Panikkar

Dem Anderen erlauben, zu sein

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Raimón Panikkar wurde im Jahr 1918 in Barcelona geboren. Seine Mutter war eine katholische Katalonierin mit einer starken Neigung, den Anforderungen des neuen Jahrhunderts zu entsprechen – besonders, was die Teilnahme am öffentlichen Leben und die Frauenrechte betraf. Sein Vater war ein indischer Hindu aus aristokratischen Kreisen, die Gandhi nahestanden.

Das Leben des jungen Panikkar bestand aus Studien und Studienabschlüssen in Philosophie, Naturwissenschaft und Theologie, die ihn dazu führten, als freier Lehrer und Dozent an Universitäten in Europa und den USA zu arbeiten. Er war katholischer Priester, als er im Alter von 36 Jahren nach Varanasi, einem Dorf in Indien zog, um seine Kenntnis der philosophischen Traditionen Indiens zu vertiefen.[i] Den größten Teil seines weiteren Lebens verbrachte er zwischen Indien, Kalifornien und Tavertet, einem Bergdorf am Fuß der spanischen Pyrenäen. Die letzte Phase seiner Pilgerschaft verbrachte er mit Studien und Meditationen.

 

Der dialogische Dialog

Dialog ist Leben. Bricht der Dialog zusammen, bricht alles zusammen. (R. Panikkar in: Frieden und kulturelle Abrüstung)

Die vielfältigen Bewegungen von Menschen und Gütern, von jeder Art von Handelswaren – stofflicher und unstofflicher Art (z. B. der Informationen) – und der unterschiedlichen Lebensarten die im Strom der Globalisierung entsprechen nicht der harmonischen Vielfalt, die sich in einem Dialog entfalten kann. Allzu oft erleben wir die „sterile Verflechtung von Monologen " (La Mistica en el Siglo XXI, – Mystik im 21. Jahrhundert – Madrid 2002).

Gemäß Panikkar liegt der Schlüssel der wirkliche Beziehungen zwischen den Menschen herbeiführt, im „dia-logischen" Dialog. – Was versteht er darunter ? Täglich erleben wir in sogenannten Dialogen eine Art wetteifernde Dialektik, sich abwechselnde Meinungen, die das illusorische Bild einer Vielfalt suggerieren. Diese Illusion ist langlebig und kraftvoll in ihrer Täuschung.

Um einen Dialog in eine echte Beziehung zu verwandeln und die Hindernisse vorgefasster Meinungen zu überwinden, gilt es, Kreativität zu ermöglichen: einen aktiven (psychischen) Raum zu schaffen, in dem der Dialog sich selbst entfalten kann. Was ist das für ein Raum ? Ein eröffnet einen „dritter Weg“, auf dem sich die beiden Meinungen entwickeln und der sie beide umfasst und keine von ihnen vernichtet. In ihm wird hinter den Sprachformen (dem „Logos“) wird der Mythos offenbar, die Geschichte, an die der, der spricht, glaubt. Dazu gehören Glaubenssätze und auch Symbole, die Glaubenswerte – aber auch Vorurteile – nähren. Wenn sie in dem erzeugten freien Raum offenbar werden, begreift der Sprechende, wie der Andere ihn sieht.

Das ist ein Prozess, der Vertrauen verlangt, nicht politisch korrekten Art, sondern Vertrauen auf authentischer Basis. Dann können, wenn es um philosophische Fragen geht, sowohl monistische (absolute, monotheistische) als auch dualistische Vorstellungen (gut/böse, menschlich/göttlich …) überwunden und in ein Ganzes eingebracht werden, einen Holismus, zu dem Prozesse, Beziehungen und unterschiedliche Lebensformen gehören. Dieses Ganze ist weit mehr als die Summe seiner Teile.

Das Prozesshafte ist das Wesentliche bei einem solchen Dialog, und zwar auf allen Ebenen des sozialen Zusammenlebens.

 

Die kosmotheandrische Vision [ii]

Die göttliche, die menschliche und die irdische Welt – wie immer wir sie nennen mögen – sind die drei unverzichtbaren Dimensionen, welche die Realität bilden. (R. Panikkar in: Die kosmotheandrische Realität).

Panikkar benutzt das Griechische, um über die drei Stufen des Seins zu sprechen, die im Laufe der Zeiten unendliche Varianten der Terminologie durchlaufen haben. Damit will er nicht neue Aufteilungen herbeiführen, sondern die drei in ihrer unerschöpflichen dynamischen Beziehung zueinander darstellen : Nie sind sie von einander getrennt, und nie wird eine durch die andere ausgelöscht. Panikkar spricht von einer „heilige Säkularität". Logik, die dominieren will und dadurch das Bewusstsein verarmen lässt, hat in ihr keinen Platz. Zu diesen „kosmotheandrischen“ Gedanken gelangt Panikkar durch sein Studium vedischer Texte. Doch es gibt auch im Wesen eine ähnliche Überlieferung: man denke nur an die vieltausendjährige Ideenwelt der hermetischen Inspiration, die in der Renaissance in den Werken von Pico della Mirandola erneut auflebte und die Beziehungen zwischen Mensch, Kosmos und Geist umkreist.

