Erstellt am 08 Mai 2018

NEUERSCHEINUNG Rüdiger Sünner: Geheimes Europa

Zukunftsimpulse

Rüdiger Sünners neues Buch Geheimes Europa. Reisen zu einem verborgenen spirituellen Erbe

 

Gunter Friedrich

 

Das Denken und der Erfindergeist der europäischen Kultur haben die Welt verändert. Damit einhergehend hat sich das Ich emanzipiert. Befreiungskämpfe verschiedenster Art kennzeichnen die europäische Geschichte. Hoffnungsvoll brach der „Held“, das abendländische Bewusstsein, vor einigen Jahrhunderten auf, um im Glauben an die Technik das Paradies auf die Erde zu holen. Nun stehen wir nicht weit vom Abgrund entfernt. Die natürlichen Lebensgrundlagen sind gefährdet, die Technik hat uns gleichsam überholt und das Ich befindet sich in der Krise. Der Sinn des Lebens ist in ein Dämmerlicht geraten, für viele nicht mehr wahrnehmbar.

 

Doch der Weg des Bewusstseins geht weiter. Es wird Weggabelungen geben. Das Denken ist an Grenzen gelangt. Kann die Kunst uns weiterhelfen?

 

Rüdiger Sünner ist Künstler: Filmemacher. Aber er ist auch Autor, in seinen Büchern reflektiert er seine Arbeit. Sein neuestes Buch gewährt einen Einblick in 25 Jahre filmerischen Schaffens. Die Motivationen, Gedanken, Empfindungen entfalten sich, reifen heran. Die meisten der Filme betreffen Menschen, deren Arbeit wegweisend war, die Türen geöffnet haben. Da ist der Politiker Dag Hammarskjöld, der Künstler Joseph Beuys, der Tiefenpsychologe C.G. Jung, die Mystikerin Dorothee Sölle, der spirituelle Lehrer Rudolf Steiner, der Poet Paul Celan … Dem großen Thema der Evolution widmet sich der Film Das kreative Universum – Naturwissenschaft und Spiritualität im Dialog (2010). Verinnerlichung und geistige Grundlegung findet sich im Film Geheimes Deutschland. Spirituelle Elemente der Frühromantik (2006). Bekannt wurde Sünner durch seine Auseinandersetzung mit den Nationalsozialismus: Schwarze Sonne – Mythologische Hintergründe des Nationalsozialismus(1996/97).

 

Forschendes und Ringendes stehen neben Betrachtendem und Poetischem. Es ist eine erfrischende, inspirierende Lektüre, flüssig geschrieben, die Auswahl für jeden bereichernd. Der Autor lässt Raum für den Leser. Er sucht ja selbst seinen Standort. Er reiht sich ein in die, die ins Neue vorstoßen.

 

Sünner bezeichnet sich als Agnostiker. „Ich bin kein Mystiker. Vielleicht spüre ich während der künstlerischen Arbeit manchmal, dass ich zu einem ‚Gefäß’ für etwas werde, dass etwas in mich einströmt, das mein alltägliches Bewusstsein übersteigt.“ Und doch nähert er sich dem, was nicht gewusst werden kann, mit sicherem Gespür. Er wendet sich gegen „esoterische Wege“. Und doch sind seine Filme und sein Buch Wegweiser ins Innere, erwecken Resonanzen noch unentwickelten Potenzials. Die Distanzierung vom Esoterischen bezieht sich auf Missbrauch und an der Oberfläche Bleibendes, das heute oft damit bezeichnet wird.

 

Schon die Lebensgänge der Protagonisten der Filme ist für jeden bereichernd. In Sünners Darstellung werden sie zu Kunstwerken. Seelisches gestaltet sich, man kann mitgehen, kann ein wenig mitwachsen. Da ist Joseph Beuys, der den „Wärmeimpuls“ des Christus als „in alle Fernen der Geschichte und in alle Fasern auch der anorganischen Welt“ ausstrahlend erkennt und in seinen Werken davon Zeugnis ablegt (Zeige deine Wunde – Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys, 2015).

Da ist die protestantische Theologin Dorothee Sölle, die in einem staunenden Erleben das Einssein mit der Schöpfung erfährt. „Die Natur ist kein Es, … sondern ein lebendiges Du“

(Mystik und Widerstand – Dorothee Sölle, 2013). Und der Dichter Paul Celan, dessen Eltern im Holocaust umkamen und der entscheidende Lebenshilfe in der Kabbala, der jüdischen Mystik fand (Gottes zerstreute Funken – Jüdische Mystik bei Paul Celan, 2016).

 

Seiner jahrelangen Auseinandersetzung mit der Anthroposophie verleiht Sünner im Film Abenteuer Anthroposophie – Rudolf Steiner und seine Wirkung (2007) Ausdruck. Im Buch gelangt er zu dem Ergebnis, dass er das Anthroposophische am Liebsten als Kunstform ansehen möchte, „die ihre Themen nicht als letzte Wahrheiten, sondern als mythologische Narrative behandelt, die künstlerisch rezipiert werden“. Wiederum die Selbstgestaltung des Menschen.

Mit dem Film Nachtmeerfahrten – Eine Reise in die Psychologie von C.G. Jung (2011) taucht Sünner ein in das Leben des großen Seelenforschers. Im Film The tree of life. Auf den Spuren von Dag Hammarskjöld in Lappland(2004) tritt die einzigartige Gestalt des UN-Generalsekretär vor Augen, der aus spirituellen Wurzeln seine Kraft für die politische Arbeit bezog.

 

Das Geheime Europagehört mit zum Besten, was ich in den letzten Jahren gelesen habe.

 

Ein neuer Film erscheint im September: Engel über Europa – Rilke als Gottsucher. Man kann sich darauf freuen. Die Stiftung Rosenkreuz wird auch ihn, wie andere zuvor, zusammen mit einem Podiumsgespräch präsentieren. Termine sind angedacht für München, Calw und Gütersloh.

 

 

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