Buddha

Logon und der Weg des Einen Teil 1

zurück zur Startseite pdf share

Der Logos geht einen Weg. Er vollzieht den Weg des Einen. Die Zeitschrift LOGON beleuchtet die Aspekte dieses Weges.

Was ist der Logos? Er ist das schöpferische Wort, das sich in der Welt als Sinn, Vernunft und Kraft ausdrücken will. Der Logos ist die Kraft des Werdens in der Natur und im geistigen Kern des Menschen. Als Ursprung aller Dinge bringt der Logos das Wesen des Einen zum Ausdruck. Er ist höchste Inspirationsquelle; ihn zu erleben – und sei es auch nur für einen Moment – bedeutet ein Auflodern des tiefsten/höchsten Selbst des Menschen.

Von dem ursprünglichen Einen leitet sich alles ab, von ihm bleibt alles umfangen. In LOGON soll deutlich werden, dass die Zwei in der Eins bleibt, die Zwietracht in der Einheit, die Fülle im Einen. Das Eine besitzt vollkommene Freiheit, und es überträgt von seiner Freiheit so viel an die Geschöpfe, wie sie tragen können. Niemand kann das Eine begreifen. Es ist transzendent, unbenennbar, unsagbar, unfassbar. Und doch müssen wir darüber sprechen. Denn da alles aus ihm stammt, strebt alles zu ihm zurück. Einssein ist das Ziel, in dem sich alle Lebensziele treffen.

Der Logos ermöglicht es uns. Er hat dem Menschen das Denken geschenkt. Und das Denken kann sich öffnen für seinen Ursprung, kann durch ihn inspiriert werden.

 

Die Mythen berichten

Aus den bildhaften Beschreibungen der Mythen können wir erfahren, wie sich das Eine als männlich-weiblich zeigt. Ein Philosoph des Altertums (Philo von Alexandrien) sagte: Dem Logos wurde ein göttliches und reinstes Elternpaar zuteil: Gott selbst als Vater, der auch der Vater des Alls ist, und die Sophia als Mutter, durch die das All zur Entstehung kam. (1)

Inmitten der heiligen ersten Polarität erwacht das erste Bewusstsein: der Logos. Er nutzt die schöpferische Bewegung der beiden Ursprungspole, um in ihrem Namen die Impulse zu geben, die das eine Leben in immer höhere Formen kleiden.

In vielfachen Kreisen erzeugt er Wirklichkeit, bis hin zum Menschen. Dem ist es vorbehalten, die Ursprungsharmonie der Pole zu stören und sie zu Gegensätzen zu entzünden.

Und das tun wir: Sein und Nichtsein, Aufbauen und Abbauen, Leben und Tod, männlich und weiblich, Ruhe und Bewegung sind heute nicht mehr die harmonischen Pole der Einheit und des schöpferischen Logos: wir machen sie zu widerstreitenden Gegensätzen. Der Weg des Menschen ist lang, verworren, dunkel, auch wenn er im Einen verläuft.

Über die Tiere sagt Goethe, dass sie in einem „heiligen Kreis lebendiger Bildung“ lebten (in: Metamorphose der Tiere). Sie rühren nicht an die Einheit. Anders ist es beim Menschen. Sein Dasein steht unter dem Zeichen des Aufbruchs. Er ist Zerbrecher und zerbricht dabei selbst. Lukrez, ein römischer Dichter im 1. Jahrhundert v. Chr., stimmte einen Lobgesang darauf an, dass „zuerst sich ein Grieche erkühnte, das sterbliche Auge“ gegen den götterverhängten Himmel zu richten und als Erster es wagte, „die verschlossenen Pforten der Mutter Natur im gewaltigen Sturm zu erbrechen. ... Also geschah’s. Sein mutiger Geist blieb Sieger, und kühnlich setzt er den Fuß weit über des Weltalls flammende Mauern.“ (2)    

 

Was tat der Grieche?

Er ergriff das Denken. Gedanken gehören zum schöpferischen Bewusstsein. Der Mensch begann, sie auf Einzelnes zu richten. Er versuchte, die Erscheinungen der Natur zu begreifen, um sie in den Griff zu bekommen. So trennte er sie voneinander, unterschied sie voneinander und brach auf diese Weise die Einheit auf. „Mutter Natur“ trat ihm nun nicht mehr ausschließlich als Ganzes gegenüber.

Lange Zeit hatten die Mythen dem Menschen den Grund für sein Dasein geboten. In ihnen erkannte er seinen Ursprung und seine Bestimmung, in ihnen fand er seinen Ort in der Welt. Doch dann kam die Zeit, in der sie ihre Kraft verloren. Die Vielfalt der Welt wurde lebendiger, das Spiel der Kräfte, die der Mensch als Götter erlebte, verwirrender. Ein psychisches Chaos entstand in seinem Innern, das er durch die Mythen nicht mehr bändigen konnte. (3)

So ergriff der Mensch das Schwert des Denkens. Mit ihm begann er, die ihn verunsichernden Gewalten der Natur zu bannen, indem er sie definierte. Es war ein Befreiungsschlag.

