Orion-Nebel

Hinter den Gedanken

zurück zur Startseite pdf share

... strömen Gedanken durch mich hindurch wie ein stetiger Fluss aus Farben, Tönen und Formen. Bin ich der Erschaffer dieser Gedanken?

Wie ich so sitze und beobachte, sehe ich die Gedanken durch mich hindurch fließen, ganz ohne mein Zutun. Ich bin nicht der Denker und dennoch denke ich. Und wie die Gedanken so in mir aufsteigen und sich wieder verflüchtigen, erhasche ich einen Gedanken, der mir besonders wichtig erscheint. Ich nenne ihn „meinen Gedanken“. Ich halte mich für seinen Schöpfer. Ich bin stolz auf seinen Einfluss und verletzt, wenn er nicht verstanden wird. Ich werde eins mit diesem Gedanken - ich beginne, ihn mit mir zu verwechseln. Darüber hinaus kann ich nichts sehen.

Andere Gedanken nenne ich „deine Gedanken“ und ich bin voller Überzeugung anderer Meinung. Ich sehe, wie auch diese Gedanken immer fester werden.

Ich sehe die Gedanken meiner Vorfahren. Ich nenne sie „meine Vergangenheit“. Ich gebe ihnen die Schuld an der schweren Last, die ich zu tragen habe. Aber ich bin auch stolz auf meine einzigartige Geschichte.

Ich lese und lausche den Gedanken großer Denker. Ich meißele meinen Intellekt nach ihrem Vorbild. Ich denke über sie nach und denke ihre Gedanken nach.

Ich lausche den Gedanken meiner Freunde, überdenke ihre Meinungen, positioniere mich in einem immer neuen Verhältnis zu ihnen. Wir entdecken Muster und Rangordnungen für unsere gemeinsamen Konzepte und sind stets damit beschäftigt, das Gedankengebäude, das wir unsere Identität nennen, anzupassen und umzustrukturieren. Immer fester werden die Mauern dieses Gedankengebäudes, immer kleiner die Räume, in denen ich mich befinde. Dieses Gebäude wird meine Realität.

Wie ich so in großer Ruhe sitze und beobachte, kann ich außerhalb dieser Mauern kaum etwas erkennen. Ich sehe die Gedanken, die ich „mein“ oder „dein“ nenne, „gut“ oder „schlecht“, „wichtig“ oder „bedeutungslos“, und je mehr ich sie fixiere, desto fester werden sie und desto fester halten sie mich.

Und ich sitze im Dunkeln, unwissend inmitten meiner riesigen mentalen Bibliothek und ertrinke beinah in den zahllosen Konzepten und Ideen, die ich in all den Jahren angesammelt habe.

Ich beginne zu verstehen, dass all das nicht ich bin, dass all das nicht real ist, nicht wichtig.

Ich wende mich wieder der stetigen Bewegung zu, die Leben ist. All das, was ich „Ich“ genannt habe, in Stolz und in Verzweifelung, meine so sorgfältig modellierte Identität, ist vielleicht nur eine temporäre Form, in die ich mich selbst hinein gepresst habe. Und noch während ich die Illusion, all dies zu sein, loslasse, verlieren die Gedanken in mir ihre Schärfe, werden sie heller, durchscheinender.

Ich hatte immer geglaubt, dass einmal der Moment käme, in dem ich aufhörte zu denken - ein Moment der tiefen Versenkung, in dem sich alle Gedanke einfach auflösen. Aber so sehr ich auch versuchte, sie zu verscheuchen, das Denken, das Vermuten, das Identifizieren hat niemals aufgehört. Ich habe niemals aufgehört.

Wie ich so in großer Ruhe sitze und beobachte, verstehe ich, dass ich meine Gedanken nicht verscheuchen muss. Sie sind, was sie sind; ein konstanter Strom an Bildern, Konzepten, Erklärungen, Meinungen. Aber ich bin nicht ihr Schöpfer, genauso wenig, wie ich ihr Sklave bin. Ich bin nur ein Beobachter, der die endlosen Bewegungen des Lebens betrachtet. Ich ruhe und beobachte und begreife, dass ich mit keinem Konzept zu begreifen bin, dass ich mit Logik nicht erklärt werden kann, dass ich über jede Meinung hinaus Bestand habe.

Wie ich so in großer Ruhe sitze und beobachte, kann ich mich nicht länger mit dem einen oder anderen Gedanken identifizieren. Sie kommen und gehen und ich lasse sie gewähren, jedoch ich verbinde mich nicht mit ihnen, mache sie mir nicht zu eigen, unterwerfe mich nicht ihren Beschränkungen. Ich lasse sie ziehen und sie werden immer lichter, verlieren ihre starren Formen, ihre dunklen Farben hellen sich auf. Die einstmals harten Mauern wandeln sich zu lichten Wolken, die wie eine sanfte Briese mich umspielen.

Wie ich so in großer Ruhe sitze und beobachte, sehe ich, wie das Gedankengebäude um mich herum allmählich alle Konturen verliert, und zum ersten Mal seit langer Zeit erblicke ich wieder den Himmel meines inneren Universums. Fernab der von mir erdachten Identität begreife ich, dass ich endlos bin. 

zurück zur Startseite pdf share