entwickelt sich für westliche Ohren eine unverständliche Tonleiter und eine rhythmische Gestalt, der bis heute nur schwer zu folgen ist. Die westliche Musik hat erst Ende des 20. Jahrhunderts versucht, Annäherungen und Kombinationen zu ermöglichen. Es sei auf George Harrison, Ravi Shankar und Yehudi Menuhin verwiesen. Jahrtausende ist indische Musik mit Meditation, Mantras und Versenkungsprozessen verbunden, sodass indische Menschen über lange Zeiten kontemplative Naturen ausbilden.

Betrachtet man die Musik im alten Ägypten, lässt sich eine Bewegung vom Feinstofflichen zum Grobstofflichen feststellen. Parallel ist eine Entwicklung vom Mentalen zum Gefühlsorganismus, der weniger feinstofflich ist, spürbar. In den spirituellen Schulen der Ägypter, den Mysterien, ist u.a. die Musik das Mittel, die einzuweihenden Kandidaten in einem Tempelschlaf in Trance zu versetzen. In diesem Zustand wurde und wird dem Menschen bewusst, dass sich der Astralkörper/ das Gefühlswesen vom physischen Körper trennen kann und er gelangt zu der Erfahrung, dass er unsterblich ist. Paradiesische und satanische Räume können durchschritten werden und der Aufstieg in himmlische Regionen entspricht dem Erlebnis der Auferstehung. Diese Prozesse werden kurzerhand in die christliche Liturgie übernommen und so basiert die Christenlehre auf der ägyptischen Magie: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“

Während es bei dem indischen Mystiker um Glückseligkeit und Ekstase geht, beabsichtigt der Ägypter, das Wissen zu erwerben, unter welchen Bedingungen experimentiert werden kann. Das sog. christliche Abendland verdankt der ägyptischen Kultur, Zeremonien und rituelles Handeln gezielt einzusetzen. In Ägypten sind es die Adepten und Eingeweihten, die diese magischen Mittel nutzen, während das ägyptische Volk in Unwissenheit verharrt. Nicht viel anders ist es im heutigen Christentum. Viele Religionssysteme entwickeln Aberglauben und verlieren ihren reinen und hochstehenden Ursprung.

In Griechenland entsteht die europäische auf Halbtönen basierende Musik. Platon und Aristoteles ordnen den bereits in Griechenland entwickelten 3 ursprünglichen Tonarten (dorisch, lydisch und phrygisch) differenzierte Wesenszustände zu. So soll die dorische Tonart Selbstachtung und Achtung vor dem Staat bewirken, die lydische Tonart die Sinnlichkeit befördern und die phrygische Selbstbeherrschung und Würde verursachen.

Anschließend lassen sich vielleicht die Menschen der drei musikalischen Ursprungsgebiete grob aufgrund der unterschiedlichen Klangbedeutungen und -Wirkungen unterscheiden:

  • Der Hindu suchte träumerische Kontemplation.
  • Der Ägypter wollte die Magie entwickeln, wissenschaftlich die Vorstellungsgrenzen zu überwinden.
  • Der hellenische Mensch bevorzugte die Qualität des Körperlichen, was auch die idealisierende Kunst der Griechen unterstreicht.

Während einerseits hohe Reinheit, Kunstfertigkeit und Weisheit zu beobachten ist, entwickeln sich andererseits Moralvorstellungen, Scheinheiligkeit, Dogmen und Aberglauben, so dass Spiritualität und Schönheit auseinanderdividiert und die Empfindung der Einheit, des Einklanges zerstört wird. Ein Prozess, der bis zum heutigen Tag fortdauert.

Die Degeneration des Gehörs in der Moderne

Theodor W. Adorno beschäftigt sich intensiv mit dem Verfall des musikalischen Geschmackes im 20. Jahrhundert und der Regression des Hörens. Hierbei betrachtet er soziologische, musikalische und ästhetische Aspekte, die er kräftig vermischt. Hier soll nur die Degressionstendenz näher beleuchtet werden und nicht der wissenschaftliche Gesamtzusammenhang und die Details. Interessant ist vielleicht die Aktualität des Themas in der aktuellen Covid 19-Situation. Adorno macht seine Beobachtung u.a. an dem Vorkriegsschlager „Puppchen, du bist mein Augenstern, Puppchen hab dich zum Fressen gern“, fest. Nach Zeiten der Depression und der Fixierung auf Größenwahn, Mord und Todschlag und durchlittener unerträglicher Leidphasen, benötigt der Mensch ein Ventil, Frust und Versteinerung abzuschütteln, zu tanzen und zu feiern, ohne den hohen Anspruch. Dies scheint auch z.Z. beobachtbar: Mit der Sehnsucht nach Party und Vergnügen will der Mensch die allgegenwärtige Verpanzerung und empfundene Gängelung abwerfen. Aus diesem Grund scheint mir das Beispiel Adornos als eher nicht gerechtfertigt. Aber zum Prinzipiellen: Die explosionsartige Verflachung des Musikgeschmacks und der Hörgewohnheiten vieler Zeitgenossen führt, so Adorno, zu einem Verlust der Hörfähigkeit. Folge ist eine Fixierung des Bewusstseins auf einer infantilen Stufe mit dem Verlust der Fähigkeit, Erkenntnisse aus der Sprache der Musik zu ziehen. Er beschreibt es als Krankheit mit konservierender Bedeutung. Die Allgegenwart von Jazzmusik und Schlager fördere die Dekonzentration und führe zu dem, was das Wort „Unterhaltungsmusik“ aussagt: Das Untenhalten des Menschen auf niedrigem fast unbewussten Niveau. Das Hören degeneriert auf eine niedrige Stufe und eine Höherentwicklung vom alltäglichen Gedudel zur Rezeption einer Wagneroper scheint auf Dauer sehr unwahrscheinlich.

