Imagine

Mach deinen Koffer leer für die größte Reise deines Lebens

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Schließ die Augen und öffne dein Herz, und du kannst eine Reise unternehmen, um jemanden zu treffen, von dem du dir keine Vorstellung machen kannst – dich selbst.

Carlos Drummond de Andrade, der brasilianische Dichter, sagte über diese Reise, dass sie das Schwierigste sei, was ein Mensch tun könne.

Man kann sich nur vorbereiten auf sie,

diese schwierige und gefahrvolle Reise,

die von dir zu dir selbst führt

und bei der du Schritte tust auf einem Weg zu deinem Herzen.

(Andrade, S. 21 f.)

Es ist eine Reise des Herzens. Was du suchst, ist dort irgendwo bereits vorhanden. Wie unternehmen wir diese Reise? Müssen wir dazu einen Koffer packen oder ein Fahrzeug anmieten? Nichts von alledem, denn das Ziel, dem wir uns nähern, ist kein physischer Ort. Wir leeren unseren „Koffer“, und wir machen uns keine Gedanken über die Dauer der Reise. Das Fahrzeug sind wir selbst, und es ist sogar möglich, dass wir das Ziel in einem einzigen Augenblick erreichen. Das kann geschehen, ohne dass wir einen Fuß vor die Tür unseres Hauses setzen. Der Mystiker Rumi sagt:

Fehlen dir die Füße zum Reisen,

so reise in dich selbst hinein,

wie in eine Mine, in der rubinrote Edelsteine verborgen sind.

Die Strahlen der Sonne reflektieren sich darin,

die Reise führt zu deinem Selbst,

sie verwandelt deinen Staub in reines Gold.

Schließ deine Augen und geh in dich hinein. Hörst du die Stimme, die dich ruft? Die Stimme ist dein wahres Selbst. Du erlebst, dass dieses Selbst nicht dein Name, dein Beruf, deine Nationalität, deine familiären Beziehungen, deine Gedanken, Gefühle, Handlungen oder irgendein Teil deines täglichen Selbst ist. Das sind nur die äußeren Dinge an dir.

Du magst dich fragen: „Warum habe ich das nicht schon früher erkannt?". Das liegt daran, dass du diese Stimme nicht mit den äußeren Ohren hörst, sondern in der inneren Stille.

Was bedeutet es, etwas in der Stille zu hören? Rumi gibt hierzu den Hinweis:

Keiner spricht laut zu sich selbst.

Da wir in Wahrheit alle eins sind,

lasst uns auf andere Weise miteinander sprechen.

Unsere Füße, unsere Hände – sie kennen das Verlangen der Seele.

So lasst uns den Mund schließen und mit der Seele sprechen.

Nur sie kennt das Schicksal von allem und enthüllt es uns, Schritt für Schritt.

Die Inspiration, die du suchst, ist bereits in dir.

Sei still und lausche.

Damit ist ein wichtiger Aspekt der Reise angesprochen: Der erste Schritt auf ihr besteht darin, zu schweigen. Dabei geht es nicht um eine äußere Stille, sondern um die innere. Verursachen unsere Gedanken und Gefühle nicht einen ohrenbetäubenden Lärm?

Im endlosen Kampf ums Überleben, im Wirbel der Bedürfnisse und Wünsche, die von unserem Ego ausgehen, geraten wir in Konflikt mit uns selbst und anderen. Dieser Konflikt hat seinen Ursprung in unserer Selbstzentriertheit und er wird ausgelöst durch unsere Sorgen, Ängste und Befürchtungen.

Wir haben viele Anhaftungen, beginnend mit unseren Bequemlichkeiten, Gewohnheiten, Konditionierungen, Gedanken und Gefühlen, bis hin zu unseren geheimsten Absichten. Und unsere Angst, die Anhaftungen zu verlieren, treibt uns dazu, sie zu verteidigen, gegen jeden oder alles, durch das sie bedroht werden. Ob wir nun angreifen oder weglaufen, beides wird von der Angst bestimmt. Dabei wissen wir tief im Inneren, dass wir in Wirklichkeit nur uns selbst angreifen oder vor dem weglaufen, wonach sich unser Herz eigentlich sehnt.

