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Macht und Liebe - Eine Betrachtung über den Weg zu Gott

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Immer ist es der Urgrund selbst, der sich aussendet als Schöpfung, ein Schöpfungsfeld aus sich hervorbringt und sich darin offenbart. Der Urquell dehnt sich aus und schafft Räume. Da er eins ist, begegnet er in diesen Räumen, in seiner selbst geschaffenen Vielfalt, sich selbst. Deshalb ist die Allmacht die Macht des Einen, der Alles in Allem ist.

Wir Menschen sind „Mikrokosmen“, Abbilder des großen Ganzen und gleichsam Strahlen der göttlichen Sonne. Dennoch ist es möglich, dass wir auf unserer Expedition durch alle Schwingungszustände von Kraft und Stoff den universellen Quell unserer selbst vergessen und uns nur mit dem stofflichen Ausdruck unseres so vielschichtigen Wesens identifizieren. Wem die Schale des Ichs zu eng wird, wer sich wieder zu erinnern beginnt, der kann den Rückweg zu seinem wahren, universellen Selbst gehen.

Freiheit

Viele Menschen wünschen sich einen Gott, der in der Welt alles gut einrichtet und durch seine Allmacht Böses verhindert. Die Tatsache, dass Böses geschehen kann und auch geschieht, lässt viele an Gott zweifeln. Wenn man aber davon ausgeht, dass wir Menschen nicht nur „beseelte Geschöpfe aus Lehm“ sind, sondern Mikrokosmen, muss das Verhältnis von Gott und Mensch anders sein. Dann kann es nicht sein, dass Gott aus dem Menschen eine Marionette macht, die er dirigiert und von Bösem abhält. Im Gegenteil, der Mensch muss an sein wahres Wesen erinnert werden. Zugleich muss er imstande sein, seinen Weg durch Raum und Zeit zu erfüllen und dabei alle Erfahrungen, derer er bedarf, in Freiheit zu machen. Dabei kann er sich in eine Sackgasse verlaufen, in die tiefste Isolation seines Ichs – um dann gerade von dort aus durchzubrechen zu seinem wahren Selbst. Denn zwischen Gott und Mensch besteht das Verhältnis eines universellen Wesens zu sich selbst, gleichsam die Beziehung der Sonne zu ihren Strahlen. Es ist nach der alten Weisheit ein Wesen, „dessen Mittelpunkt überall und dessen Umfang nirgends ist“. Es geht darum, dass der Ursprung aller Dinge, der auch unser tiefstes Selbst ist, sich in uns wieder geltend macht. Wir erinnern uns dann an ein Sein vor Raum und Zeit.

Das Selbst

Das wesentlichste Problem auf dem Weg ist also die Frage nach dem Selbst. Wer bin ich? Womit identifiziere ich mich? Die völlige Identifikation mit seinem egozentrierten, beschränkten Wesen und mit seiner raumzeitlichen, vergänglichen Umwelt muss aufgebrochen werden, um den Menschen instandzusetzen, den Weg zu gehen. Die so zustande kommende Relativierung des bisherigen Selbstbildes kann erhebend, aber auch erschütternd sein. Die Macht, die sich dann in uns Geltung verschafft, ist ein Aspekt der Urerinnerung, mithin des Göttlichen in unserem Mikrokosmos. Sie zeigt uns etwas. Was wir aus dem so Gesehenen machen, wird uns überlassen. Wir können also dem Perspektivwechsel in uns Raum geben, wir können uns aber auch verschließen. Die Kraft, die hinter der einbrechenden Erkenntnis steht, lässt uns unseren Erfahrungsweg in neuem Licht weitergehen. Denn er muss vollendet werden, damit wir sowohl Individuen als auch universelle Wesen sein können.

Es gibt vieles, das in uns zu Größe, Expansion und Grenzüberschreitung drängt, das sich aber in einer Welt der Begrenztheit nie harmonisch entfalten kann. Das Universelle und das Beschränktsein müssen in uns zu einer neuen Ordnung finden. Macht und Größe gehören zum inneren Menschen, als Kräfte einer Neuerschaffung, als prinzipiell unbegrenztes Selbst. Begrenzung und Bescheidenheit gehören nach dieser Umorientierung zum äußeren Menschen, der beides akzeptieren kann, wenn der Irrtum der Selbstverwirklichung des Göttlichen im Äußeren aufgelöst ist. Trotz dieser Verlagerung des „Selbst“ nach innen, dieser Klärung der Verhältnisse, kämpft das Begrenzte so lange weiter um Herrschaft und Größe, bis geradezu ein Wechsel des Selbst zustande gekommen ist. Wann immer der Mensch innehalten kann, strömt ihm in Stille die Kraft der Wiedererschaffung zu, als Möglichkeit einer seelischen – und später auch körperlichen[1] – Wiedergeburt. Es ist die Macht, die der innere Mensch über den äußeren erlangen muss, wenn die Wiedererschaffung geschehen soll. Doch diese Macht ist geduldig, sie strömt uns zu in dem Maße, wie wir als „altes Selbst“ sie einlassen und ertragen wollen.

