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Kunst und Erkenntnis als Aufbruch nach Innen Teil 6

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Die Mitte

Die Mitte, das ist die fünfte Himmelsrichtung. Das ist der fünfte platonische Körper, der für den Himmel steht: der Dodekaeder und das Pentagramm mit dem Goldenen Schnitt, die vertikale Dimension. Diese Mitte ist allerdings nicht das fade, mittelmäßig soßige Gemisch schlaff gewordener Gegensätze. Diese Mitte ist der königliche Sitz der zentralen Kraft, von dem aus sich die Gegensätze als Flügel entfalten. Diese Mitte ist innen. Doch dieses „Innen“ ist nicht jenes „Innen“, das verborgen unter einer Oberfläche liegt und mit Mikroskopen erforscht und mit Skalpellen aufgedeckt werden kann. Dieses Innen ist viel eher ein leerer Raum, das Innere eines Tempels, dessen höchster Zweck es ist, Gefäß einer höheren Ebene der Wirklichkeit zu sein. Ein hochgestimmter, atmosphärisch präparierter Raum, in dem die geistig-seelische Dimension ankommen kann, in den sie sich einsenken kann, um von dort aus zu wirken. Das bedeutet dann: mit der Kraft der Seele und des Geistes in die psychischen und körperlichen Zellen hinabzusteigen, um diese zu durchlichten und fruchtbar zu machen für das Wachstum des inneren Menschen.

Die Kunst ist hier eine Werkstatt, eine Schule der Erkenntnis, die über das Wissen zur Weisheit und über die Emotion zur Liebe leitet, dem Ganzen zugehörend. Kunst teilt nicht in Gut und Böse. Sie arbeitet mit allem als ihrer Substanz. Sie schmiedet am innersten Herzfeuer. Sie löst auf und bindet und bildet neu.

Kunst kann den Schrei der Existenz in Sinfonien verwandeln, die sich wie Blüten öffnen, um das zu empfangen, was über den Menschen hinausreicht und zugleich dessen tiefster Grund ist. Das kann nur subjektiv geschehen, doch es kann nur gelingen, wenn die Ausrichtung aufs Ganze gerichtet ist. Einige Künstler sind Spezialisten fürs Ganze.

Die Kunst wird durch ein Ich, durch die Person geschaffen. Wenn es sich um einen spirituellen Prozess und nicht um eine Ich-Präsentation ­handelt, unterzieht sie sich selbst notwendigerweise einem radikalen Transformationsprozess. Das ist mit einem Satz auf den Punkt zu bringen: Ich bin zwar nicht das Ziel, aber ohne mich kann ich es nicht erreichen.

Schleier der Isis

Ich möchte den Schleier der Isis, nach so viel Einsicht und Wissen über das „Dahinter“, mit all den Folgen, die wir „Zauberlehrlinge“ heraufbeschworen haben, nicht weiter lüften wollen. Die Entdeckun­gen und die Beherrschung der Natur haben keinen Bestand und sind gefährlich, wenn der Mensch nicht zugleich sich selber kennen und zu beherrschen lernt. Da ist der Ort, wo es weiter geht. Dieser innere Arbeitsplatz ist unkündbar. Die Meister, die das lehren, sind zahlreich. Einer der geduldigsten ist die offenbare, universelle Natur selbst. Die Natur ist Ausdruck einer nicht anthropozentrischen Intelligenz, die durch ihre Gestalten in Erscheinung tritt und interpretiert werden kann. Ihre Deutungsdimensionen tendieren nach unendlich.

Keine Deutung vermag das Ganze zu fassen, und doch: Das Ganze ist auch im Besonderen, Gesonderten, Fragmentarischen. Dort scheint es auf. Ein Tropfen Wasser ist fast nichts, dennoch träumt darin der Ozean. Der Grashalm, vom Rasenmäher als einzelne Gestalt nicht registriert, ist ein erstaunliches Gebilde aus Elastizität und Stabilität und manifestiert eine Synthese von Richtungskraft, Zartheit und Eleganz. Wahrnehmung veranlasst Deutung, und Deuten veranlasst Werten und somit einen ständigen, meist unbewussten schöpferischen Akt fließender Weltbilderzeugung. Diese Bilderzeugung spiegelt die Wirklichkeit des Deutenden und erschafft sie zugleich.