Das ist die Situation, wenn wir uns weiterhin mit den selbst erschaffenen Wünschen identifizieren, die im Grunde nur Illusionen sind. Oder den Gedanken und Gefühlen, die nur Projektionen unseres Ego darstellen und keinen bleibenden Wert haben. Wie oft haben wir schon um die Erfüllung eines Wunsches gekämpft, nur um uns hinterher leer zu fühlen, wenn er endlich erfüllt ist! Warum fühlen wir uns denn nicht erfüllt, warum erleben wir uns wie in einer Radumdrehung, in der wir vergeblich einem Traum nachjagen? Haben wir nicht selbst die Gewitterwolke erschaffen, die uns umgibt?

Wir wussten nicht, dass, wenn wir auf die Stimme des wahren Selbst hören, all das Chaos und der Lärm unserer Gedanken und Gefühle zum Schweigen gebracht werden. Wenn wir dieser Stimme erlauben, in unsere Seele einzudringen, wenn wir ihre tiefe Stille auch nur für eine Millisekunde erleben, wird uns klar, dass die Reise zu uns selbst begonnen hat. Dann können wir von unserem wahren Selbst ergriffen werden, in dem das ursprüngliche Atom wohnt. Sein Licht durchflutet uns und wird zu unserem Begleiter bei jedem Herzschlag auf dieser Reise der Selbstentdeckung.

Wir brauchen keine Pläne zu schmieden oder Erwartungen zu hegen, denn wir sind nicht der Führer auf dieser Reise. Wenn wir es doch sein wollen, geraten wir in Verwirrung in unserem Denken und Fühlen und enden in zwanghaftem Handeln. Leiten kann uns nur die Stimme der neu erwachenden Seele, die Stimme eines neuen Bewusstseins. Durch sie empfangen wir neue Gefühle und Gedanken und gelangen zu einer völlig neuen Einstellung zum Leben.

Ist das einfach?  

Im Herzen gibt es ein Licht, das sich in uns spiegeln will. Gemeinsam mit uns erzeugt es diesen Spiegel, den Spiegel eines neuen Bewusstseins. In ihm erleben wir unser wahres Selbst. Farid ud-din Attar sagt in seinem Buch Vogelgespräche über diesen Weg:

Oh, mein Herz, wenn du wünschst, zum Beginn der Erkenntnis zu gelangen, dann setze deine Schritte sorgfältig. Zu jedem Atom der Welt gehört eine andere Tür, und für jedes Atom gibt es einen anderen Weg, der zu dem geheimnisvollen Wesen führt, von dem ich spreche. Um sich selbst kennenzulernen, muss man hundert Leben leben. Aber Gott müsst ihr durch Ihn und nicht durch euer eigenes Zutun erkennen; Er selbst eröffnet euch den Weg, der zu Ihm führt, nicht die menschliche Weisheit. (Attar, S.14 f.)

Um diese Reise zu unternehmen, befindet sich alles, was du wissen musst, in deinem Herzen, in dem das Atom einer anderen Natur wohnt – und darin liegt dein wahres Wesen. Das Licht dieses Atoms ist dein Kompass, der dich bei jedem Schritt leitet. Diese Reise beginnt und endet im gleichen Rhythmus: so wie es ein Einatmen und ein Ausatmen gibt, so gibt es immer eine Bewegung nach vorn – „Feuer“, und darauf folgt ein zweiter Schritt, ein Moment der Ruhe – „Wasser“. Und immer wieder gibt es Momente, in denen man stolpert. Das ist Teil des Wachstumsprozesses. Mit innerer Freude und Ausdauer kannst du wieder aufstehen und weitergehen.

Die Stimme der Stille löst nach und nach die Barrieren auf und führt zu der Erkenntnis, dass wir eins sind mit dem „Atom“ und eins sind mit der Welt. Jeder Einzelne ist er selbst und das All.  

Ich wünsche dir eine gute Reise!

 

Referenzen:

Andrade, Carlos Drummond de. As impurezas do branco (Die Unreinheiten des Weißen). Rio de Janeiro: J. Olympio 1974

Attar, Farid Ud-Attar. Vogelgespräche, Interlaken: Ansata Verlag 1993

Rumi, Jalal al-Din. Verfügbar unter: http://www.nasrudin.com.br/poemas-de-rumi/poema-02-segredo.htm. Und unter: http://www.nasrudin.com.br/poemas-de-rumi/tudo-se-resume-no-amor.htm.

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