Art 1

„Kunst ist Medium der Begegnung und Verwandlung“ (RR 1988) – Teil 1

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PE  Robert, du hast zusammen mit Barbara Meisner im April 2021 ein Atelier im Hermessaal des Konferenzzentrums Christianopolis in Birnbach/Ww. eingerichtet, und ihr seid für sieben Monate an den Wochenenden in eine Malklausur gegangen. Es war ein gemeinsamer Prozess, in dem ihr Bildwerke schuft, die sowohl zueinander als auch zum Raum in Beziehung traten. Die Vernissage fand am 13. November 2021 statt. Ihr habt beide nebeneinander auf jeweils eure unverwechselbar-einzigartige Weise gearbeitet, doch in der Ausstellung ergab sich daraus eine gemeinsame Gestalt, bei der sich eure Arbeiten in Farbe, malerischem Gestus und Atmosphäre aufeinander beziehen und zusammen ein Schwingungsfeld kreieren.

Gern möchte ich dich auf die Frage der Freiheit ansprechen. Was denkst du über Freiheit in Bezug auf Kunst und deine Malerei?

RR  Dazu möchte ich ein Zitat aus dem I Ging voranstellen: Wenn das Begehren schweigt, der Wille zur Ruhe kommt, dann tritt die Welt als Vorstellung in die Erscheinung und als solche ist sie schön und dem Kampf des Daseins entronnen. Das ist die Welt der Kunst.

Der Künstler ist vogelfrei, er enthebt sich immer wieder den einschränkenden Bedingungen, den normierten Erwartungen und eingeschliffenen Qualitätsstandards, wenn er seinen eigenen Weg finden möchte und immer wieder antritt, originäre und ausdrucksstarke Gestaltungsformen zu entwickeln.

Es sind innere Vorgänge wie bei einer Meditation

Und dabei muss er ständig auf der Hut sein, nicht abzustürzen oder in selbstverliebte Egofallen zu geraten. Es ist ein ständiges inneres Ringen um Selbstausdruck und um eine gelingende bildnerische Gestalt. In diesem Prozess bin ich sowohl mit inneren Zwängen, vergangenen traumatischen Erfahrungen, meinen inneren Schattenanteilen und Sehnsüchten als auch mit meinen Ohnmacht- und Allmacht-Phantasien konfrontiert.

Ich versuche erst gar nicht, all diese psychischen Dynamiken und miteinander ringenden Persönlichkeitsanteile auszublenden, vielmehr besteht meine innere Freiheit darin, dass ich sie als Akteure beobachte und mich dabei ganz dem Malprozess hingebe, dort entladen sich solche inneren Anteile und manifestieren sich im Werden der Bildgestalt, ohne dass ich mich mit einem dieser inneren Wirkungselemente identifiziere.

Ich stelle gewissermaßen den inneren Leerraum als Bühne zur Verfügung und halte dabei Präsenz und Energie. Im Grunde genommen sind es innere Vorgänge wie bei einer Meditation, in der ich den inneren Beobachter stärke, mit dem Unterschied, dass der gesamte kontemplative Malprozess samt seiner ambivalenten Dynamiken sich letzten Endes zu einer komplexe Bildgestalt verdichtet.

Daher spreche ich von „Malklausur“ und einem kontemplativen Malprozess. Meine Bilder können dann wiederum gleich einem Mantra als ein Kontemplationsobjekt benutzt werden, das quasi eine Brücke zu inneren Seelenlandschaften schlägt und eingefrorene Energien zu befreien vermag. So kann man in der „reinen Anschauung“ und einem Pendeln zwischen bildnerischem Geschehen und inneren Assoziationen wieder in den eigenen vitalen Lebensfluss kommen.

PE  Kunst und spirituelle und auch therapeutische Vorgänge siehst du also miteinander verbunden.