Wenn du einsiehst, dass das kosmische Rauschen im Bereich der Quarks und die Hintergrundstrahlung im Weltraum Realitäten sind, zwischen denen sich, in unvorstellbar leeren Räumen wirbelnd und tanzend, das Werden und Vergehen ereignet, dann kannst du dich doch frisch und frei fragen: Wie kommt es, dass dennoch das Sinn­liche und Sichtbare wie eine dünne Haut auf der Oberfläche eines „Körpers aus Leere“ erscheint? Nach Ansicht der Sufis sind die Formen der Welt die Sprache der Erzengel in ihrer Verherrlichung Gottes in der kosmischen Liturgie.

Auf dem Hintergrund all der Einsichten in das Dahinter wird die äußerste Verhüllung wieder deutlicher wahrnehmbar als das, was sie ist: ein offenbares Geheimnis. Auch der äußerste Schleier gehört noch zur Göttin. Ist sie doch alles, was war (quid fuit), was ist (quid est) und was sein wird (quid erit). Und sicher ist in ihrem äußersten Schleier, in ihrem äußersten Verbergen alles zu finden, was der Finder begreifen kann. Vielleicht müssen diese Schleier nicht gelüftet oder weggerissen werden wie Masken, die das wahre Gesicht verdecken, sondern sie werden trans­parent und schwinden von selbst dahin, je mehr der blinde Deuter sehend wird. Es könnte ja sein, dass dann im Äußersten ihres Verber­gens sich ihr Innerstes zeigt und das selige Lächeln eines Himmels ­aufscheint, das alle Schleier von innen her durchlichtet.

Das Unscheinbare

Deshalb schaue ich mir das Unscheinbare, die Gestalten der Natur, die in Hülle und Fülle vorhanden sind, genauer an. Nehme diese bedeutungslosen Fundsachen mit ins Atelier, lege sie auf den Altar der Achtsamkeit und mache sie zu meinen Vor-Bildern, die ich zeichne und male,

... um das Ach-so-Gewisse noch einmal zu befragen, anzuschauen, als sähe ich es jetzt zum ersten oder vielleicht auch zum letzten Mal ... mir ist, als halte die Natur Ausschau nach Augen, die sie sehen.

Zeichnen

Manchmal vergesse ich dabei den alten, heftigen Bilderstreit, die künstliche Feindschaft zwischen Bild und Wort.

Vergesse die Mimesis-Diskussion über Schein und Sein, die mich so zwiebelt und zugleich anregt.

Vergesse, dass „alles“ nur Illusion und Täuschung sei und eitel und Haschen nach Wind.

Vergesse, dass „alles“ nur ein sinnloser Zufall sei und sich auf ein Dutzend Teilchen reduzieren lasse, die mit Wahrscheinlichkeitskleister das Universum ausmachten und „alles“ andere, Gott und Sinn, unsere Deutung sei, weil wir es nicht ertrügen, in einem zufälligen, gottlosen und sinnlosen Sein zu existieren.

Vergesse, dass es für Maler, die sich ans Schöpferische wagen, im Islam eine extra Höllenabteilung geben soll. (Die Verfasser dieser Order konnten sich offenbar nicht vorstellen, dass solche „Nach­ahmung“ der Schöpfung nicht nur Hybris und Blasphemie, sondern auch Weg, Würdigung und Danksagung sein könnte.)

Vergesse, dass die moderne Kunst den Naturalismus längst erfolgreich überwunden hat.

Vergesse, dass die Natur missbraucht und end-verbraucht wird, dass sie manipuliert und zer-zweckt wird für den unersättlichen Hunger triebgesteuerter Turbo-Mangel-Programme.

Vergesse, dass Natur zur Kulisse reduziert wird, vor der ein lächerliches, absurdes Welttheater in wichtigtuerischer Selbstüberschätzung seine Jahrtausende alten, unbewältigten Dramen wieder- und wiederkäut, ohne das Göttliche, als Chance und Zielrichtung, in die Insze­nierungen einzubinden, nur weil blindwütende Fanatiker zu allen Zeiten Gott zur Waffe machen, die sie dann gegeneinander einsetzen ... vergesse, vergesse, vergesse.

Da liegen sie, die gesammelten Dinge im Tageslicht. Ich sehe und male. Eine wache, nährende, friedvolle Stille kommt und senkt sich ein wie ein Atem aus anderer Luft. Als gäbe es im Kopf noch ein paar Lungen-Flügel. Die Hand reagiert prickelnd erfrischt und feiert ein Fest. Sie tanzt über die Fläche, ihren Tanzboden, in den sie „alles“ einschreibt. Ist es verwunderlich, dass dann „alles“ von selbst Gebet, Preisung, Dankbarkeit und Freude wird?

Da ist ein Sturz, ein Flug – hinaus ins Innerste!

 

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