Snow Light

Berührt vom Geist?

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Wir lebten auf dem Land. Ich war vielleicht 5 oder 6 Jahre alt. Meine Eltern betrieben eine der drei Dorfkneipen. Sie hatten kaum Zeit für mich. Ich war ein verträumtes Kind und oft sehr unglücklich – alles andere, als meine Eltern es sich gewünscht hatten.

Einmal im Winter wachte ich sehr früh auf, und beim Blick aus dem Fenster sah ich beglückt, dass es geschneit hatte. Ich konnte es kaum abwarten, nach draußen zu laufen. In der ersten Morgendämmerung zog es mich in den Garten, bis ganz zum Ende, dorthin, wo ich weit über die weißen Felder und Wälder schauen konnte. Unberührt, wie verzaubert, lag die verschneite Landschaft vor mir. Es war unglaublich still. Ehrfurchtsvoll nahm ich meine kleine Mundharmonika zur Hand und spielte ein paar Töne darauf. Glänzend und harmonisch, wie eine wunderschöne silberne Skulptur, stand die kleine Melodie inmitten der Stille der klaren schneebedeckten Winterlandschaft. Alles erschien mir überwältigend schön. Mein Herz hätte zerspringen können. Dann war es wieder still.

Ich war glücklich, fühlte mich eingehüllt vom ganzen Weltall, das, erhaben und wie von allem menschlichen Treiben entrückt, vor mir lag. Etwas in mir sehnte sich danach, bis in die Unendlichkeit hinein zu schauen und ich fühlte, dass etwas ganz Entscheidendes im Geheimnis der Ewigkeit verborgen lag, das ich aber nicht sehen konnte. Was bedeutete das? Mein Gehirn wollte fast explodieren.

Plötzlich kam ein Gedanke in mein Kinder-Bewusstsein: Die Menschen, so dachte ich (zu denen ich mich natürlich auch zählte), sind nur deshalb so unglücklich, und das viele Leid in der Welt besteht nur deswegen, weil sie, die Menschen (so wie ich), nicht wissen, was hinter allem steht. Weil sie das Geheimnis der Ewigkeit nicht kennen. Und ich verstand plötzlich und fühlte tiefes Mitleid mit allen, die so gerne glücklich sein wollten, aber an der falschen Stelle danach suchten, weil sie das Wichtigste nicht kannten – und noch nicht mal etwas davon wussten.

Ich erinnere mich, dass ich versuchte, meinen Eltern von meiner Entdeckung zu erzählen; aber sie konnten nichts damit anfangen, und es war auch nicht wichtig für sie.

In den späteren Jahren meiner Kindheit und Jugend zog sich die Erfahrung von damals weit zurück in eine dunkle Unbewusstheit. Heute denke ich, dass mich damals etwas rief, um mir einen Weg zu zeigen. Irgendwann, viel später als Erwachsene, berührte mich wieder etwas – und diesmal begann ich, nach dem Geheimnis des Lebens zu suchen.

Fast alles aus meiner frühen Kindheit habe ich vergessen, vielleicht auch verdrängt. Doch die Heiligkeit dieses einen Augenblicks spüre ich noch heute ganz deutlich, wenn ich daran zurückdenke.

Ich gelangte zu der Überzeugung, dass die Menschen ungeheure Kräfte in Bewegung setzen, viel Mühe und Sorgen auf sich nehmen, viel Hoffnung, Liebe und Hingabe darauf verwenden, um etwas Gutes zu schaffen, um Erfüllung zu finden – und dass sie doch immer wieder scheitern und dabei oft genug Unglück, Zerstörung, Leid und Verzweiflung verursachen. Nur weil sie von dem Einen nichts wissen, dem Einen, dem alles Entscheidenden, das nicht von dieser Welt ist, sondern in der Stille der Ewigkeit wartet.

Deshalb glaube ich, dass der Ruf des Geistes an alle Menschen ergeht.

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