Eine neue Liebeskraft

Die göttliche Kraft ist Same, sie ist Beginn. Sie schenkt uns eine Erneuerung des Denkens, das so beginnt, die raumzeitlichen Beschränkungen hinter sich zu lassen und die Dialektik von Ja und Nein zu transzendieren. Gegensätze werden für dieses neue Denken zu Ergänzungen. Die Gnosis öffnet sich als Kenntnis aus erster Hand. Dies ist eine beginnende Erleuchtung, und dennoch nur der erste Schritt in ein neues Leben. Nichts ist damit erreicht, denn es ist unsere Aufgabe, immer wieder das neue Denken und Bewusstsein zu wählen, um unseren Mentalkörper wirklich zu transformieren.

Eine neue Liebeskraft strömt ein. Das Herz weitet sich und kann zu einem Hort der Einheit zubereitet werden. Wer diese Kraft empfängt, beginnt das Verbundensein aller Wesen und Dinge zu empfinden. Mehr noch, alles wird von Gott mit seiner Kraft umfangen und durchwirkt. Liebe – das kann man dann wirklich begreifen – bedeutet, alles zu göttlicher Herrlichkeit zu erheben. Um dieser Kraft in sich Heimat zu bieten, ist es notwendig, dem Ego den Zugriff auf das Herz zu entziehen. Das Ego und die Einheit können nicht zusammen darin wohnen oder wirken.

Eine neue Lebenskraft

Wenn die ersten beiden Prozesse weit genug fortgeschritten sind, wird uns eine neue Lebenskraft geschenkt. Sie bezieht sich auf die Erneuerung des Ätherkörpers. Äther ist unmittelbares Leben. Der alte Äther der vergänglichen Natur ist mit Ängsten und oft blinder Selbstbehauptung verbunden. Der Äther der ursprünglichen Natur ist Einheit, Werden, Vervollkommnung. Er ist gleichsam die Eintrittskarte in ein neues Lebensfeld. Doch auch diese Veränderung verlangt aufs Neue die Entscheidung: Wer bin ich, wer will ich sein? Können wir die Weite und (Ich-) Leere, die mit dieser Wandlung einhergeht, als Wesensgrundlage annehmen? Bis hierhin schenkt sich die göttliche Kraft als Same, als Potenzial. Immer wieder. Mit ihrer Hilfe kann der Mensch zu einer fundamentalen Entscheidung reifen, das heißt zur völligen Hingabe seines Wesens, seines alten Selbst, an diesen Prozess der Wiedergeburt.

Wenn der rechte Moment gekommen ist, erwacht der Geistfunke, das innereigene göttliche Prinzip, wieder zu autonomem Leben und somit zu seiner eigentlichen Macht. Er durchstrahlt das ganze Wesen und nimmt es in einen unumkehrbaren Umwandlungsprozess auf. Der Mensch ist wieder selbstschöpferisch geworden. Er ist Herr seines Schicksals und Bürger zweier Welten – der ewigen und der zeitlichen. Er geht nun durch alle Welten hindurch zurück zu seinem Urquell.

Auf diesem Weg ist kein Mensch allein, denn wir werden von einem seelischen Feld getragen, das von allen gewoben wird, die den Weg gehen und gegangen sind. In diesem Feld sind Liebe und Freiheit vereint. Deshalb kann man es ein mütterliches Feld nennen: beschützend und ermöglichend. Wir selbst lernen darin, die Frage, was wir als Individuum sind und sein wollen, täglich neu zu beantworten. Wir lernen zu vertrauen. Und aus Offenheit und Liebe wird eines Tages Hingabe: Eine neue Geburt.

Es erweist sich, dass die göttliche Liebe die größte Macht ist. Sie trägt alles, duldet alles, nährt alles. Wenn sie schließlich in einem Wesen erwachen kann, schenkt sie ihm die Kraft, alles zu verwirklichen, was Gott in sich beschlossen hält.

 


[1] Die körperliche Wiedergeburt bezieht sich auf die vollständige Erneuerung des Mental-, Astral-, Äther- und auch Stoffkörpers aus göttlichen Kräften. Dies nennen die Rosenkreuzer Transfiguration.

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