Die Prägung des Gehörs in der Mutter

Alfred A. Tomatis, Arzt und Hochschullehrer, beschäftigt sich Jahrzehnte wissenschaftlich und medizinisch mit dem Gehör des Menschen. Er postuliert, dass die seelische Prägung bereits sehr früh im Mutterleib beginnt. Im Uterus werden das Mental- und Gefühlswesen sowie die Sprachfähigkeit maßgeblich entfaltet und gefördert. Das Hör- und Gleichgewichtssystem wird bereits im Anfangsstadium der menschlichen Entwicklung perfektioniert. Die Stimme der Mutter hat dabei eine ganz wesentliche Funktion. Sie vermittelt im frühesten Stadium der Existenz den Klang des Lebens. Und vielleicht lässt dies die Schlussfolgerung zu, dass ein wesentlicher Teil der Sinnfrage beantwortbar ist: Es geht in der Evolution u.a. um die Vervollständigung des Horchens. Derjenige, der in der Lage ist, zu hören, befähigt sich, das Wort des Anfangs wieder zu erfassen …

Das Sehen präjudiziert das Gehörte

Ich glaube nur, was ich sehe! Das muss ich erst sehen, bevor ich das als Wahrheit anerkenne… Eine Lawine von Bildern schlägt über uns zusammen: Fernsehen, Internet, Smartphone, und die Einfachheit alles per Foto und Selfie festzuhalten dominieren die Wahrnehmung unbeschreiblich intensiv.

In einem Theater sitzen drei Schauspieler auf Stühlen und lesen ihre Texte vor. Sie spielen nicht Othello oder Romeo und Julia. In der Vorstellung des Hörers setzt sich ein kreativer Prozess in Gang. Das Gehörte verwandelt sich in Bilder, in einen eigenen Film. Am Ende hat jeder sein eigenes Erlebnis empfunden, schlechtestenfalls nimmt er nur die Vortragsqualität der Lesenden wahr. Der das Gehirn anregende Vorteil des Hörspiels gegenüber dem Schauspiel scheint eklatant zu sein. Kann unser Bewusstsein angesichts der Bilderflut noch frei feststellen, ob es Informationen aus erster Hand erhält oder manipuliert wird? Bin ich mit dem Hören näher an der Realität? Ich höre am liebsten, was ich schon kenne – auch so ein die Wahrnehmung verfälschender Filter.

Das Unerhörte: Die Kreutzersonate

Zwischen dem Oratorium „Christus auf dem Ölberge“ und der „Eroica“ schreibt Ludwig van Beethoven eine Sonate für Violine und Klavier op. 47, die sogenannte Kreutzersonate. Sämtliche bisherigen Konventionen werden überwunden und das Begleitinstrument Violine wird endgültig aus dem Schattendasein gerissen und übernimmt die Initiative, Gefühle auszulösen, die vorher unbekannt waren: Eine Wende, Unbegreifliches, Verdrängtes, Verborgenes ins Licht des Tages zu zerren. Keine Hausmusik, nur Spitzengeiger können das interpretieren. Musiker und Hörer werden hilflos zurückgelassen. Denken und Emotionen werden aus dem Alltäglichen gerissen, das Patriarchale fliegt in die Tonne, das Weibliche entfaltet seine betörende und harmonisierende Kraft. Tolstoi beschreibt in seiner Erzählung „Die Kreutzersonate“ die Gefährlichkeit der Musik, erotische Gefühle hervorzurufen, ein Anschlag, der das russische Selbstverständnis männlicher Dominanz in Frage stellt. Eine russische Revolution! Beethoven reißt mit dieser Sonate unerhörter Radikalität Grenzen des Ausdrucks ein, formt eine neue Dialektik oder ist es gar die Formulierung des neuen Menschheitsweges? Ein Menschheitsweg der Zusammenarbeit der Solidarität? Musiker und Hörer werden unmittelbar mit der Gefühlswelt des Schöpfers verbunden. Die alten Kräfte widersetzen sich bis heute – aber auf Dauer? Was ist dem Nichts noch entgegenzusetzen?

(wird fortgesetzt in Teil 3)

 

 

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