Gaze

Der Blick, der alles versöhnt

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Enthusiasmus, der ansteckend ist

Im Rathaussaal von Pistoia (Italien) wurde ich Zeuge eines höchst eindringlichen Vortrags der Verse Dante Alighieris. Die Worte wurden nicht nur rezitiert, sie wurden erfahrbar durch die Persönlichkeit der Schauspielerin, sie wurden leidenschaftlich und mitschwingend, unwiderstehlich lebendig.

Stellen Sie sich eine Empfindung vor, die Sie genau das fühlen lässt, was die Verse sagen, die Sie ein Mitgefühl erleben lässt gegenüber dem, was den Gestalten der Komödie widerfährt und Ihnen gleichzeitig das Gefühl gibt, es sei auch Ihre Erfahrung, eine, die unter die Haut geht und das Herz erschüttert. „Das Theater ist ein Ort der Erfahrung“, sagt Lucilla Giagnoni, die nur durch ihre Stimme und ihre Gesten das Publikum so berührt hat.

Sie ist Schauspielerin, aber diese Bezeichnung allein wird ihr nicht gerecht. Lucilla arbeitet unermüdlich an verschiedenen Fronten. Sie tritt in Radiosendungen auf und kämpfte um die Verbesserung der Möglichkeiten des Theaters von Faraggiana, eines Kulturzentrums für Theater, Musik, Tanz, Kino – eines Ortes der Integration. Lucilla spricht moderne und alte Sprachen, für ihre Auftritte stürzt sie sich unter Umständen in das Studium des Hebräischen und des Sanskrit. Die von ihr zusammengestellte Spirituelle Trilogie (bestehend aus den Teilen Jungfrau Maria, Urknall und Apokalypse) erreicht sehr große Höhen, und sie arbeitet daran bis zum heutigen Tag.

Der Auftritt, den ich miterlebte, war ein Auszug aus Jungfrau Maria. Es ist eine nach innen weisende, machtvolle Aufführung, in der weibliche Gestalten der Göttlichen Komödie aus den Versen aufsteigen, um uns einen Spiegel vorzuhalten. Darin liegt eines der Hauptziele der Spirituellen Trilogie: das Publikum auf den Pfad des Bewusstseins zu führen. Lucilla macht Gebrauch von „heiligen“ Texten, von Auszügen aus Theaterstücken, Kurzgeschichten, Anekdoten, wissenschaftlichen Darstellungen und Autobiographien. All dies fügt die Schauspielerin zu einem Pfad zusammen, dem zu folgen sie uns auffordert, mit ansteckendem Enthusiasmus.

 

Sehen, Bewundern, Lieben

Werfen wir einen Blick auf den Moment kurz vor dem Ende der Aufführung, wenn Ludmilla aus dem letzten Lobgesang des Paradieses aus der Göttlichen Komödie rezitiert. Wiederholt wird dort auf das Sehen hingewiesen: 19mal „sieht“ Dante, der Pilger, etwas, oder er will den Leser etwas ansehen lassen. Häufig kommt das Wort „Augen“ vor, und Lucilla versäumt es nicht zu betonen, dass diesem Dichter – einem der größten seiner Zunft, der sicher wusste, wie man Worte einsetzt – trotz seines Talentes die Worte fehlten, um uns an seiner göttlichen Begegnung teilhaben zu lassen.

Was war das für eine Begegnung?

Oder besser: Was war das für ein Anblick, der ihm zuteil wurde?

Die letzte der weiblichen Gestalten, die in der Göttlichen Komödie auftreten, ist die Jungfrau Maria. In Lucillas Worten ist sie „die Gestalt, die jede Frau, ja die ganze Menschheit erlöst. Es gelingt ihr, eben weil sie eine Frau ist, eine Lösung zu finden, die alle Gegensätze miteinander versöhnt, alles Gegensätzliche zusammenhält.“

Die Schauspielerin nimmt uns bei der Hand, um uns zu zeigen dass Maria, diese stille Gestalt, in Wahrheit durch ihr Staunen spricht. Sie ist die Mittlerin, durch die wir Gott sehen, dessen direktes Licht wir wegen seiner Intensität nicht aushalten können. In einem Spiel von Spiegelungen zeigt sich Dante eine Vielzahl von Bildern in der Gegenwart der Jungfrau, und schließlich erblickt er auch sein eigenes Gesicht, sein göttliches Abbild, und verschmilzt mit ihm:

Da sah, in eigner Farbe, klar und rein,

ich unser Ebenbild gemalt darinnnen,

und ganz versenkt hat sich mein Blick darein.