 

Christophanie

Die Identität des Christus ist etwas Anderes als der Identitätsbegriff, den wir uns von ihm machen.

Diese  Worte Panikkars – der mit einer Dissertation über Christus im Missverständnis des Hinduismus seinen Doktorgrad in Theologie erhielt – eröffnen einen Horizont vergleichbar dem der christlichen Texte aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, die 1945 in der ägyptischen Wüste wiederentdeckt wurden und als die Bibliothek von Nag Hamadi bekannt sind.

Was ihn selbst betrifft, seine eigene Existenz, sein Leben und seine Gestalt, so kann ihn der Verstand nicht fassen, kein Kunstwerk ihn ausdrücken, noch ein Auge ihn sehen, noch ein Leib ihn greifen. Denn seine Größe ist unerforschlich, seine Tiefe unergründlich, seine Höhe unermesslich, sein Wille unbegrenzt. (aus: Traktat in drei Teilen, in: Schöpfungsberichte aus Nag Hammadi, neu formuliert und kommentiert von Konrad Dietzfelbinger, Andechs 1989). Hier weist der Autor auf das Alfa und Omega hin, das nicht Formulierbare.

Panikkar umfasst in seiner Ansprache über Christus sowohl den historischen als auch den kosmischen Aspekt:  „Die Fülle der Menschlichkeit, die Fülle der Göttlichkeit, die Fülle des Körperlichen und der Materie. Christus ist das Symbol dessen, was wir in einer gewissen Sprache ‚das Absolute, ein Symbol der Wirklichkeit’ nennen." (R. Panikkar in: Oekosophie: die neue Weisheit). Die praktische Anwendung solcher Überlegungen, die Panikkar an Christen des dritten Jahrtausends richtet, ist „Christophanie" (wiederum Griechisch): das Mysterium der Inkarnation und die wiedererweckte Gegenwart des Göttlichen im menschlichen Wesen.

 

Dem Anderen erlauben zu sein

Die „dialogische" Begegnung entfaltet sich auf einer tiefen, uns unbekannten Ebene: der des „Nicht-wissens", die aber über die des „Wissens”, was wir besitzen, hinausreicht. Panikkar verfolgt eine „Strategie der kulturellen Abrüstung“, wie er es nennt: einen Weg, der die Essenz des Friedens mit sich bringt. Die Methode ist dreifach: Die Formen einer bestimmten Sicht der Welt – zum Beispiel der christlichen – müssen dargelegt werden, ohne etwas als selbstverständlich vorauszusetzen. Dann werden sie in die Zusammenhänge von Raum und Zeit hineingestellt, um zu entdecken, was den Dialog behindert, was der Bereitschaft, anzunehmen und mit-zu-teilen, im Wege steht. Die westliche Gemeinschaft, so Panikkar, befindet sich in den Klauen der Furcht. Sie erstickt den echten Wunsch, den Anderen zu verstehen, die Natur zu verstehen, und sich für die Selbsterkenntnis zu öffnen.

Die Transformation, über die wir sprechen, ist kein Prozess eines Einzelnen : Wir müssen unterscheiden lernen zwischen Isolation und Einsamkeit. Isolation ist erstickend, ist tödlich, ist egoistisch; Einsamkeit hingegen bietet einen Raum für Freiheit, in dem ich ich selber bleiben und doch, an Andere den Teil von mir weitergeben kann,  der ihnen fehlt, und der wirklich ich selber bin – und umgekehrt. … Ich muss nach Weggenossen ausschauen, nach Gruppen, Bewegungen, Gesellschafen, nach ‚polis’, Kirche, Guerrilla – nach jeglicher Art von Gruppierung, klein oder groß. … Das ist das reinigende Element. Sobald man sich aber in eine Gruppe einschließt, beginnt die Sprache zu degenerieren. Wenn dann jemand von außerhalb zuhört, wird man den Aufschrei vernehmen: Unglaubwürdig ! Der Grund dafür ist einfach: Wir haben stets unter einander gesprochen ... Das ist es, wie  Kulturen entstanden, die dann Kriegskulturen wurden – wie wir alle so gut wissen. (R. Panikkar in: Oekosophie: die Neue Weisheit).

 

 

 


[i] Varanasi ist ein bekanntes philosophisches Zentrum in Indien, Dort lebte Kabīr mit seinen Jüngern und ist dort auch begraben. (Anm. d. Übers.)

[ii] Kosmotheandrisch: Welt (kosmos) – Gott (theos) – Mensch (andros für anthropos)  (Anm. d. Übers.)

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