RR  Ja, es kommt zu Momenten befreiender Selbsterkenntnis, Momenten einer befreiend heilsamen Katharsis und der gleichzeitigen Erfahrung von beglückenden und unterhaltsamen Dimensionen des inneren Geschehens, sodass wir schmunzelnd Abstand zu gewinnen vermögen von den inneren und äußeren Dramen unserer Existenz.

Auf solcherart ästhetisch-kontemplative Kunsterfahrung ziele ich ab, genau darin offenbaren sich für mich eine spirituelle Dimension und Akte von Selbst-Befreiung.

PE  Könntest du auf dieses Befreiende noch näher eingehen?

RR  Kunstanschauung und künstlerisches Schaffen eröffnen Freiräume, in denen wir unsere begrenzenden Vorstellungen von der Welt und über uns selbst erweitern und überwinden können. Wenn wir uns künstlerisch-schöpferischen Prozessen, respektive einer ästhetischen Rezeption vorbehaltlos ganz und gar hingeben, können wir im Prozess der Anschauung aufgehen und selbstvergessen über uns selbst hinauswachsen und unsere bewussten und einengenden Intentionen und Ambitionen überwinden. In diesem inneren, ästhetischen Geschehen drückt sich Nicht-Gesagtes, Verdrängtes, Traumatisches durch die künstlerische Form aus, durch die es gebannt wird und zeitigt eine befreiend heilsame Wirkung, wie sie auch unsere Träume bewerkstelligen.

Denn all das Unausgedrückte und Tabuisierte hat Macht über uns und blockiert Energie. Künstlerische Praxis, ästhetische Rezeption und Anverwandlung vermögen unsere inneren vitalen Ströme wieder ins Fließen zu bringen, neu auszurichten und dabei durch die ästhetische Gestalt zu kanalisieren. Kunst kann das Dunkle und Lichte in Einklang bringen und durch die künstlerische Form transformieren und versöhnen. Sie kann uns aus Ängsten befreien und uns aus dem Bann des Übermächtigen erlösen. Hierin liegt wohl auch der kultische Ursprung künstlerisch-ästhetischer Praktiken, der zehntausende von Jahren alt ist.

Das Mysterium des Schöpferischen wird offenbar

Solcherart ästhetischer Transzendierung erlebe ich als einen Befreiungsakt. So gerät für mich der schöpferische Prozess zu einem „himmlischen Ritual“ und überwindet die Gravitation existenziell-kruder Unbilden, jenseits eitler Verklärung und Schönfärberei. Es hat nichts mit Bekehrung zu tun, vielmehr eröffnet Kunst mit intuitiver Intelligenz ein Erlebnisfeld und katapultiert uns sinnlich-sinnfällig in geistige Sphären und Schwingungsfelder jenseits einer intellektuell-analytischen Vernunft, so dass das Mysterium des Schöpferischen offenbar wird und unsere Essenz und innere Kraft freigesetzt werden.

PE  Wenn deine Bilder mich in ihren Bann ziehen, befreien sie mich also gleichzeitig.

RR  Das ist eine schöne Beobachtung. Kunst vermag uns zu befreien, indem sie uns fesselt. Und Kunst führt zu Kunst. Und wie kommen wir zur Kunst? Sehr oft führt gerade unsere innere oder äußere Unfreiheit zur Kunst, da wir die geistigen, sozialen, ökonomischen und politischen Begrenzungen mit Hilfe der Kunst zu überwinden vermögen.
Die Kunst führt nicht zur Freiheit im Denken; Kunst ist eine Form von befreitem Denken, das nicht durch Begriffe begrenzt wird. Kunst findet immer wieder Formen, das Schreckliche und den Schmerz auf eine Weise zum Ausdruck zu bringen, so dass die Seele sich versöhnt mit sich selbst und die Klarheit des Geistes nicht vernebelt wird. Kunst lichtet die Abgründe unserer Existenz auf eine heilsame Weise.

PE  Ich finde, das sind gute und starke Wegbereiter, um sich deinen Werken zu nähern.

(wird fortgesetzt in Teil 2)

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