(Paradies, 33. Gesang, Verse 130-132)[1]

 

Fast ist es so dass der Akt des Sehens die Sprache ersetzt, die Worte verschwinden in dem Anblick, und das Sehen zieht die rein weibliche Haltung vor: den Gruß.

In einem geschriebenen Text werden Objekte, Menschen und Geschehnisse voneinander unterschieden, so dass der Autor seine Erzählung in Raum und Zeit ausbreiten kann. Demgegenüber ermöglicht es ein weiter Blickwinkel des Sehens, neben den Seiten des Buches auch die Feder zu erfassen, welche die Verse schrieb, und den Verfasser, das Haus und die Stadt, in der das Buch entstand.

 

Der Blick des schöpferischen Geistes

Wenden wir uns nun einem Text zu, dessen Echo in der Göttlichen Komödie mitschwingt: der Bibel. In der Genesis, gleich nach der Erschaffung des Himmels und der Erde, lesen wir:

Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.

Und Gott sah, dass das Licht gut war.[2]

„Und Gott sah, dass es gut war“ ist ein Satz, der in den folgenden Passagen der Schöpfungsgeschichte immer wieder vorkommt.

Nach einem Akt der Schöpfung folgt eine kurze Betrachtung, ein Rundblick, der das Universum wie in einer Liebkosung umfasst. In einzigartiger Weise findet der erste Schöpfungsakt in der Finsternis statt, doch dann kommt das Licht, so dass wir sehen können!

Es ist wie bei einer Mutter: das Kind wächst in der Dunkelheit des Mutterleibes heran; sobald es auf die Welt kommt, schaut die Mutter es an.

Lucillas Publikation Jungfrau Maria nutzt den Blick des Dichters, damit der Leser, das Publikum, in ihm sein eigenes Gesicht erkennt.

Dantes und auch Lucillas Reise haben ein Ziel: wir sollen uns selbst erkennen. Unser Abenteuer, unsere Reise beginnt an der Stelle, an der die Göttliche Komödie endet, an der Lucilla sich von uns verabschiedet mit den letzten Worten der Komödie, in denen die Rede ist von der Liebe, die in Gang hält Sonn und Sterne.

Das Ziel, uns selbst zu erkennen, bedeutet, unser wahres, göttliches Gesicht zu sehen. Und damit ist die Reise nicht zu Ende, sondern beginnt in Wirklichkeit erst. Wir stehen an einem sich kontinuierlich erneuernden Anfang, so wie unser Blick auf die Welt und ihre Bewohner sich fortwährend erneuert.

Unzählige Höllen sind geschaffen worden von Augen, die sich in die Welt projiziert und ihr aufgezwungen haben. Das Ergebnis ist Finsternis. Aus ihr muss eine neue Sicht entstehen. Vor unseren Augen kann sich das Enttäuschende auflösen.

Eine immense Zahl möglicher Lösungen kann vor uns erscheinen, nicht als Projektion einer besseren Welt, sondern als realistischer, realer Rückhalt einer Existenz, die keine Feindschaft mehr braucht. Wenn sich unsere Augen verschließen gegenüber dem Spiel des trotzigen Blicks und der Selbstbehauptung, können wir nüchtern werden. Wir können erwachen aus einer Handlungsweise, welche die Welt nicht heilt, sondern sich ihrer bemächtigt.

Der staunende Blick, der versöhnt, speist sich aus Quellen unseres innersten Seins und schafft Raum für sie. Sie wirken dann mit bei unserem Schauen, Verstehen und Handeln.

 


[1] Übersetzt von Friedrich Freiherr von Falkenhausen, Insel Taschenbuch

[2] 1. Mose 1, Vers 3 und 4, Lutherbibel.

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