Namen

Name und Taumelkäfer

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Jeder Tropfen einer hohen Welle, die eine Stadt verwüsten könnte, birgt die Kraft der Welle in sich. Sollte sich aber ein Tropfen einbilden, das Meer oder die Welle zu sein, so würde er beim ersten Sonnenstrahl verdunsten. Alles, was wir kennen, war einmal in ein Ganzes eingebettet. Es hat sich entfaltet, hat sich herausgelöst und einen Namen erhalten – und wurde so zu einer Zielscheibe, einer möglichen Beute für andere, die stärker sind. Einen Namen zu erwerben ist ein Abenteuer, ist dramatisch, heroisch und hat auch etwas Magisches an sich. Die Science Fiction-Literatur weiß, dass derjenige, der den Namen eines anderen „kennt“, Macht über ihn hat, im Guten wie im Bösen.

Alles in der Welt trägt einen Namen, mag er bekannt sein oder nicht. Das einzige, was keinen Namen besitzt, ist, was wir „Gott“ nennen. Wir hören zwar von dem „Namen Gottes“, aber niemand kann ihn aussprechen. Ein Gedicht des flämischen Dichters Guido Gezelle (1830-1899) mit dem Titel Het Schrijverke („Das Schreiberchen“) handelt von dem Taumelkäfer, der sich in Kreisen und Spiralen auf der Oberfläche von Gewässern bewegt: Er schreibt und schreibt’s erneut und schreibt es immer noch: Gottes Heiligen Namen (s. unten). Nur kann ihn niemand lesen. Ein Name definiert oder bestimmt, was etwas ist und was es nicht ist. Aber wie sollte man das nennen, was zugleich alles und nichts ist?

Gleichwohl werden wir unentwegt gedrängt, diesem Alles-und-Nichts einen Namen und eine Gestalt zu geben. Irgendwie erleben wir es als Realität, die wir entweder anbeten oder ignorieren oder bekämpfen müssen. Die Vernunft stellt immer neue Theorien auf, das Herz erwartet Unerwartetes – meist aus der Angst, das Unbegreifliche könnte uns irgendwann einmal verschlingen. Könnten wir „es“ doch nur einmal vor uns sehen – von Mensch zu Mensch –, um der unerträglichen Spannung zu entrinnen! Aber wir schaffen es nicht.

Denn – wir würden in die ultimative Konfrontation mit uns selbst gelangen, und das ist der letzte Ort, wo wir den Namen, „das Wesen“, suchen möchten. Diese Erkenntnis, dieses Wissen hat man „Gnosis“ genannt, „Kenntnis des Herzens“. In ihm liegt ein Axiom, das wir nicht fassen können, von dem wir selbst aber erfasst werden. Wir versuchen, die Sache auf ein beruhigendes Gleis zu schieben und arbeiten an einem Bündnis von Kunst, Wissenschaft und Religion. Aber das hat Risse und Spalten und das namenlose Sein bricht durch sie hindurch. Es streckt uns gleichsam die Hand entgegen. Wir flüchten uns aber vor ihm in Interpretationen und Sichtweisen. Das Ewige bietet an, uns aus der Situation des Tropfens zu befreien, des Tropfens, der, ohne es zu wissen, das Wasser in sich trägt und gefangen hält.

Eines Tages aber wird unsere Sehnsucht stärker sein als die Angst um unser Leben. Wir entdecken das Wasser, das wir so lange in uns getragen haben: die Welle und ihre Kraft, das Meer und seine Ruhe. Was wir als Bedrohung empfunden haben, wird nun zum heilsamen Strom, der die Ängste und Vorurteile auflöst und der eine nüchterne und erlösende Wahrheit enthüllt: es geht gar nicht um den Tropfen, den wir so lange aufrecht erhalten haben und auch nicht um unseren Namen, den wir so laut genannt haben, sondern um den Einen Namen, der sich im Wasser spiegelt.

Argwohn und Widerstand verschwinden. Der weite Ozean enthüllt sich, in ihm wird unser wahrer Name gekannt, und unser Platz und unsere Rolle zeichnen sich ab. Das Tosen des eigenen Wellenschlags verstummt und ein neuer Klang vibriert am inneren Horizont – weit weg, und doch ganz nah: das Rauschen des Namens, der nicht ausgesprochen werden kann.

Taumelkäfer[1]

O kringelndes, wimmelndes Wasserding
Mit dem schwarzen Mützchen auf,
Wie seh’ ich doch gern dein Köpfchen flink,
Wie es schreibt auf dem Wasser drauf!

Du lebst und regst dich und läufst so schnell,
Ich seh nicht Arme noch Beine an dir;
Du kreist und kennst deinen Weg so gut,
Und zeigst doch kein Auge, kein einziges mir.

Was warst, was bist du, was wirst du sein?
Erkläre und sag es mir, du!
Was bist du denn, Knöpfchen, so blank, so fein,
Das nimmer vom Schreiben braucht Ruh?

Du läufst über das spiegelnde Wasser klar,
Und das Wasser nicht mehr als sich kräuselt,
Als ob es ein sanfter Windhauch war,
der still übers Wasser hin säuselt.

O Schreiberchen, Schreiberchen, sagt mir dann, –
Zu zwanzig seid ihr und mehr,
Und es gibt keinen einzigen, der sagen kann: –
Was schreibt und schreibt ihr so sehr?

Ihr schreibt, und was da im Wasser steht,
löscht sich aus so schnell und ist fort,
Dass es keiner weiß und keiner errät.
O sag mir’s doch, Schreiberchen, sag doch ein Wort!

Sind es Fischlein, die ihr zeichnet so zart,
Sind es Kräutlein, von denen ihr schreibt?
Sind es Steine, Blätter, Blumen der schönsten Art,
Oder das Wasser, auf dem ihr treibt?

Sind es Vöglein, die zwitschernd und klagend riefen,
Oder das blaue Gewölbe, das strahlt,
Drunten und droben aus unendlichen Tiefen,
Oder, Schreiberchen, seid ihr es selbst, die ihr malt?

Und das kringelnde, wimmelnde Wasserding
Mit dem schwarzen Mützchen auf,
Es stand und richtete seine Öhrchen flink,
Unterbrach für ein Stündlein seinen Lauf:

„Wir schreiben“, so sprach’s, „die Kringel ab,
Das, was der Meister uns einst zur Lehr’
auftrug und zu schreiben gab,
Eine einz’ge Lektion, nicht weniger, nicht mehr.

Wir schreiben, und ihr könnt dies Einfache doch
Nicht lesen? Seid ihr denn töricht so sehr?
Wir schreiben, schreiben’s erneut und schreiben es noch:
Gottes Heiligen Namen, dem Schöpfer zur Ehr’!“

Guido Gezelle, 1857 (aus dem Niederländischen übersetzt von Wilfried Steffan und Gunter Friedrich)

(Dieser Artikel war zuvor in der Zeitschrift Pentagramm, 2018 Nr. 3, erschienen.)

 

 

 

 

 


[1] Die Taumelkäfer, auch Dreh- oder Kreiselkäfer genannt, leben auf der Oberfläche von Gewässern, wo sie sich extrem schnell in Kreisen und Spiralen bewegen.

 

 

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