Horus

Weihnachten und drei weitere Schritte Teil 2: Von der Grenze des menschlichen Bewusstseins

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Im ersten Teil dieser Reihe über „Weihnachten und drei weitere Schritte“ haben wir uns mit der Beziehung der christlichen Feiertage zu den Phasen der Alchemie beschäftigt.

Nun wollen wir eine Parallele zwischen der inneren christlichen Lehre und einer ihrer Quellen ziehen: der ägyptischen Tradition. Denn das Christentum, das vom hebräischen Volk stammt, erbte auch das, was von den Ägyptern ins Judentum überging. Und das beschränkte sich nicht auf äußere Traditionen, sondern umfasste auch die innere Weisheit Ägyptens.

Die vier Phasen der Transformation in der ägyptischen und christlichen Weisheit

In der Erzählung der Evangelien gibt es vier wichtige Charaktere: Herodes, Johannes der Täufer, Jesus und Christus. Sie symbolisieren verschiedene Bewusstseinsstadien, die ein Mensch durchlaufen kann. Unterschiedliche Zustände des Lebens gehen damit einher.

Eine entsprechende Symbolik ist an einem der prachtvollsten Orte Ägyptens zu sehen: im Abu-Simbel-Tempel. Dort sitzen an der letzten Wand, also dem innersten Aspekt, der den tiefsten Archetyp des Menschen verbildlicht, vier Figuren nebeneinander

● Ptha: der Gott der Finsternis,

● Ramses: das neue Bewusstsein, das im Menschen entsteht,

● Ramses in der Gestalt des ägyptischen Gottes Osiris: das Bewusstsein,

   das mit dem universellen Prinzip vereint ist, dem Göttlichen in ihm, und schließlich

● Horus, der Falkengott: der Geist, der sich im Bewusstsein des Menschen manifestiert.

Die Parallele zwischen diesen vier ägyptischen Gestalten und den vier genannten Charakteren der Evangelien zeigt zugleich, dass man auch eine Entsprechung zu den vier Phasen der Alchemie (Nigredo, Albedo, Citrinitas und Rubedo), die wir im ersten Teil des Artikels behandelt haben, erkennen kann. Und ebenso zu den Bedeutungen der christlichen Feste Weihnachten, Ostern, Pfingsten und (im Mittelalter) Manisola, und schließlich auch zum Wachstumsprozess in der Natur, der mit dem Aussäen beginnt, sich mit dem Keimen und Wachsen des Samens fortsetzt und sich in der Frucht vollendet.

All dies sind Zeugnisse von der innersten Wirklichkeit des Menschen und der Möglichkeit ihrer Entfaltung.

Herodes und Ptha: Das Erwachen des Bewusstseins

Was definiert uns?

Was wir „Ich" nennen, ist undefinierbar, denn es ist nicht unser Name und auch nicht unser Geburtsort, unser Geschlecht, Beruf oder unser besonderer Geschmack ... Nichts, womit wir versuchen, uns zu definieren, reicht aus, um zu sagen, wer wir wirklich sind. Unser tiefstes Selbst ist „etwas“, das schon immer existiert hat, sich immer wieder manifestiert und undefinierbar ist. In dem Stadium, in dem wir uns jetzt befinden, ähneln wir in der Regel dem Herodes oder Ptha. Das ist jedenfalls dann der Fall, wenn wir glauben, unser Zentrum, unser wahres Selbst, bestehe aus unseren Gedanken, Vorlieben, Wünschen, unserer Konditionierung, also aus all dem, was wir an uns kennen. Doch das sind nur Schleier, an die wir uns gebunden haben. Identifizieren wir uns mit ihnen, so nehmen wir eine Identität an, die mit unserem wahren Selbst wenig zu tun hat.

Über diese wahnhafte Identität hinausgehend, gibt es jedoch ein Prinzip, das in uns allen gleich ist: unsere tiefste Essenz. Sie gleicht dem Samen, der im Winter unseres Bewusstseins tief und fest schläft. Er muss berührt werden, damit er aufbrechen kann. .

