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Begegnung in mehreren Welten

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Ich laufe durch die Straßen. Mein Blick fällt immer wieder auf die Menschen, die mir entgegenkommen. Viele – und es werden immer mehr – schauen auf einen kleinen eckigen Bildschirm. Oft sehe ich, wie sich die Kommunikation und die inneren Bewegtheiten in ihrem Gesicht widerspiegeln. Sie leben gerade in einer anderen Welt.

Der Mensch kann in mehreren Welten leben. Die äußere Realität ist nur eine. Seine Wünsche und Sehnsüchte sind in der Lage, im Inneren weitere Welten zu erzeugen, in die er eintauchen oder auch verschwinden kann. Alle diese bewussten und oft auch unbewussten Dimensionen wirken, wenn wir mit anderen Menschen in Kontakt treten.

Es gibt Welten, die wir nicht erzeugt haben, Dimensionen, die aufgespannt sind zwischen Zeit und Ewigkeit. Wenn das Bewusstsein eines Menschen Anteil an ihnen erhält, dann ist er auf Grund seines Wesens in mehreren Welten zu Hause. Raum und Zeit binden ihn nicht mehr. Er kann sie durcheilen, als wäre sie nicht vorhanden. Sein Wirken verursacht Spuren in ihnen wie Fußabdrücke, die manchmal hunderte oder tausende von Jahren sichtbar bleiben. Zwar sagt die alte Weisheit: „Jemand, der gut geht, hinterlässt keine Spuren“, doch damit ist das Persönliche gemeint. In der Ewigkeit wachsend, stimmt ein solcher Mensch sein Leben und Arbeiten auf die Ewigkeit ab. Ihrer Entwicklung, ihrem Werden hat er sein Leben geweiht. Ihre Kräfte sind es, die er in unsere Welt überträgt. Jeder, der mit ihm in Kontakt tritt, erfährt eine Wirkung in seinem Inneren, die ihm in dem Moment oft nicht bewusst ist. Die lebendige Ewigkeit bleibt oft unerkannt.

Alchemist werden

Ein in mehreren Welten Erwachter handelt als Mensch unserer Welt nach den Notwendigkeiten seines Lebens, doch im bewussten Kontakt mit der Ewigkeit wandelt er auf Wegen, die ihm das Licht in seinem Inneren weist. Wenn die Ewigkeit in seinem Inneren wächst, dann wird er zum Alchimisten, der überall dort, wo er gerade wirkt, das Ewige im Lauf der Zeiten erkennt, extrahiert und zu einem „Haus der Weisheit" kondensiert. Das bedeutet: Zusammen mit Seinesgleichen arbeitet er an einem Raum, einem Feld, einer Atmosphäre, in der Erkenntnis, Weisheit und Liebe neue Möglichkeiten der Entwicklung eröffnen.

In diesem Haus der Weisheit versammeln sich Menschen, deren Ruhelosigkeit sie bis an das Ende unserer Welt geführt hat. Sie haben eine tiefe Sehnsucht, die über die Grenzen des Bekannten hinaus ins geheimnisvolle Unbekannte führt. Das Haus der Weisheit hat Türen und Fenster, die den Blick auf verschiedene Welten erlauben. Zur einen Seite gibt das Fenster den Blick auf die Ewigkeit frei, die sich in zwei Gesichtern zeigt: als ein ewig Ruhendes und als eine Welt des beständigen Wandels und Werdens. Die andere Seite öffnet die Tür in die bekannte Welt, die zur Gewohnheit einlädt, die uns anbietet, es sich bequem zu machen, sich in trautem Kreise einzuwohnen – und zu erschlaffen.

Menschen, die im Haus der Weisheit leben, tragen die Ewigkeit in die Zeit. So vermag das Ewige die Zeit zu durchdringen und an immer neuen Orten Blüten der Liebe, Erkenntnis und Weisheit zu entwickeln, die sich öffnen, ihre Schönheit entfalten und wieder verblühen. Die Blüten geben ihre Früchte frei, die oft Jahrtausende überdauern und für suchende Menschen immer wieder einen Anknüpfungspunkt bilden, um das Haus der Weisheit zu finden.

Wer in diesem Haus wohnt, ist „weder Mensch, noch ist er kein Mensch“. Als biologischer Mensch kann er sich nicht mehr zur Ruhe setzen, sondern wandert rastlos durch die Welt. Als Träger des Lichtes, das nicht aus unserer Welt kommt, ist er in einen ewigen Werdeprozess eingebunden. Er gleicht dem Alchimisten, der beobachtet, wie die Ströme der Ewigkeit den Lauf der Zeiten durchdringen und sich zum Zeitgeist weiterentwickeln. In der Ewigkeit verankert, beobachtet er, setzt Impulse und wirkt mit, den Entwicklungen in der Zeit die notwendige Richtung zu geben. Als Alchimist sammelt er die Zutaten aus dem Zeitgeist „in seiner Retorte" und setzt sie „auf ein leichtes Feuer", damit alles in der gelinden Wärme zirkulieren kann. So extrahiert er das Ewige aus dem Zeitgeist und konzentriert es, indem er es langsam vom Sichtbaren trennt. Er bietet es dann den Menschen als unsichtbare Nahrung an, damit sie erkennen, wer sie wirklich sind.

Im Auge des Hurrikans

Wer sich in seiner ganzen Tiefe erfährt, tritt in das ewige Werden ein. Er sieht den Zustand der Menschen, der oftmals einem Wirbelsturm gleicht. Da ist das ungestüme Vorwärtsdrängen auf der Lebensbahn, das oft Bahnen der Verwüstung hinterlässt. Doch jeder Wirbelsturm hat ein Zentrum. Im Auge des Sturms ist es vollkommen still. Dort sind alle Kräfte im absoluten Gleichgewicht und kommen zur Ruhe. Jeder Mensch hat in seinem Zentrum dieses Auge des Sturms. Es ist ein Raum, den die Welt niemals betritt. Sein Wesen verharrt dort in Ruhe. Hier wird die Ewigkeit im Menschen geboren. Durch sie lernt er irgendwann, zu seiner Zeit, mit beiden Beinen fest in diesem Auge des Sturms zu stehen, und aus dieser Stille heraus wird er seiner Entwicklung dann eine klare, eine segensreiche Bahn geben.

Auch wenn die Sehnsucht danach verlangt, ist es schwer, einen Menschen kennen zu lernen, in dem die Ewigkeit lebendig ist. Niemand weiß, wann und wo er auftritt und was er gerade tut. Das Ergebnis seiner Taten wird oft erst in den kommenden Jahrhunderten sichtbar, wenn sie sich von dem gelöst haben, was er als Mensch erlebte. Je mehr Ewigkeit er als Alchimist seinen Taten zufügt, umso länger leben ihre Früchte.

Im Kontakt mit einem Menschen kann man nicht ohne Weiteres wissen, ob man sich in diesem Moment auch mit der Ewigkeit im Austausch befindet. In Goethes Faust lesen wir die Worte: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst.“ Das Ewige in anderen Menschen zu erkennen, bedarf der Ewigkeit im eigenen Wesen, und so geht der Dialog von Mensch zu Mensch, aber manchmal auch „von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Zwischen allen jedoch besteht eine geheimnisvolle Beziehung.

 

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