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Kreise von Klängen

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Kaum schimmert die Morgendämmerung am Horizont, ertönt der Klang von weit her. Die erste Amsel stimmt ihr Lied an: Die Nacht ist vorbei, die Sonne kommt! Bald schallt eine andere von fast ebenso weit, dann die nächste, und die nächste, immer näher rückt der Klang. So breitet sich jeden Morgen der Amselgesang über das Land aus. Vom Vorfrühling bis zum frühen Winter bringen die Sonnenboten eine Folge klarer Melodien – die kurze Pause während der Mauserzeit verzeiht man ihnen von ganzem Herzen. Ein großes Netz des Gesangs spannt sich vor dem Licht auf, Kreise des Lobes. Es scheint, dass jede Amsel genau 20 Minuten vor Sonnenaufgang beginnt. Sie bilden die Ouvertüre zu einer Sinfonie: Später kommen die kleineren Singvögel hinzu und vervollständigen mit feineren Motiven die Melodielinien. Wird man davon geweckt, kann der Tag nicht besser beginnen.

Man muss kein Experte sein, um zu merken, dass jeder Vogel seine eigenen, einzigartigen Melodien hat, die sowohl klar wie auch warm erklingen. Manchmal ist da ein Anfänger, einer, der nicht weiter kommt als zwei Töne: „tüü tüü“, gefolgt von einem unbeholfenen kurzen „riff“. Und doch ist auch er Teil des großen Ganzen, auch diese Amsel weckt eine andere. Die Ankündigung des Tages ist nicht zu überhören, und das ist seit Jahrhunderten so. Ein glorreiches Geschenk der Schöpfung. Es ist nicht verwunderlich, dass dieser Vogelgesang für Paul McCartney die Inspiration für Blackbird war, einen der schönsten Popsongs des letzten Jahrhunderts, der auf einem Stück von Bach basiert.

Biologen sagen, dass Vögel singen, um ihr Revier zu markieren. Das tun sie sicherlich, und auch auf andere Weise. Wie aggressiv sie manchmal während der Paarungszeit sind, in der manche keinen anderen in ihre Sichtweite lassen! Aber gleichzeitig erschaffen sie mit ihrem Gesang ein melodiöses Netz aus ineinander verschlungenen Klangkreisen. Wie weit reicht ihr Gesang? Zumindest weit genug, um den nächsten Vogel zu seinen eigenen Tönen zu inspirieren. In Variationen von Ton, Melodie, Klangfarbe und Rhythmus bringen sie ihre Empfänglichkeit für das Licht zum Ausdruck. Bei jedem Wetter, selbst wenn es stürmisch ist oder im März noch Schneeschauer kommen, entfaltet sich der Vogelgesang vor Sonnenaufgang wie ein federartiges Gewebe, das die Menschen zum Zuhören auffordert. Achten wir einmal auf die Reaktion eines kleinen Kindes, wenn es eine Amsel singen hört, und wir können erleben, wie empfänglich wir in unserem tieferen Wesen für den Gesang dieser Lichtboten sind.

Die Natur wurde uns als Spiegel gegeben, aber wenn wir es wagen, uns zu öffnen und bereit sind, über uns nachzudenken, kann sie uns auch als Leitfaden dienen. Sie ist von derselben Kraft beseelt, die auch uns Menschen antreibt, uns dem Licht zuzuwenden. Es ist auffällig, dass wir dazu neigen, dieses Licht, die Wärme, das Glück außerhalb von uns zu suchen. Früher oder später stoßen wir jedoch auf das Gefühl, dass wir eigentlich schon alles getan und gesehen haben und doch alles beim Alten geblieben ist. Dennoch sucht jeder weiter, es scheint uns eingeboren zu sein. Aber vielleicht suchen wir nicht in der richtigen Richtung. Warum wenden wir uns nicht nach innen, auf unser eigenes Inneres? Der Funke, der dort ruht, ist ein kleiner, aber wirksamer Rest der Lichtkraft, die jedes Lebewesen inspiriert. Beim Menschen ist diese Kraft im Innern und wartet darauf, entdeckt zu werden. Der Mystiker Karl von Eckartshausen (1752-1803) beschreibt es so:

Mitteilung ist dem Licht eigen, wo Lichtaufnahme und Lichtempfänglichkeit ist. Es drängt sich aber nirgends auf und erwartet ruhige Aufnahme. [1]

Das Licht ist für alle da, für jung und alt, Mann und Frau, unabhängig von Bildungsstand, gesellschaftlicher Stellung, Hautfarbe, sozialer Herkunft. Ob wir eine einfache Melodie singen oder hoch vom Turm blasen, es will sich jedem Lichtsuchenden mitteilen; es wartet in aller Stille, bis wir bereit sind. Und wenn der Moment gekommen ist, öffnet sich unser Bewusstsein für einen silbrigen Chorgesang und einen Schatz an Licht und Farben von unermesslicher Intensität, der unsere Vorstellungskraft weit übersteigt. Der wunderschöne Morgenchor der Amseln ist ein kleiner Vorbote davon.

Blackbird

Blackbird singing in the dead of night

Take these broken wings and learn to fly

All your life

You were only waiting for this moment to arise

Blackbird singing in the dead of night

Take these sunken eyes and learn to see

All your life

You were only waiting for this moment to be free

Blackbird fly, blackbird fly

Into the light of a dark black night

Die Beatles [2]

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Quellen:

[1] Karl von Eckartshausen, Die Wolke über dem Heiligtum, Dritter Brief, Haarlem 1979, S. 47

[2] Wings - Blackbird - YouTube

Paul McCartney - Blackbird (The Beatles) | Die Geschichte hinter dem Song - YouTube

 

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