Zunächst war das Denken „vertikal“ gerichtet, dem Ursprung der Dinge zugewandt. Die ersten Philosophen Griechenlands erklärten die Phänomene aus dem, was sich darüber befand, den Urphänomenen. Diese reichten ins Seelische und von dort bis in den Logos. Das Denken war, in unserem heutigen Licht gesehen, geheimnisvoll, dunkel. Viele

Aussprüche des frühen griechischen Philosophen Heraklit bleiben voller Rätsel. Sie beruhen auf Impressionen aus seelischen Welten, in denen der schöpferische Geist erlebbar ist.

Dann kam eine Zeit, in der sich der Gedanke zum Horizontalen wandte. Auch das war ein Befreiungskampf. Er fand statt, als das Eine sich aus dem Bewusstsein weiter zurückzog. Religiöse Instanzen versuchten, dem entgegenzuwirken und den Erkenntnisdrang des Menschen den Schriften der Religion zu unterwerfen. Dazu formulierten sie Dogmen. Doch diese konnten im Laufe der Zeit immer weniger nachempfunden werden. So wurden sie zu Zwangsjacken, aus denen der Mensch ebenfalls ausbrach.

Forschende Geister drangen tiefer in die Erscheinungen der Natur ein und etablierten das Denken in der horizontalen Richtung. Es kam zum sog. „Galileischen Verzicht“. Mit ihm rettete der italienische Astronom Galileo Galilei Anfang des 17. Jahrhunderts seinen Kopf vor der Inquisition. Er war neben Johannes Kepler, Francis Bacon und René Descartes einer der Begründer der modernen Naturwissenschaft. Galilei bekannte sich gegenüber den kirchlichen Richtern zum katholischen Glauben und erklärte, er werde seine Forschungen auf die Frage nach dem „Wie“ beschränken und die Frage nach dem „Warum“ den religiösen Instanzen überlassen. Das Horizontale wurde zur Domäne des Denkens, das Vertikale verblieb dem Glauben.

 

Der Siegeszug der Naturwissenschaft begann

Forscher rüsteten sich, die Natur zu erobern. War sie zuvor „Mutter Natur“, geliebt und gefürchtet, so wurde sie nun zu einer Sache, derer man sich bedient und die man zerlegt. „Die Natur der Dinge offenbart sich, wenn man ihr mit der menschlichen Kunst zusetzt“, schrieb Francis Bacon 1620. (4)

Der gewaltige Erkenntnisdrang, nach außen gerichtet, führte im Innern des Menschen zu einem Ich, wie wir es heute haben. Descartes sah im Denken den Beweis dafür, dass er existiert. Das Ich, auf diese Weise errungen – ist es nicht ein schillernder Abglanz des Einen? Und die stets unerfüllt bleibende Suche des Menschen nach dem, der er wirklich ist, ist sie nicht ein Abglanz der Suche nach dem Einen?

Die Folgen unseres Forschens sind weitreichend. Wissenschaftler richten den Blick in die Unendlichkeit des Alls – und reduzieren uns dabei zu einem Winzling. Sie begrenzen sich in ihrem Bemühen auf die Naturphänomene – und reduzieren uns zu einem Naturphänomen. Das wissenschaftliche Denken bindet sich an die Zeit – und so sehen wir uns als Eintagsfliege in einem Weltenprozess, der mit einem Urknall beginnt und uns in einer Folge zufälliger Mutationen hervorbringt.

Zwar kann auch das horizontale Denken nicht umhin, sich zu erheben. Es führt zur Abstraktion und zur Mathematik. In Formeln und Begriffen erkennen wir Zusammenhänge. Auch hierbei leuchtet das Eine auf. Seelisch kommen wir ihm dadurch indes nicht näher. Nur wenige vermögen in der Harmonie mathematischer Formeln die Dimensionen von Seele und schöpferischem Geist zu erleben.

Naturwissenschaftler beanspruchen eine Deutungshoheit für das Dasein des Menschen. Damit führen sie ihre Wissenschaft in die Krise, vielleicht ähnlich der, in die einstmals der Mythos und das Dogma gelangten. Denn der Mensch will weiter gehen. Rein naturwissenschaftliches Denken kann den Sinn des Lebens nicht erschließen. So stehen wir erneut davor, aus einem Kreis auszubrechen.

(Fortsetzung folgt)


1 Zit. bei Wilhelm Kelber, Die Logoslehre, Frankfurt am Main 1986, S. 90 (zurück zum Text)

2 Zit. nach Jean Gebser, Ursprung und Gegenwart, 1. Teil, Band 2, Schaffhausen 1986, S. 350 (zurück zum Text)

3 S. auch Gebser a.a.O., S. 373 (zurück zum Text)

4 Zit. nach Roland van Vliet in: Mensch und Erde, Wege zu einem inneren Klimawandel, Band 2, Stiftung Rosenkreuz 2010, S. 51 (zurück zum Text)

zurück zur Startseite pdf share