Die Berührung gleicht einem Ruf, einer Stimme, einer Kraft, die den Kompass unseres Bewusstseins durcheinander bringt und ihm, der bisher mit seinem Norden und Süden, seinen Vorlieben und Abneigungen so reibungslos funktionierte, Orientierungsschwierigkeiten beschert. Symbolisch gesprochen wird Herodes, der Selbstkönig dieser Natur, von einem anderen, höheren Prinzip beunruhigt. In der Sprache der Evangelien wird ein neues Kind geboren und Herodes versucht verzweifelt, seinen Aufenthaltsort und seine Herkunft zu erfahren. Denn die erste Reaktion unseres bisherigen Selbst – wenn der Ur-Same aufbricht – ist der Versuch, die Kontrolle über das eigene Leben wiederzuerlangen, die vertraute Ordnung wieder herzustellen.

Aber wie wir im ersten Text unseres Artikels gesagt haben, wird die Logik des bisherigen Selbst von dem Moment an, in dem der Same des Lichts aktiv wird, nie mehr auf dieselbe Weise funktionieren, und der Mensch wird notwendigerweise (ob er will oder nicht) zu einem Suchenden.

Hier ist die Parallele zwischen Herodes und Ptha bedeutsam. Ptha ist der Gott der Finsternis, nicht im negativen Sinne, sondern im Sinne eines Bewusstseinszustandes, den das Licht nicht direkt erhellen kann. Das Prinzip des innersten Lichtes ist zwar aktiv geworden, aber es ist noch unsichtbar. Deshalb wird im Tempel von Abu Simbel die vierte Figur, die des Ptha, im Gegensatz zu den drei anderen niemals vom Sonnenlicht beschienen, auch nicht an den Sonnenwenden.

Johannes der Täufer und die Grenze des menschlichen Bewusstseins

Das innere Erwachen des Bewusstseins markiert eine erste neue Stufe. Das Bewusstsein beginnt, auf die neue innere Stimme zu hören und beharrt nicht mehr auf der alten egozentrischen Logik. Es begibt auf eine Suche, die zu einer ersten Transformation führt. Es ist noch kein spirituelles Bewusstsein ist, aber es entwickelt sich zu einem „vollen menschlichen Bewusstsein", bezogen auf das Dasein in unserer Welt. Parallel dazu keimt der Same weiter und wird zum Hauptmotor der nächsten Schritte der Verwandlung.

Die jetzt erlangte Stufe kann mit der Figur Johannes des Täufers verbunden werden. Der Name Johannes deutet auf das menschliche Gewissen hin; die Bezeichnung Täufer kündigt etwas Kommendes an. Deshalb sagt Johannes: „Ich bin nicht der Christus, sondern vor ihm her gesandt.“

Er weiß innerlich, dass die Verwandlung seines Selbstbewusstseins nicht das Endziel sein kann, und so prophezeit er, dass sich etwas viel Größeres manifestieren wird. Diese Entwicklung führt ihn schließlich an eine Grenze.

Die Ur-Christen haben diese Grenze symbolisch in dem Fluss Jordan gesehen, der von Norden nach Süden fließt. Johannes war auf dem Westufer und schaute auf das Ostufer, wo die Sonne aufgeht. Das alte Bewusstsein schaut auf das innere Licht.

Im Ägypten nahm man den Nil als Bild für diese symbolische Grenze, die Hebräer überquerten die symbolische Grenze, als sie das Rote Meer durchschritten, im Mittelalter sah man den Atlantischen Ozean als eine solche Grenze an: die Menschen pilgerten nach Santiago de Compostella und nach Finisterre (dem „Ende der Erde"). Und das Streben nach Gold auf dem amerikanischen Kontinent, das in der Regel ebenfalls mit einer Überquerung des Kontinents und der Ankunft an dem großen Meer, dem Pazifik, verbunden war, war ebenfalls Symbol für eine Entwicklung hin zu einer Grenze.

Das Bewusstsein – das immer noch menschliches Bewusstsein ist, in dem aber der Same, das universelle Prinzip, aufgekeimt ist und den Betreffenden zu einem suchenden Menschen gemacht hat – muss an seine Grenze stoßen.

Und was findet es, wenn es sie erreicht?

Es findet sich selbst, auf einer höheren Ebene.

 

(wird fortgesetzt)

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